Ausstellung in der Versöhnungskirche Nachhilfe in Menschlichkeit

Annedore Dorn wuchs in einer Zeit auf, als die Deutschen die Demokratie erst wieder lernen mussten. In ihrer Ausstellung lädt die Künstlerin dazu ein, sich mit dem Kern des Grundgesetzes auseinanderzusetzen - denn es ist einiges ins Rutschen gekommen

Von Anna-Elisa Jakob, Dachau

Annedore Dorn ist 1944 geboren, ein Kind der Nachkriegszeit. In ihrer Jugend erfuhr sie, wie sich die Demokratie der Bundesrepublik formte und entwickelte. "Ich habe erlebt, wie wir Demokratie lernen", sagt die heute 75-Jährige inmitten ihrer Kunstwerke stehend, die im Gesprächsraum der Dachauer Versöhnungskirche ausgestellt sind. Die meisten sind schwarz-weiß, alle modern, eine spannende Melange aus Stempeldruck, Radierung, Collage und der Handschrift der Künstlerin.

Betrachter sollen sich Zeit nehmen, um die Tiefe der Worte selbst zu ergründen.

(Foto: Toni Heigl)

Die ausgestellten Werke soll die Auseinandersetzung mit einem Grundsatz der deutschen Demokratie einen - "Die Würde des Menschen ist unantastbar", Artikel 1 des Grundgesetzes. Ein Satz mit außerordentlicher Tragweite wird von der Künstlerin in kleine, quadratische Werke, in Linien und sich zersetzende Schriftzüge gepackt. Vor der Wand aus grauem Beton wirken sie kräftig, trotzdem nehmen sie den Raum nicht ein, die tiefere Bedeutung ergibt sich, wenn der Betrachter ein Auge auf die Details wirft, die vereinzelten Schriftzüge und entfremdeten Darstellungen im Hintergrund. "Wir haben eine tolle Demokratie", sagt die Künstlern. Und bemerkt gleichzeitig, dass der Grundsatz in der Realität häufig keine Anwendung findet. Konkret blickt die Künstlerin dabei auf das Jahr 2008 zurück, erinnert sich an die Finanzkrise "Es hat mich erschüttert, wie mit dem Geld, das ja auch von kleinen Menschen erarbeitet wird, umgegangen wurde", sagt die Künstlerin. Widerspreche das nicht dem Grundsatz der Menschenwürde? Seitdem ließ sie die Auseinandersetzung mit Artikel 1 nicht los, 2013 begann sie, ihre Gedanken in der Kunst zu ordnen.

Die Worte, die Künstlerin Annedore Dorn in ihre Werke integriert, sind kaum lesbar.

(Foto: Toni Heigl)

Annedore Dorn ist Fachlehrerin und Gestaltkunsttherapeutin, doch für diese Ausstellung weist sie alle pädagogischen Intentionen von sich. Erziehen wolle sie nicht, betont sie. Sondern zur Selbstreflexion anregen, die Betrachter überlegen lassen, was sie selbst unter Artikel 1 verstehen. In einem Bild ist der Schriftzug "Menschenwürde" so sehr verwischt, dass das Wort selbst nur schwer zu entziffern ist. "Unlesbar, aber da!", schrieb die Künstlerin unter das Werk. Dieses Verwischte, die Abstraktion und Unleserlichkeit der Worte sind gewollt. Sie erweitern den Spielraum der Interpretation. Die Künstlerin wünscht sich, dass Betrachter sich Zeit nehmen, reflektieren, definieren.

Dorns Ausstellung in der Dachauer Versöhnungskirche is noch bis 28. April zu sehen.

(Foto: Toni Heigl)

Die Werte, die für sie persönlich die größte Bedeutung haben, verarbeitet sie in ihren Werken. Vier Worte, die auf einem Bild gemeinsam zu sehen sind, auf vielen weiteren einzeln, teilweise verzerrt. Offenheit, Achtung, Toleranz, Solidarität. Dorn ließ Stempel der Worte anfertigen, in ihrer persönlichen Handschrift. Genau dieses persönliche Detail lässt die Worte nicht mahnend wirken, sondern wie eine Einladung, gemeinsam an ihnen festzuhalten. Das ist der Grundgedanke, der hinter Dorns Werken steckt - und nun doch etwas erzieherisch ist. Sie zieht die Frage nach der Antastbarkeit der Menschenwürde in den Alltag. Möchte, dass jeder einzelne hinterfragt, inwiefern die Würde anderer gewahrt oder verletzt wird. "Das Ganze droht zu kippen", sagt die Künstlerin. Sie spricht davon, dass sich Neid in unserer Gesellschaft breit mache, verknüpft das mit öffentlichen Debatten um die Aufnahme von Flüchtlingen, dem Gefälle zwischen Ost und West. Der Ton im Land ist rau geworden. "Das liegt auch daran, dass manche in unserer Gesellschaft nicht die Würde erhalten, die sie dringend brauchen."

Für Annedore Dorn ist Artikel 1 des Grundgesetzes eng mit christlichen Werten verknüpft, die Eröffnung der Ausstellung findet im Rahmen eines Gottesdienstes statt. Sie wirkt gerührt und fast etwas ungläubig, dass ihre Werke ausgerechnet in der Versöhnungskirche eine Bühne finden. Der Gesprächsraum ist voll, ständig wird die Künstlerin angesprochen, umarmt, gelobt. Dorn lebte selbst von 1968 bis 79 in Dachau, heute in Augsburg, die Besucher sind sowohl Angereiste als auch Dachauer.

Die Künstlerin arbeitet wenig mit Farbe, setzt in ihren jüngsten Werken jedoch auffällig viele grüne Akzente. Eines trägt den Titel: "Die Hoffnung setzt sich durch." Annedore Dorn hat die Farbe aufgrund ihrer altbekannten Assoziation gewählt, Grün gilt als Farbe der Hoffnung. Die grünen, hoffnungsvollen Werke sind alle im vergangenen Jahr entstanden. Das hat eine persönliche Bedeutung, die sie der Zeitung nicht nennen möchte. Ihre politische Hoffnung setzt sie vor allem in die Jugend: "Die Jungen können den Blick auf unsere Welt verändern." Die Ausstellung ist noch bis 28. April zu sehen.