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Ausstellung in der Neuen Galerie Dachau:Das Zeitalter der Eule

Amelia Rosenberg ist die Urenkelin des Unternehmers Max Wallach, der in der Pogromnacht 1938 aus Dachau vertrieben wurde. Die Künstlerin lebt nun als Stipendiatin in der Ruckteschell-Villa und befasst sich mit ihrer Familiengeschichte - auf optimistische Art

Vor knapp 24 Jahren wurde Amelia Rosenberg in den USA geboren, sie ist auch dort aufgewachsen, genauer gesagt in Ohio. Von ihren Vorfahren in Deutschland hatte sie bereits als Kind einiges gehört, vor allem von ihrer Großmutter. Ihr Urgroßvater Moritz Wallach hatte 1919 mit seinem Bruder Max, vor exakt 100 Jahren, eine Textilfabrik in Dachau gekauft, in der vor allem Bekleidung hergestellt wurde. In Dachau gibt es heute einen Wallachweg, der an das Schicksal der Familie erinnert: "in der Pogromnacht 9.11.1938 aus Dachau vertrieben, Max und Melly Wallach 1943 umgekommen im KZ Auschwitz", erklärt eine Tafel am Straßenschild. Doch ein Teil der Familie überlebte und konnte fliehen. Nun ist eine Nachfahrin zurückgekehrt, zumindest zu Besuch für einige Monate: Amelia Rosenberg, eine junge, moderne Amerikanerin, gekleidet in ein legeres schwarzes Kleid mit dezenten ornamentalen Mustern, an den Ohren unter dem Lockenschopf baumeln zwei schwarz-weiße Anhänger aus Ton. Sie ist Keramikkünstlerin und arbeitet als Künstlerstipendiatin in der Ruckteschellvilla. Die Stadt hatte sie im vergangenen Jahr eingeladen. Die E-Mail von Kulturamtsleiter Tobias Schneider kam am 9. November, dem Tag, an dem in der Reichspogromnacht der Terror gegen die jüdische Bevölkerung in einem entsetzlichen Furor losbrach. Der 9. November ist aber auch der Tag, an dem Amelia Rosenbergs Großmutter in den USA ankam. Es sind Zufälle, und doch ist es schwer, darin nicht irgendetwas Bedeutsames, Wegweisendes zu vermuten.

"In meiner Familie hat man über die Vergangenheit offen geredet", erzählt Amelia Rosenberg. Aber als junge Frau, auch wenn sie jüdische Wurzeln und deutsche Vorfahren hat, war sie vor allem neugierig auf die Welt da draußen, die Menschen anderer Länder und Kulturen und die Möglichkeiten, sich kreativ zu verwirklichen. "In meiner Familie gab es immer viele Künstler", sagt sie fast entschuldigend, und als sie sich mit der Textilfabrik von Max und Moritz Wallach beschäftigte, galt ihr Interesse zunächst vor allem den hübschen folkloristischen Mustern, mit denen dort die Kleider verziert wurden. Doch die Recherchen, das Gründeln in den Sedimenten der Geschichte, hat sie verändert. "Je mehr ich mich mit der Vergangenheit meiner Familie beschäftigte, desto mehr wurde es auch zu einem Teil meiner eigenen Identität."

Irritierend schön und lieblich: Auf subtile Art setzt sich Amelia Rosenberg in ihren Keramiken mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseinander.

(Foto: Toni Heigl)

Seit Sonntag ist eine Keramikausstellung in der Neuen Galerie sehen, Titel "house@home", in der man auch die Arbeiten von Amelia Rosenberg bewundern kann. Wer Mahnmale von Schmerz und Trauer erwartet, kalte Abstraktion oder düstere Szenerien, vielleicht sogar noch mit Knochen-Metaphorik und Stacheldraht, der wird hier maximal überrascht. Rosenbergs Plastiken zeigen Tiere und Blumen in einem eleganten, teils floralen teils ornamentalen Dekor. Nichts erscheint bedrohlich, ihre langohrigen Hasenfiguren wirken so lieblich, rund und flauschig, dass man sie am liebsten an sich drücken und knuddeln möchte. Und natürlich taucht nach der ersten Verblüffung doch wieder die Frage auf: Wo bildet sich hier der Schmerz ab, die Wut, die Anklage ab? Müsste man das nicht irgendwo, irgendwie sichtbar zum Ausdruck bringen?

Amelia Rosenberg hat ein entwaffnendes Lächeln. "Ich bin ein optimistischer Mensch", erklärt sie geduldig. Natürlich mache es sie traurig, wenn sie daran denke, was damals mit ihren Angehörigen passiert sei. Andererseits: "Meine Familie hat überlebt." Außerdem hat sie etwas sehr Wesentliches festgestellt: Je länger sie sich mit der Dunkelheit beschäftigte, umso mehr trat ihr die Notwendigkeit ins Bewusstsein, dass sie dieser Dunkelheit mit einer positiven Haltung die Stirn bieten muss. Es ist kein Trotz, es entspringt ihrer Überzeugung. Selbst jetzt, in diesen Zeiten zunehmender Hassverbrechen, auch gegen Juden, verteidigt sich ihre Zuversicht beharrlich. "Im direkten Gespräch mit den Leuten, entdecke ich in jedem etwas Gutes", sagt sie. Und sie redet mit vielen. Die KZ-Gedenkstätte hat sie es noch nicht geschafft, keine Zeit, zu viel Arbeit, zu viele nette Leuten zum Reden, zu viele leckere Gerichte zum Ausprobieren. Brezen, die liebt sie, und - "How do you call these thick Austrian pancakes?" Ach ja, Kaiserschmarrn. Vorbehalte in ihrer Familie, dass sie nach Dachau geht, habe es nicht gegeben. Im Gegenteil. "Alle waren ganz aufgeregt." Sie selbst sah diesem Abenteuer wohl am gelassensten entgegen. Und gerade jetzt, wo die Künstlervereinigung KVD die ganze Stadt mit ihren originellen Arbeiten bespielt, gefällt ihr Dachau besonders gut. "Es ist Wahnsinn, wie viele Energie diese kleine Stadt in die Kunst steckt."

Max und Melitta Wallach

Melitta "Melly" Wallach und ihr Mann Max hatten in Dachau eine Textilfabrik. Das jüdische Ehepaar wurde im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

(Foto: Archiv)

Heimweh nach Ohio? Fehlanzeige. Schon mit 18 ist Amelia Rosenberg alleine nach Sri Lanka gereist, lebenshungrig, welthungrig. Sie liebt die Natur, hier fühlt sie sich zuhause, ihre Arbeiten in der Ausstellung "house@home" zeigen das eindrücklich. Ihre Familiengeschichte sublimiert die junge Künstlerin in einer eigenen Natur-Bildsprache: Der Hase steht für jene frühen sorgenfreien Jahre, als die Wallachs in Deutschland schöne Kleider herstellten, rückwirkend erscheint es wie eine heile Kinderwelt; der Fuchs illustriert die Zeit des Versteckens, des Tarnens und Täuschens - das war fürs Überleben notwendig. Jetzt ist das Zeitalter der Eule angebrochen. "Die Eule steht für die Weisheit." Das ist alles so schön, dass es irritiert: Aber es ist die deutsche Perspektive, die hier erschüttert wird, die Erwartungshaltung, dass die Nachkommen der Opfer gefälligst in Trauerhaltung zu verharren hätten. Dabei ist es doch ihr gutes Recht, selbst zu entscheiden, wie sie das Schicksal ihrer Familie künstlerisch verarbeiten.

Der Ton ist für ihr Amelia Rosenberg das ideale Material, nicht nur weil sie Keramikerin ist, sondern des Themas wegen "Ton ist sehr irdisch", sagt sie. Dieses Erdverbundene entspreche der Natur des Menschen, und wenn es einen Stoff gibt, der für die Bewahrung des Gedächtnisses wie gemacht sei, dann ja wohl der Ton: Jede Drehung, jeder Druck hinterlässt unmittelbare Spuren am Material, jede Krafteinwirkung bildet sich ab und formt die Gestalt, so wie die Kräfte der Erde Berge und Täler gestaltet. Und wie die Erde mit ihrer Landschaft ihre eigene Geschichte erzählt, so erzählt Amelia Rosenberg die Geschichte ihrer Familie auf eine liebevolle Weise, die auch Mut macht.

house@home: Ausstellung von Amelia Rosenberg, Eva von Ruckteschell und Claudia Flach in der in der Neuen Galerie. Öffnungszeiten Mittwoch bis Samstag, 15 bis 19 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr.

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