Da sitzt sie, Emmie Arbel, und schaut einen sehr bestimmt an, eine Dame, Mitte achtzig, die zitronengelbe Hose leuchtet auf dem Buchdeckel. Ganz gleich, ob das Buch steht oder auf dem Tisch liegt, der Blick Arbels vom Cover der Graphic Novel begleitet einen durch den Raum. Läuft mit, blickt tief, forschend, fordernd. Fast so, als würde sie rufen: „Mach deine Augen und Ohren auf! Schlag das Buch auf!“
Die Stadtbücherei Dachau macht am Dienstagabend ihr Publikum nicht nur mit Emmie Arbels Überlebensgeschichte bekannt, sondern auch mit der international mehrfach ausgezeichneten Münchner Künstlerin Barbara Yelin. Sie hat die Geschichte Arbels geschrieben und gezeichnet. 2024 erhielt sie den Max und Moritz-Preis als Würdigung für ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Menschen, die Verfolgung, Krieg, Flucht und Gewalt erfahren haben.
Auf einer weißen Leinwand werden Seiten aus ihrem Buch gezeigt: Momentaufnahmen aus Arbels Zeit im Durchgangslager Westerbork, den Konzentrationslagern Ravensbrück und Bergen-Belsen. Sprünge in die Zukunft und Vergangenheit.
Emmie Arbel hat zu viel erlebt, um es auf 40 Seiten zu erzählen
Die Protagonistin der Geschichte ist die selbstbestimmte Emmie Arbel, 1937 in Den Haag geboren, 1942 von den Nazis mit ihrer Familie deportiert. Kurz nach ihrer Befreiung 1945 stirbt Arbels Mutter im KZ, der Vater wird in Buchenwald ermordet. Arbel überlebt mit ihren Geschwistern den Nazi-Terror und wandert nach Israel aus. Dort treffen sich die beiden Frauen, Barbara Yelin und Emmie Arbel, für eine Zusammenarbeit am kanadisch-internationalen Projekt „Survival-centered Visual Narratives“. Es bringt Zeichner aus aller Welt mit Überlebenden von Genoziden zusammen, um gemeinsam an einer Umsetzung ihrer Geschichten in Bildern zu arbeiten.

Entstanden ist dabei zunächst eine 40-seitige Auftragsarbeit mit dem Titel „Aber ich lebe“. Doch ein ganzes Leben auf 40 Seiten darzustellen – ein Leben, in dem sich ein Trauma auf das nächste schichtet – das erschien auch Yelin irgendwann nach wenig Platz. So war die Idee für das im vergangenen Jahr veröffentlichte und im Ludwig-Thoma-Haus vorgestellte Buch „Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung“ geboren.
Was darf erzählt werden?
Anfangs, 2020, versuchte Yelin noch, den professionellen Abstand zu ihrer Protagonistin zu halten; sie wollte sich nicht in ihre Geschichte einschreiben. Irgendwann ließ sich das aber nicht mehr durchhalten, sie zog für die Recherche sogar in Arbels Gästezimmer ein. Während Yelin ihr Material sammelte, suchte die alte Dame in ihrer Erinnerung nach dem, was erzählt werden durfte und was für immer ihr Geheimnis bleiben sollte. Zwischendurch kochte sie Kaffee oder spielte Solitär. Offen sagte sie, wann sie eine Pause brauchte. Oder wann sie einfach nur mal Fernsehen wollte.
Diese Passage beeindruckt einen Zuhörer im Publikum ganz besonders. Fernsehen mitten während der Dokumentationsarbeit – das wäre in einem gewöhnlichen Interview, das vielleicht auf nur eine Stunde ausgelegt ist, unvorstellbar. Für die Graphic Novel aber, an der die Künstlerin etwa drei Jahre gearbeitet hat, sind genau diese unverstellten Einblicke des gelebten Alltags ein wichtiger Teil, um die Protagonistin kennenzulernen.
Ein ungeheurer Kraftakt
Vermutlich hätten die beiden noch mehr Zeit gebraucht, um die Komplexität eines ganzen Lebens erzählen zu können. Doch hätten sie auch die Kraft dafür gehabt? „Dieses Buch war ein ungeheurer Akt der Anstrengung“, schreibt die Autorin in ihrem Nachwort. Eine Graphic Novel über die Shoah – ist dieser Auftrag nicht schon schwierig genug? Beinahe unvereinbar, vermutete die damals 83-Jährige. Die Beschäftigung mit ihrer Kindheit und Jugend hat Erinnerungsfetzen, nein, ganze Erinnerungsbrocken freigelegt, die jahrelang unter Schweigen begraben waren. Zum Beispiel über ihren sexuellen Missbrauch, nach der Befreiung aus dem KZ, da war sie noch tuberkulosekrank, ein Jahr lang bettlägrig und wurde von ihrem jüdischen Pflegevater missbraucht.
Aber wenn sie es jemandem damals erzählt hätte, wo wäre sie dann wohl gelandet? „Ich würde auf der Straße sein, niemand würde für mich sorgen“, antwortet Arbel im Buch. Es sind wenige Worte, die sie für diese Schandtat findet. Wenige Worte, aus denen der Leser erfährt, wie ausgeliefert sie sich gefühlt haben muss. „Es ist nur eines der schwierigen Dinge, die mir in meinem Leben geschehen sind“, sagt sie. „Es soll nicht die Hauptsache sein.“
Für Yelin und Arbel sind die Zeichnungen zu einem Begegnungsort geworden, das Unausgesprochene endlich ausdrücken zu können. Unerwartet war für beide, dass die Holocaust-Überlebende sich an Dinge erinnern würde, die bisher nicht abrufbar waren. Arbels Ehrlichkeit und Zerrissenheit wird auch der Leser ausgesetzt: „Ich erinnere mich“, „ich erinnere mich nicht“, „manche Sachen weiß ich, aber ich erinnere mich nicht.“ Hier wird die Zeichnung zum Gehstock für die Reise durch die eigene Vergangenheit. „Ein Dialogwerkzeug“, nennt Yelin sie.
Immer wieder vergewissert sie sich: „Ist es so gewesen, Emmie?“
Wenn in der Anthologie Lücken auftaten, habe Yelin ihrer Gesprächspartnerin die Zeichnungen vorgelegt und gefragt: „Ist es so gewesen, Emmie?“ So hatte sich die Künstlerin an die Vergangenheit ihrer Protagonistin „herangezeichnet“ und für Arbel vieles überhaupt erst abrufbar gemacht – sie von der Vorstellung befreit, dass das Aussprechen ihrer Schicksalsschläge eine Art zweite Erniedrigung bedeuten müsse.
Yelin erzählt die Geschichte nicht chronologisch, vielmehr verschmelzen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem großen Chaos der Gefühle und Gedanken. So wie Erinnerungen nun einmal funktionieren.
Dass Emmie Arbel sich entschieden hat, ihre Geschichte für Barbara Yelins Buch zu erzählen, ist auch mit einer Hoffnung verbunden, dass die Shoah ein singuläres Ereignis der Geschichte bleibt. Dachau ist kein schlechter Ort für diese Botschaft.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Textes hieß es, der sexuelle Missbrauch habe sich wiederholt, dem war nicht so. Auch ist die Mutter der Protagonistin kurz nach der Befreiung verstorben und nicht davor.

