Auftritt in der Kulturschranne Feinsinnige Doppelbödigkeit

Und nun mal zu etwas ganz anderem: das Trio "Dsilton" mit Georg Vogel am Keyboard, Valentin Duit am Schlagzeug und David Dornig an der Gitarre.

(Foto: Toni Heigl)

Das Jazz-Trio "Dsilton" fordert sein Publikum mit ungewohnter komplexer Mikrotonalität. Sich darauf einzulassen, lohnt sich

Von Andreas Pernpeintner, Dachau

Beim Auftritt des österreichischen Trios "Dsilton" (gesprochen: "Zielton") ist in der Kulturschranne ein Konzert zu erleben, das in gewisser Weise die Essenz dessen darstellt, was den Dachauer Jazz e.V. ausmacht. Das fängt beim Publikum an: Es umfasst an diesem Abend nur jene, die sich nicht von einem bekannten Namen locken lassen, sondern die zur Kernhörerschaft des Jazz e.V. gehören und bereit sind, musikalische Experimente zu erleben - und nichts anderes kündigt Programmkoordinator Axel Blanz in seiner Begrüßung vor dem Konzert an. Der Vorteil ist: Diese anwesenden Hörer sind durch mittlerweile 20 Jahren Jazz e.V. (das Jubiläum steht vor der Tür) geschult und haben sich zu einem Fachauditorium entwickelt, das es den drei jungen Musikern (Georg Vogel am E-Piano und an weiteren elektrischen Tasteninstrumenten, David Dornig an der E-Gitarre, Valentin Duit am Schlagzeug) durch die begeisterte Rückmeldung leicht macht, ihre anfängliche Vorsicht rasch zu überwinden und selbstbewusst eine Stilistik zu präsentieren, die sogar im Dachauer Forum für neue freie Jazzmusik etwas Besonderes ist.

Essentiell dabei ist, wie kompromisslos das Konzert bei aller Vielfalt der Ausdrucksformen stets von einem musikalischen Parameter bestimmt ist: von einer ungewohnten Harmonik, in der die Oktave in 31 Töne unterteilt ist. Daraus ergibt sich eine komplexe Mikrotonalität, die für wohltemperierte europäische Ohren zwar in manchen Tonlagen vordergründig schrecklich verstimmt klingt, aber eben in keiner Weise verstimmt ist, sondern schlicht und einfach anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Gelingt es einem als Hörer, sich auf diese grundlegende klangliche Rahmenbedingung einzulassen, sind ganz und gar zauberhafte Momente zu erleben.

Mit die besten - man kann sie schön nennen - enthält das letzte Stück vor der Pause, eine Komposition des Keyboarders und Pianisten Georg Vogel. Sie erinnert an ein verträumtes Lied aus dem Wienerwald. Vogel spielt hier ein Hohner-Clavinet und lässt es auch durch spielpraktische Finesse wie eine Zither klingen. Läge dem nun eine vertraute Stimmung zugrunde, wäre das Klangergebnis beinahe herzig süß. So aber ist die an sich freundliche Melodik von skurrilen Brechungen durchzogen, die die Eingängigkeit dekonstruieren und der Musik eine feinsinnige Doppelbödigkeit verleihen. Grandios.

Nein, an dieser Musik wirkt wirklich nichts gerade. Und doch ist sie lupenrein. Das Zusammenspiel von Vogel, Duit und Dornig an der vielsaitigen E-Gitarre ist frappierend: frappierend darin, wie feinsinnig sich Vogel und Dornig den Basspart teilen - so feinsinnig, dass man kaum mitbekommt, wann das Klangfundament von der Gitarre zu den Tasteninstrumenten wandert und umgekehrt.

Ebenso frappierend ist, wie eine Musik auch rhythmisch (passend zur Harmonik) so verquer und komplex angelegt sein kann, und trotzdem zugelassen wird, dass zwischendurch die Anmutung eines geradezu lässigen Pulses entsteht. Dieser Groove, der da ab und zu aufleuchtet, ist alles andere als unwichtig, denn durch ihn klingt die avantgardistisch komponierte Klangwelt dieses Trios gar nicht so verkopft, wie es bei solcher stilistischer Ausrichtung und hoch konzentrierter Spielweise ohne weiteres passieren könnte.

Dieser rhythmische Grenzgang ist in jedem Augenblick geschickt austariert. Für weitere Stilelemente gilt das ebenso: beispielsweise für die polyfone Strenge mancher Keyboardparts, deren glasklarem Klang Dornig mit seiner Gitarre mitunter eine rockig verzerrte Virtuosität als Kontrast gegenüberstellt.

Diese Musik fordert. Sie begeistert. Beim Spielen. Beim Hören. Sie ist widerspenstig, hochpräzise, kunstfertig, witzig, aberwitzig und dabei auch noch charmant.