Süddeutsche Zeitung

Ausstellung:Erotik im Klostermuseum

Das Museum Altomünster zeigt Gemälde der verstorbenen Künstlerin Bele Bachem. Die provokanten Werke der Schwabinger Ikone passen auf ungeahnte Weise in die traditionsreiche Kulisse

Die Künstlerin Bele Bachem schrieb über sich selbst: "Man zählt mich zu den Surrealisten, doch ich bin Porträtistin." Die Notwendigkeit dieser Erklärung versteht, wer sich der Wirkung ihrer Malerei hingibt. Die Kulisse des Klostermuseums in Altomünster könnte dabei keinen größeren Kontrast zu den farbintensiven, surrealistischen Gemälden von Bele Bachem darstellen. Der kalte Steinfußboden und die hölzerne Decke formen einen fast schon irritierenden Widerspruch.

Während im Nebenraum der traditionelle Habit der Birgitten ausgestellt ist, offenbaren sich Betrachtern in der Kunstausstellung Malereien pikanter Feierszenen, wohl inspiriert von Bachems Leben im Schwabing der Sechzigerjahre. Gleich rechts an der Wand: Eine erotische Tanzszene im Hochformat, der surrealistisch inspirierte Mix aus menschlichen Körpern, Tierköpfen, sich windenden Schlangen und ungewöhnlichen Symbolen verleiht dem Werk zusätzliche Aufregung. Das Spiel aus Erotik und ungeschönter Realität vollführte Bele Bachem meisterhaft: In ihren verführerischen Traumwelten lässt sich erkennen, was sie selbst als "Porträtieren" verstanden haben muss. Ihre Figuren sind niemals oberflächliche Schönheiten, sie sind verzerrte Wesen mit lebhafter Persönlichkeit, menschlicher Prägung.

Wilhelm Liebhart vom Museum Altomünster nennt es eine Form des "Phantastischen Realismus". Diese Bezeichnung, ein bewusstes Paradox, trifft die Darstellungsform der Künstlerin genau. Nannte sich Bele Bachem selbst zwar nicht Surrealistin, lassen ihre Werke eine andere Interpretation zu: In ihnen findet sich der Stil des schnellen Zeichnens und damit die Idee des Surrealismus, das Unbewusste und Unnatürliche auszudrücken. Einige ihrer Stücke erinnern stilistisch an Salvador Dalí, sie zeigen ähnlich atmosphärische, dunkle Felslandschaften.

Auffallend ist ein besonders dunkles Werk im Raum. Eine Frau mit pechschwarzem Haar steht inmitten von dünnen, verzerrt gezeichneten Raubkatzen. Gesicht, Augen und Körperform sind detailliert ausgeführt und eindrücklich dargestellt. Die Augenpartie der Frau macht stutzig: Könnte es sich hier um ein Selbstbildnis der Künstlerin handeln? Zu ähnlich erscheinen die dunklen, aufmerksamen Mandelaugen, die auf Fotografien der 2005 verstorbenen Bele Bachem wieder zu erkennen sind. Die auffallend großen Augen prägen Bachems Werke. In einer Vitrine steht eine Sammlung an hellen Büsten, weibliche Köpfe in weiß, blau bemalt. Und auch hier: die scheinbar von innen heraus blitzenden, mandelförmigen Augen. Der Einfluss autobiografischer Details lässt sich auch an anderer Stelle erahnen. Auf der Kohlezeichnung mit dem Titel "Zwei ungleiche Schwestern" sind im Hintergrund zwei Männer zu erkennen, Interpretationen nach soll es sich hier um den Vater und einen Liebhaber handeln. Zusätzlich ist ein kleines Mädchen skizziert. In ähnlicher Weise wird es auch auf anderen Stücken dargestellt. Ob die Figur für Bele Bachems einzige Tochter steht?

Die Ausstellung in Altomünster zeigt insbesondere neuere Werke der Künstlerin, begonnen in der Nachkriegszeit. Das älteste Ausstellungsstück findet sich gleich am Anfang des Raumes, eine in Blautönen gehaltene Szene mit trauernden Harlekins und auf Zehenspitzen tänzelnden Feen, in einem Labyrinth gepflasterter Gassen. Entstanden im Jahr 1948, scheint dieses Bild eine Melange an Emotionen der Nachkriegszeit widerzuspiegeln, Tod und Neuanfang, verpackt in einer von Bele Bachems originellen Fantasiewelten.

Im Dachgeschoss des Museums formt sich zu den faszinierenden Werken ein persönliches Bild der Künstlerin: Fotografien zeigen Bele Bachem im Satin-Kimono, ein passendes Tuch locker in die kurzen Haare gebunden. Ihr frecher Blick lässt den Betrachter erahnen, dass sich hinter ihnen eine außergewöhnliche Künstlerseele versteckt. Bele Bachem selbst verkörpert das Flair der Schwabinger Bohème auf so treffende Weise, dass es leicht fällt, sie auch Jahrzehnte später in diese Kulisse einzuordnen. Ihr Atelier, eine Dachgeschosswohnung unweit des Kurfürstenplatzes, muss einen gelungenen Schauplatz für ihr kreatives Schaffen geboten haben.

Geboren 1916 in Düsseldorf als Tochter eines Kunstmalers, studierte sie in den Zwanzigerjahren an der Kunstakademie in Berlin. Nach dem Krieg zog sie an den Starnberger See, später nach München. Hier entwarf sie zahlreiche Bühnenbilder, illustrierte Bücher und arbeitete an ihrer eigenen Kunst. Sie erhielt unter anderem den Schwabinger Kunstpreis, den "Seerosen-Preis" der Stadt München sowie das Bundesverdienstkreuz am Bande. Münchens ehemaliger Oberbürgermeister Christian Ude ist Schirmherr der Ausstellung in Altomünster, ihn verband eine freundschaftliche Beziehung mit der Künstlerin. Zu ihrem 85. Geburtstag 2001 veranstaltete er, selbst Schwabinger, ihr zu Ehren ein Fest und pries sie als große Inspiration mehrerer Generationen.

Dass es die Werke der bekannten Schwabinger Künstlerin nun in das kleine Museum Altomünster geschafft haben, freut die Kuratoren besonders - trotz der Ungewöhnlichkeit. Die frivolen, freizügigen Gemälde einer unangepassten Künstlerin, ausgestellt im Klostermuseum des erzkatholischen Altomünster: Was nach künstlerisch verpackter Provokation klingt, passt auf ungeahnte Weise zusammen. In Bele Bachems Werken steckt eine Sensibilität, die auch abseits des Großstadtflairs ihre Wirkung nicht verfehlt. Wer sich auf die verrückt anmutende Kunst einlässt, kann die emotionale Brücke mit Leichtigkeit schlagen. Und falls nicht, bieten die Werke genügend Gesprächsstoff - das ist sicher.

Die Ausstellung im Museum Altomünster eröffnet am Sonntag, 30. September, um 15 Uhr, Schirmherr Christian Ude und Bettina Böhmer, Tochter der verstorbenen Künstlerin, sind zu Gast.

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Quelle:
SZ vom 27.09.2018
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