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"Aus brennenden Leibern":Die Sprache der Asche

Buchvorstellung Haiku

Michael Groißmeier.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Michael Groißmeier legt eine Sammlung von Gedichten vor, die den Toten von Dachau gewidmet ist

Von Gregor Schiegl, Dachau

Michael Groißmeiers Onkel hatte einige sumpfige Wiesen und Felder am Saubach. Dort spielte der kleine Junge damals, vor fast 80 Jahren noch, umschwirrt von Libellen. Nicht weit von dieser Stelle lag der sogenannte Kräutergarten, eine riesige Plantage, in der die Dachauer KZ-Häftlinge von der SS zu Tode geschunden wurden. Oft drang dicker schwarzer Rauch aus den Kaminen des Lagers. Von seinem Elternhaus in Etzenhausen sah der Junge den Feuerschein am Himmel. "Wie seltsam, dass die Abendröte / nicht verblasste!", schreibt er in seinem Gedicht "Kindheit in Dachau" und reimt sich beruhigend etwas von bösen Hexen zusammen, die er sowieso nicht mag. Erst später begriff er, dass im KZ Leichen verbrannt wurden und dass der Wind die Asche der Toten über das gesamte Dachauer Moos wehte. "Die Asche ist für mich ein Synonym für die Vernichtung des Menschen", sagt der inzwischen 86-jährige Lyriker und Erzähler.

"In einer Stadt lebend, / Die geschwärzt ist von Asche / verglüht mir das Wort im Mund: / Ich spreche Asche", heißt es in seinem Gedicht "Die Aschenstadt." Sie hat seinem neuen Gedichtband auch den Namen gegeben: "Die Aschenstadt. Dachau in Gedichten". Versammelt sind darin Gedichte aus mehr als vier Jahrzehnten lyrischen Wirkens. Immer wieder taucht das Motiv eines Leichentransports auf, dessen Zeuge er mit zehn Jahren war: Die sterblichen Überreste, zu Skeletten abgemagert, kaum noch bekleidet und oft schon verwesend, wurden aufeinandergestapelt über die Mittermayrstraße auf Leiterwagen der Bauern fortgekarrt.

Kann man daraus Gedichte machen, aus dem nackten Grauen? Und vor allem: Darf man das? Nach dem Zweiten Weltkrieg war das ein großer Streitpunkt, man denke nur an Theodor W. Adornos berühmtes Verdikt in seinem Aufsatz "Kulturkritik und Gesellschaft" von 1951. Groißmeier hat sich Jahrzehnte später dieselbe "Unzeitgemäße Frage" (so der Titel) gestellt: "Nach Dachau und Auschwitz / habe der Dichter zu schweigen - / also totschweigen das Gedicht?" - Auf keinen Fall! Als Lyriker müsse er das Gesehene auch in seinen Werken thematisieren, schreibt Oberbürgermeister Florian Hartmann im Vorwort des Buchs, das in kommunalpolitischer Manier "Grußwort" heißt. Das Werk des mit Preisen überhäuften Poeten würdigt er als "lyrische Zeitzeugenberichte", die "den Geknechteten und Ermordeten eine Stimme geben".

Diese Stimme muss den richtigen Ton treffen, leise, aber hörbar, sie muss die richtigen Bilder finden, stark, aber ohne Pathos und einen Stil, der nichts stilisiert. "Die Galgen sind abgebaut. / Aber ihre Schatten / liegen noch über dem Land." Groißmeier sieht sie immer noch vor sich. Die Kinder sehen sie nicht mehr, viele ältere Dachauer wollen es auch gar nicht mehr sehen, auch wenn der OB in seinem Grußwort darauf hinweist, dass Dachau sich heute als "Lern- und Erinnerungsort" verstehe. "Der brave Bürger dieser Aschenstadt / ruht sanft auf seinem Ruhekissen / Mich schaudert's weil es nicht nur den Anschein hat / als ruhe sanft auch sein Gewissen." Das Gedicht ist von 2009.

Groißmeier, der als Kind den Rauch "aus brennenden Leibern" gesehen hat, gibt auch Einblicke in seine Familiengeschichte: Der Vater hasst die Nazis, aber das Gift der Indoktrination entfaltet auch beim jungen Erzähler seine Wirkung. Als "Hitlerjunge G" berichtet er: "Ich sah die Gestreiften: / gezähmte Tiere. / Wozu die Wachen mit Gewehren? / Genügten nicht Peitschen?" Wo diese Entmenschlichung endet, illustriert das Gedicht "Nützliche Gegenstände" von 2014. Nüchtern zählt es auf: "Napf, Zuber, Bottich, Fass, / aus Holz, nützliche Gegenstände / für den täglichen Gebrauch." Und dann schwenkt der Autor zur Verwertung menschlicher Körper "Seife aus Knochen, Lampenschirm aus Haut". Bei Zeilen wie diesen merkt man, dass Groißmeier in der Tradition von Lyrikern wie Georg Trakl, Gottfried Benn und Heinz Piontek steht. Was aber nur ein Groißmeier schafft, ist die Schlehdornbüsche am Erschießungsstand ("zu besichtigen / von 8 bis 18 Uhr") zu einem stummen Zeugen des Schreckens zu machen "mit weit aufgerissenen / Blüten."

Gewidmet ist der Band "den Toten von Dachau". Lesen sollten ihn die Lebenden nicht nur in Dachau. Die Asche hat sich weit verteilt.

Michael Groißmeier: Die Aschenstadt. Dachau im Gedicht, Allitera, 2020, 128 Seiten, 12 Euro.

© SZ vom 28.11.2020
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