Ausstellung in der Altstadt:Das Universum von Sticky Finger

Puppenspieler Martin Prochaska und Musiker Thomas Nied haben ihre Protagonisten vom Klapp-Theater in der Dachauer Altstadtgalerie noch einmal eindrucksvoll in Szene gesetzt. Ein bisschen Wehmut schwingt schon mit, denn es ist ein Abschied

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Ausstellung in der Altstadt: Sticky Finger hat bei der Abschiedsvorstellung in der Altstadtgalerie einen besonderen Platz bekommen.

Sticky Finger hat bei der Abschiedsvorstellung in der Altstadtgalerie einen besonderen Platz bekommen.

(Foto: Toni Heigl)

Der Typ hinter seinem Schlagzeug blickt wild entschlossen auf sein Publikum, das ist trotz überdimensionaler Sonnenbrille deutlich spürbar. Ein überdimensionaler Schnauzer verleiht seinem Gesicht etwas Wikingerhaftes, die wüste blonde Haarmatte und die tiefen Falten sind der ins Auge springende Beweis für ein langes, bewegtes Leben, um es mal diplomatisch auszudrücken. Das hatte der Kerl in der Tat. Davon später mehr. Denn nun wirbelt er die Sticks bei einer grandiosen Abschiedsvorstellung in der Kleinen Altstadtgalerie. Sein Name: Sticky Finger, der im wirklichen Leben mal ganz anders hieß. Aber das ist lange her.

Sticky Finger war über drei Jahrzehnte einer der Stars des fabelhaften "Boulevard of Broken Stars" des Schwabhausener Klapp-Theaters. Nun ist (vorläufig?) Schluss. Denn anders als Bob Dylan mit seiner Never Ending Tour haben Puppenspieler Martin Prochaska und Musiker Thomas Nied beschlossen, tatsächlich in Rente zu gehen. Grund genug für Galerist Frank Donath, dem Duo und ihren wundersamen Geschöpfen noch einmal den ganz großen Auftritt zu ermöglichen - Corona-konform und deshalb so anrührend, weil sich keine Menschenmassen durch die verwinkelten Galerieräume schieben können, sondern Zeit bleibt, eigenen Erinnerungen an viele, viele Boulevard-Vorstellungen, an "Bernd der Bär", an "Das Apfelmännchen" oder "Tom und Dudel" nachzuhängen.

"Abschied vom Klapp-Theater und seinen Protagonisten - eine Ausstellung voller Wehmut" heißt die Schau, in der die Puppen noch einmal die Hauptrolle spielen. Dafür haben Prochaska und Nied ihr ganz eigenes Universum eindrucksvoll in Szene gesetzt - und wollen von Wehmut erst einmal nichts hören. Auf die Frage nach ihrer persönlichen Bilanz sagen sie wie aus einem Munde "Dankbarkeit". Puppenbauer und -spieler Prochaska ergänzt: "Auch wenn das Auto jetzt stottert, wollen wir es ordentlich in die Garage fahren". Die Garage soll der Speicher in Prochaskas Haus werden, auf dem die Puppen - gut eingehüllt - ihren Lebensabend verbringen sollen.

Ausstellung in der Altstadt: Die Puppenspieler haben ihre Helden für die Besucher in Pose gesetzt.

Die Puppenspieler haben ihre Helden für die Besucher in Pose gesetzt.

(Foto: Toni Heigl)

Geht gar nicht, denken sich da bekennende Klapp-Theater-Fans. Das wäre ja gerade so, also würde man selbst ins Pflegeheim abgeschoben. Die in jeder Hinsicht fantastischen Gestalten, vom mürrischen Russen Igor Petrovich mit seiner Schubkarre voller Holz, bis zur "Perle des Orients", die sich gerade ins aufreizende Kostüm geworfen hat, von der halbseidenen "Renate B. aus dem Ruhrgebiet" bis zum tapsigen Elefantenbaby Jonathan. Ein lebendiger Ort der Erinnerung muss her. Vielleicht auf dem ehemaligen MD-Gelände, da ist doch ohnehin ein Museum vorgesehen, vielleicht in einem der kleinen Museen im Landkreis. Oder könnte nicht der Zweckverband Dachauer Galerien und Museen oder die Gemeinde Schwabhausen ... Das wäre doch für alle eine Win-Win-Situation. Macht da nicht gerade Sticky Finger vor lauter Begeisterung eine Rolle rückwärts und katapultiert sich noch einmal in seine Jugend, in der er auf seinem Moped durch den Westerwald düste?

Die Region war mal - rechtsrheinisch gelegen - das Sibirien des Rheinlands. Hier verbrachten Prochaska und Nied ihre Kindheit und Jugend und mischten das Gymnasium in Montabaur nebst dem Städtchen, das heute als ICE-Haltestelle bekannt ist, für damalige Verhältnisse ziemlich auf: Politisch motivierte Arbeit in der Schülermitverwaltung (SMV), Kriegsdienstverweigerung und sogar eine Kommune am gefühlten Ende der Welt. Die heute so verklärten 1960er-Jahre machten es möglich. Irgendwie und sowieso gab es Ende der Achtziger in der mittlerweile ebenso hochstilisierten Schwabinger Szene ein Wiedersehen und den Beginn einer buchstäblich wunderbaren Freundschaft und Zusammenarbeit. Nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt im Jahr 1989 - "hat sich so ergeben, wir hatten ja keine Manager" - werden die Klapp-Theater-Männer zu Pionieren der Kinderkultur-Arbeit, ganz ohne Oberlehrerhabitus und -gestus.

Sie fahren rund ein halbe Million Kilometer "von Berlin bis Bozen", machen eine Viertelmillion kleine und große Menschen in 2500 Vorstellungen glücklich, organisieren sich und ihre Auftritte von der Planung bis zum Merchandising, sind Puppenbauer und Komponist und bleiben sich immer treu. Ihr Geheimnis ist eigentlich gar keines. Ein Zitat des großen Erich Kästner beschreibt ihre persönliche Antriebsfeder, immer wieder die Puppen buchstäblich tanzen zu lassen: "Die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die es nicht mehr gibt". Dagegen spielen und musizieren die Klapp-Theater-Männer an. Mit riesigem Erfolg: Sie lassen immer aufs Neue ihre Träume mit ihren fantastischen Gestalten und ihrer Musik lebendig werden.

Ausstellung in der Altstadt: Martin Prochaska (rechts) und Thomas Nied.

Martin Prochaska (rechts) und Thomas Nied.

(Foto: Toni Heigl)

Puppenbauer Prochaska erklärt das so: "Ich kann nicht Einrad fahren, aber eine Puppe bauen, die Einrad fährt". Diese und alle anderen Prochaska-Schöpfungen steckt seine Frau Karin Metz übrigens seit Jahrzehnten in von ihr entworfene und gefertigte singuläre Outfits. "Irgendwann ist mir aufgefallen: Da komponiere ich ja richtige Bühnenmusiken, wie etwa im Apfelmännchen", sagt Musiker Nied.

Ihre Zuversicht lassen sich die beiden auch durch Krankheit und Corona nicht zerstören. Den Bühnenabschied hätten sie sich zwar anders vorgestellt, sagen sie übereinstimmend und sind voller Pläne für ihr "Rentnerleben". Mag sein, dass sie demnächst ganz neue Pläne schmieden wollen. Denn "Niemals geht man so ganz. Irgendwas von mir bleibt hier" hat schon das rheinische Urgestein Trude Herr gesungen. Dieses große "Irgendwas" könnte doch in einem Puppentheater-Museum eine Heimstatt finden.

Doch erst einmal sind Martin Prochaska und Thomas Nied noch bis zum kommenden Sonntag, 1. August, in der Kleinen Altstadtgalerie zu finden.

Geöffnet: Montag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 14 bis 19 Uhr.

© SZ vom 26.07.2021
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