Autorinnen-Duo Ingrid Zellner und Simone Dorra "So richtig gefetzt haben wir uns eher selten"

Ingrid Zellner und Simone Dorra sind Autorinnen der actionreichen "Kashmir-Saga". Auch der gemeinsame Schreibprozess ist voller dramatischer Momente. Ein Werkstattgespräch über Live-Dialoge, eigenwillige Helden und wann eine Figur sterben muss

Jüngst kam der dritte Band der "Kashmir-Saga" heraus: "Ein Geschenk der Götter". Hauptfiguren sind Raja Sharma aus dem indischen Maharashtra und der Waisenhausleiter Vikram Sandeep aus Srinagar im Kaschmir. Autorinnen der erfolgreichen Reihe sind die Dachauerin Ingrid Zellner und die Welzheimer Autorin Simone Dorra. Parallel arbeiten sie derzeit an einem gemeinsamen Krimi. Immer wieder treffen sie sich, um spannende Plots auszuarbeiten. Beide kommen mit identischen Anhängern in die Redaktion, die einen Baum zeigen. Am Ende des Gesprächs stellt sich heraus, dass sie sich beide sogar das gleiche Tattoo haben stechen lassen: eine Feuerschale, die auch den Rücken der Kashmir-Saga-Bücher ziert. Die zwei sind ein gutes Team, unübersehbar. Kreative Reibung gibt es aber auch bei ihnen.

Sie haben sich einem Internet-Forum für indische Filme kennengelernt. Woher wussten Sie, dass die jeweils andere auch literarische Ambitionen hat?

Ingrid Zellner: Ich habe damals im Forum täglich eine Fanfiction gepostet, die jeder mitlesen konnte. Simone hat mir erzählt, dass sie auch schreibt und gerade dabei ist, ihren ersten Roman zu vollenden. Meine Geschichte hat ihr auch gut gefallen.

Simone Dorra: Sehr, ja.

Zellner: Und dann hat sie aus dem Stand eine Geschichte geschrieben und im Forum gepostet, die ebenfalls in Kaschmir spielte.

Dorra: Da saß ich gerade noch an meinem Erstlingswerk, das 2014 erschienen ist: "Fluchmond", ein Fantasyroman. Ich hatte mich festgeschrieben und dachte: Verflixt, was mach ich jetzt? Ich habe an einer Szene immer wieder rumgedoktort, sie gelöscht und wieder neu geschrieben. Damals habe ich einen Film gesehen, der in Kaschmir spielte, und den ich großartig fand. Es war ein halbes Doku-Drama, das einem die ganze politische Verwirrung des Landes nahe brachte. Und ich fand den Helden klasse.

War dieser Held zufällig ein Mann vom Geheimdienst?

Dorra: (Lacht.) Ja, aber ich habe nicht geklaut! Der Film endete damit, dass im Abspann sehr klein stand, dass der Mann seinen Dienst quittiert, zurückkehrt nach Kaschmir und dort ein Waisenhaus aufmacht. Und ich saß da und dachte mir: Das möchte ich jetzt erzählen, das finde ich toll!

Also auch so eine Art Fanfiction?

Dorra: Genau so fing es an, ja. Ich schrieb ein paar bunt durcheinander gewürfelte Szenen, ohne Plot und ohne Plan, einfach um zu sehen, ob ich noch schreiben kann. Solche Ängste überkommen einen schon mal, wenn man sich festgefahren hat. Und es ging wunderbar. Dieses Sammelsurium habe ich Ingrid geschickt und sie gefragt, ob sie sich vorstellen könne, so was lesen zu wollen. Mein Held in "Das Haus des Friedens" war fünfzig, etwas übergewichtig, hatte einen grauen Bart und eine sehr zwielichtige Vergangenheit. Sie meinte: "Ich find's super, aber das liest sonst eh keiner."

Zellner: "Oder nur sehr wenige", habe ich gesagt.

Dorra: Am Ende hatte die Geschichte 60 000 bis 70 000 Klicks im Forum, es gab viele Kommentare, und das ist das Schöne an so einer verschworenen Gemeinschaft: Man muss nicht auf ein Lektorat warten, man hat sofort und unmittelbaren Kontakt zu seinen Lesern.

Zellner: Und dann kam jener schicksalhafte Tag im August 2012, als ich die Vision hatte: Dein Held im "Haus des Friedens" und mein Held aus meiner Indien-Fanfiction, dein Vikram und mein Raja - die müssten einander mal begegnen. Das könnte hochspannend werden.

Sieben Bände, zwei Helden, ein Team: die Dachauerin Ingrid Zellner und ihre Freundin Simone Dorra aus Welzheim (links) mit ihrem neuesten Band "Ein Geschenk der Götter".

(Foto: Toni Heigl)

Dorra: Ich fand die Idee super, aber ich hatte zuerst auch ein bisschen Angst, weil ich dachte: Wie soll das gehen? Ich bin als Autorin schon ein ziemlicher Einzeltäter.

Ich frage mich vor allem, wie das technisch gehen soll.

Dorra: Es gibt ein wunderbares Tool, das nennt sich Google Docs, da können Sie von verschiedenen Rechnern aus online auf ein Manuskript zugreifen und gleichzeitig daran arbeiten. Manche Sequenzen sind komplett aus Ingrids Feder, manche sind aus meiner. Wir haben probiert, Dialoge live zusammen zu schreiben. Auch wenn es am Anfang noch ein bisschen holprig war, hat es viel Spaß gemacht. Vor allem ergibt sich ein sehr natürliches Gespräch daraus. Ich bin normalerweise jemand, der nicht gerne Dialoge konstruiert, das finde ich wahnsinnig öde.

Zellner: Ich liebe Dialoge!

Dorra: Ja, ich weiß.

Zellner: Wenn ich einen Dialog als Autor alleine schreibe, kann ich mir die Frage so zurechtbasteln, dass ich genau die Antwort schreiben kann, die ich schreiben möchte. So aber kriegt man auch mal ein Argument an den Kopf geknallt, mit dem man nicht gerechnet hat - ganz wie im echten Leben. Es ist spannend, so zu schreiben.

Aber Sie müssen ja trotzdem dramaturgisch irgendwie den Bogen kriegen.

Dorra: Beim "Geschenk der Götter" hatten wir anfangs noch keinen richtigen Plan, das muss man ganz ehrlich sagen. Wir haben einfach drauf los geschrieben.

Zellner: Es war ein Experiment: Lassen wir die Figuren mal machen und schauen, was dabei rauskommt. Raja hat ja ebenso wie Vikram eine ziemlich bewegte Vergangenheit. Im Gefängnis hat er ziemlich schlimme Dinge erlebt. Ich war nicht sicher, ob Raja jemals darüber reden würde. Es musste sich erst die richtige Situation ergeben. Und das geschah, ganz ohne unser Zutun.

Dorra: Manchmal sind die Figuren auch widerspenstig, das haben wir im Verlauf der Geschichte häufiger erlebt. Aber sie werden dadurch auch sehr lebendig.

Zellner: Wie du immer sagst: Geschichten haben ihren eigenen Kopf.

Gibt es auch Situationen, in denen Sie zu Ihrer Co-Autorin gesagt haben: Diese Wendung gefällt mir nicht, diese Formulierung würde ich ganz anders schreiben?

Beide: Dauernd!

Dorra: Es gibt Szenen, die sehr wichtig für die Handlung sind und für unsere Helden. Da haben wir uns auch schon gefetzt.

Zellner: Aber so richtig gefetzt eher selten.

Dorra: Aber heftig diskutiert: "Warum macht der Charakter das jetzt?" Oder: "Das passt doch überhaupt nicht in die Szene!" Mir kommt zugute, dass Ingrid vom Theater kommt. Sie hat eine gute dramaturgische Nase und bringt mich von Szenen ab, die ich danach selber blöd finde.

Zellner: Dafür bist du besser im Formulieren. Wenn Simone einen Satz bei mir ändert, sage ich in neun von zehn Fällen "Vielen Dank!" und nur in einem von zehn Fällen bestehe ich auf meine Formulierung.

Zur Person

Simone Dorra, Jahrgang 1963, ist im schwäbischen Welzheim zuhause. Die gelernte Buchhändlerin und Mutter dreier erwachsener Kinder arbeitete erst in einem Verlagshaus und dann in einer Privatfunk-Redaktion. Als Tolkien-Fan begann sie 2003 mit dem Verfassen von Fanfiction-Geschichten. Ihr erster Roman erschien 2014 unter dem Titel "Fluchmond", außerdem schreibt sie Urban-Fantasy-Stories, Krimis und erotische Kurzgeschichten.

Ingrid Zellner wurde 1962 in Dachau geboren. Nach dem Abitur studierte sie in München Theaterwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Geschichte. Als Dramaturgin war sie am Stadttheater Hildesheim und an der Bayerischen Staatsoper München engagiert. Seit 2008 ist sie freiberuflich unter anderem als Schwedisch-Übersetzerin und als Autorin tätig. Sie veröffentlichte darüber hinaus auch Romane, Krimis, ein Kinderbuch und Theaterstücke. SZ

Dorra: Das hatten wir schon ein paar Mal: Sie hat es geändert. Ich habe es zurück geändert. Und sie hat's wieder geändert.

Was haben Sie von einander gelernt?

Zellner: Ich habe von ihr vor allem das beschreibende Schreiben gelernt: Wie sieht die Umgebung aus? Ist es warm, ist es kalt? Nach was riecht es da gerade? Über solche Dinge habe ich mir früher viel zu wenige Gedanken gemacht, und da ist sie hervorragend. Da ist sie wirklich Meisterin!

Dorra: Dankeschön. Und ich habe gelernt, strukturierter zu arbeiten. Ich habe früher einfach drauf los geschrieben, das darf ich jetzt nicht mehr, und das ist ganz hilfreich. Zellner: Timelines sind etwas sehr Schönes. Man hat einen Überblick über die Abfolge der Tage, wann was geschieht.

Wie sieht die Rollenverteilung aus? Schreiben Sie, Frau Zellner, immer Rajas Part, und Sie, Frau Dorra, den von Vikram?

Dorra: Das war mal so, die ersten zwei Jahre vielleicht, aber mittlerweile kennen wir unsere Herrschaften sehr genau. Jetzt schreibt jede jeden. Ich finde das auch toll, weil sie auf Ideen kommt, auf die ich gar nicht gekommen wäre.

Zellner: Dito.

Als Autoren sind Sie auch Meister über Leben und Tod: Wird bei Ihnen diskutiert, welche Figur dran glauben muss?

Dorra: Oh ja!

Zellner: Man muss halt immer überlegen: Passt das in die Geschichte?

Dorra: Und wollen wir das? Was werden unsere Leser sagen, wenn wir das tun?

Zellner: Wobei es nicht so ist, dass wir uns hinsetzen und sagen: Lassen wir jetzt mal jemanden sterben und wenn ja, wen. Ich kann mich noch an die erste wichtige Figur erinnern, die ich aus der Saga rausgeschrieben habe. Die habe ich damals beim Plotten nicht mehr in der Story gesehen. Offenbar war ihre Geschichte auserzählt. Deshalb haben wird diese Figur verabschiedet.

Dorra: Du hast mir eine E-Mail geschrieben, ganz vorsichtig, weil du nicht wusstest, wie ich darauf reagiere. Du dachtest, jetzt kommt das große Donnerwetter aus Welzheim. Ich habe nur gesagt: Klasse, wann? (Gelächter.) Ich habe die dramatischen Möglichkeiten sofort gesehen.

Wenn Sie die erste Szene schreiben, ist da noch alles offen oder steht schon das ganze Gerüst bis zum großen Finale?

Zellner: Heutzutage plotten wir schon.

Dorra: Ja und das sehr genau. Man muss schauen, dass alles stringent ist, und es einen roten Faden gibt vom Anfang bis zum Ende. Ich lasse meinen Mann alles probelesen, was ich schreibe, und wenn er sagt "Das ist Mist", schmeiß ich es raus. Er hat die "Kashmir-Saga" gelesen und sie sehr gemocht, aber er hat auch gesagt: "Um Himmels Willen! Ihr müsst das kürzen! Das ist alles viel zu lang!"

Verstehen sich Ihre beiden Protagonisten nicht vielleicht manchmal zu gut?

Dorra: Ja, das ist auch der Vorwurf meines Mannes: Die sind viel zu nett.

Zellner: Ich habe dir ja gesagt: Die müssen sich viel mehr fetzen!

Dorra: Wir haben in eines der nächsten Bücher einen wirklich haarsträubenden Konflikt eingebaut.

Zellner: Wir sagen aber nicht, in welchem.

Welche Rolle spielt die politische Situation in Kaschmir für Ihre Arbeit?

Dorra: Eine sehr wichtige. Die aktuelle Situation ist wirklich katastrophal. Kaschmir ist ein schönes Tal, aber es hat das Pech, dass sich zwei Mächte darum raufen wie zwei Hunde um einen Knochen. Da passieren Menschenrechtsverletzungen, die indische Armee agiert auf eine Weise, die ich persönlich schlimm finde. Es gibt eine Gesetzgebung, die die Leute, die dort leben, in tiefster Weise benachteiligt. In Indien gibt es zum Beispiel seit 2012 ein Kinderschutzrecht, das die Vergewaltigung von Kindern unter Strafe stellt - in Kaschmir gibt es dieses Gesetz nicht. Auch mit diesen Dingen müssen wir unsere Leser konfrontieren, sonst haben wir ein Disneyland, und das ist etwas, was wir unter gar keinen Umständen wollen.