Ausstellung Ästhetik der Unschärfe

Wolfgang Bauer zeigt im Dachauer Wasserturm verwackelte Fotokunst, die aussieht wie gemalt

Von Julia Haas, Dachau

Wolfgang Bauer fotografiert seine Motive unscharf, ganz bewusst, und lässt sie auf Leinwand drucken. Von sich selbst sagt er, dass er mit der Kamera male. Bis Montag, 21. Mai, stellt er 50 seiner Kunstwerke im Dachauer Wasserturm unter dem Titel "Fotografie als Dimension der Malerei" aus. Auf die Frage, ob er denn nun Maler, Fotograf oder einfach Künstler sei, antwortet der Landsberger lachend: "Ich bin Pensionär." Dass er dieses Jahr schon 76 wird, mag man kaum glauben, wenn man sieht, wie er Bild für Bild die Treppen des Wasserturms hochträgt. Zweimal musste er fahren, um alles herzubringen. "Es ist schon super, wenn die Fläche mal so groß ist, dass man alle sehenswerten Stücke ausstellen kann."

Es ist seine siebte Einzelaustellung. Wolfgang Bauer gehört nicht zu denjenigen, die ihr kreatives Schaffen schon seit der Jugend als Hauptbetätigung verfolgt hätten, erst seit er in Rente ist und Zeit hat für die Kunst. Vorher kam das Leben dazwischen, Familie, Beamtenlaufbahn, ein geregeltes Dasein. Die Kunst begleitete ihn aber schon immer. An der Ludwig-Maximilians-Universität studierte er unter anderem Kunsterziehung und Kunstgeschichte, war danach lange Medienreferent beim Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung. Heute verwirklicht er sich seinen Traum. Bauer ist ein Beispiel dafür, dass es nie zu spät ist, ein neues Hobby, eine Leidenschaft auszuleben. "Auch wenn mein Kunstlehrer mich in der Schule immer niedergemacht hat", sagt er. Fotografiert habe er aber damals schon gerne.

Die künstlerische Einordnung seines expressiven Werks überlässt der 75-jährige Wolfgang Bauer aus Landsberg den anderen. "Ich bin Pensionär", sagt er und lacht. Fotografiert hat er aber immer schon gerne.

(Foto: Toni Heigl)

Mit einem Fotoapparat fand er auch seine Stilrichtung. "Das war vor 15 Jahren bei einer Sightseeing-Tour durch Madrid", erzählt Bauer. Er saß in einem der Busse, ganz vorne, wo man rausschauen kann. Es begann zu regnen. Er machte einen Schnappschuss durch die Scheibe. Das Foto hatte bunte Flecken, die Außenwelt spiegelte sich in den Regentropfen. Durch die Scheibe war alles ein bisschen verschwommen. "Ein tolles Bild, dachte ich mir damals, so will ich ab sofort Bilder machen", erzählt der Künstler. Seitdem hat er bei seiner vollautomatischen Spiegelreflexkamera konsequent die Einstellungen auf Langzeitbelichtung gesetzt, auf einen niedrigen Iso-Wert. "Ich gehe wie ein Maler vor, wenn ich ein Motiv sehe, das mich fasziniert", sagt Bauer. Er benutze die Kamera als Pinsel. Bauer macht Mikrobewegungen, wenn er diese Objekte fotografiert, bewegt sich, bewegt die Kamera, fließend aber auch mal stockend, er fotografiert mit Absicht unscharf. Schon allein deshalb sei er kein Fotograf, sagt Bauer. "Gute Fotos müssen doch heutzutage immer scharf sein. Die Unscharfen werden gelöscht." Scharfe Fotos mache der Pensionär aber eigentlich nur noch, wenn ihn die Familie darum bitte.

Wenige Tage vor der Ausstellung: Im ersten Stock des Wasserturms lehnt eine große Leinwand. Auf dem Bild sind Stufen zu erkennen, Umrisse eines Gebäudes, Farben im Hintergrund, Flecken, die Menschen sein könnten im Vordergrund. Das Bild zeigt eine Aufnahme vom Haus der Kunst. Mit dem Erraten wird es bei dem Bild daneben schon schwerer. "Das Meer" besteht nur aus Wellenlinien in verschiedenen Blautönen. Was Bauer da fotografiert hat? "Oft kann ich das im Nachhinein gar nimmer so sagen", gesteht er. Dass jeder Betrachter etwas anderes in seine Bilder interpretieren kann, findet er schön. Mit der Zeit habe er selbst gelernt, auf seinen Reisen sehr genau hinzusehen. Seine Motive ergeben sich oft in spontanen Situationen. Eine Frau, mit einem schwingenden Rock und Sandalen, Menschen in einer Ausstellung, auch seine Frau diente in Alltagssituationen als Hauptfigur für ein paar Gemälde. Auch auf dem Plakat für die Ausstellung am Wasserturm ist sie zu sehen. "Oft meinen die Leute, solche Bilder seien ja ganz einfach. Nur bissel mit der Kamera rumwackeln", sagt Bauer. Das sei aber schon eine Erfahrungssache. Von 400 geschossenen Fotos auf einer Reise kämen bei ihm vielleicht zehn in die engere Auswahl.

Farben verwischen, Formen lösen sich auf und werden durch Lichtreflexionen durchbrochen.

(Foto: Toni Heigl)

Ein anderes seiner Bilder zeigt eine verschwommene Lichtinstallation in einer Ausstellung. "Durch meine Bewegungen wurden die Lichter zu Linien, zu Strukturen, wie ein Pinselstrich", sagt Bauer. Er habe nur ein anderes Werkzeug. Der Landsberger denkt noch mal über seine Berufsbezeichnung nach: "Also als Fotograf, nein, so würd' ich nicht gern bezeichnet werden." Bauer identifiziert sich mit dem Pictorialismus. Bei der kunstfotografischen Stilrichtung aus dem späten 19. Jahrhundert ging es nicht darum, nur ein Foto zu schießen, sondern eine Stimmung zu vermitteln, das Motiv intensiver erlebbar zu machen. Allerdings erzielten die Künstler die Unschärfe damals im Labor und nicht mit der Kamera selbst, die technischen Möglichkeiten waren andere. Sowohl die Bilder der Pictorialisten als auch die von Wolfgang Bauer wirken nicht wie Fotografien, sondern wie Gemälde. Darauf legt Wolfgang Bauer großen Wert: Alle Bilder kommen auf Leinwand. "Damit man die Werke auch als Gemälde anerkennt." Ein paar Ausstellungsstücke, die der Pensionär wirklich mit dem Pinsel gemalt hat, werden die nächsten Tage jedoch auch im Wasserturm hängen. Bauer sei zwar noch nicht so zufrieden mit seinen Werken, aber da könnten die Leute zumindest sehen, dass er nicht nur ein Knipser ist. Einen großen Vorteil haben seine fotografierten Gemälde auf jeden Fall. Wenn jemand ein Bild kaufen möchte, ist es kein Problem, das Motiv originalgetreu noch einmal auszudrucken.

Wolfgang Bauer: Fotografie als Dimension der Malerei. Ausstellung im Dachauer Wasserturm, Dr.-Gerhard-Hanke-Weg 19. Geöffnet an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen, jeweils von 10 bis 18 Uhr oder nach Vereinbarung. Die Ausstellung ist noch zu sehen bis 21. Mai.