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Aufführung im Jugenzentrum-Ost:Dritte Kultur

Aus Stephan Lanius (links) wurde an diesem Abend der durchtriebene Mullah Nareddin, und der Kontrabass mutierte zum Esel.

(Foto: Toni Heigl)

"Im Narrenland" erzählt Geschichten über Fremdenfeindlichkeit, aber auch über ein mögliches Miteinander. Trotz der spannenden Performance herrscht im Publikum gähnende Leere

Von Flüchtlingsschicksalen, von Fremdenfeindlichkeit, aber auch von der Hoffnung auf ein respektvolles Miteinander erzählt das Dreipersonenstück "Im Narrenland". Und es erzählt Geschichten von Mullah Nasreddin, einem großen Fabulierer, von dem die Wissenschaft nicht einmal genau weiß, ob er überhaupt je gelebt hat. Ein passgenauer Plot also, um die Pro-tagonisten Taha Karem, Stephan Lanius und Shadi Hlal zu den interkulturellen Wochen in Dachau einzuladen. Möchte man denken.

Doch am Samstagabend herrschte im Jugendzentrum Dachau-Ost: gähnende Leere. Warum? Darüber kann nur spekuliert werden. Lag der Veranstaltungsort zu weit weg vom Dunstkreis der Dachauer Kulturgänger? Hat die Stadt für diese wichtige Veranstaltungsreihe nicht genug "getrommelt"? Auch der städtische Integrationsbeauftragte Hubertus Freisinger wusste darauf keine Antwort. Mag sein, dass das Jugendzentrum (JUZ) nicht wirklich der Hotspot des Dachauer Kulturgeschehens ist. Doch weil das Ludwig-Thoma-Haus immer noch nicht wiedereröffnet ist, haben sich die Organisatoren womöglich für dieses Ausweichquartier entschieden. Aber da hätten doch wenigstens die Jugendlichen kommen können? Sie kamen auch, wenn auch erst nach gutem Zureden, weil es auch im JUZ wohl keine entsprechende Einführung gab. "Das müssen wir künftig machen", sagte Lanius später selbstkritisch.

Wer aber bis zum Ende der knapp einstündigen Collage von Musik, Performance und Erzählung blieb, war beeindruckt. Beeindruckt von der darstellerischen Kraft, von der hypnotisierenden Musik, von den teils autobiografischen Erzählungen und von den herrlichen Geschichten des Mullah Nasreddin. Dieser hat der Überlieferung nach im 13. oder 14. Jahrhundert gelebt - und ist mit seinem Esel eine feste Größe in der Volkstradition von der Türkei bis nach Zentralasien. Halb orientalisch gewandet, mit stechendem Blick, schlackernden Gliedmaßen und sich überschlagender Stimme wurde aus Lanius an diesem Abend der durchtriebene, immer zu einer Fopperei aufgelegte Mullah Nareddin, und der Kontrabass mutierte zum Esel. Lanius ist Gründer von Asylart, einer privaten Organisation, die sich der interkulturellen künstlerischen Zusammenarbeit mit Flüchtlingen und Migranten verschrieben hat.

Taha Karem ist Kurde und vor mehr als 25 Jahren aus seiner Heimat geflohen. Er lebt und arbeitet in München und will die nach seiner Überzeugung "festgefahrenen Wege" in Sachen miteinander - und immer häufiger gegeneinander - leben verlassen. "Wir müssen etwas Neues schaffen", sagte er der SZ Dachau. Das nennt er "dritte Kultur". Was er darunter versteht, machte er mit seinen persönlichen Erfahrungen deutlich. Er habe, so berichtete er, in seiner Nachbarschaft beobachtet, wie ein Deutscher und eine afrikanische Frau sich erbosten, weil die eine den anderen bei der Begrüßung nicht angeschaut habe. Bis er mit beiden gesprochen habe und gelernt habe, "dass es im Heimatland der Frau ein Zeichen von Respekt ist, den Mann bei der Begrüßung nicht anzuschauen".

Mit anderen Worten: Es sind die kleinen Dinge, die zu großen Missverständnissen führen, wenn man nicht miteinander, sondern übereinander spricht. Sehr viel gefährlicher hätte es für Karem werden können, als er bei einer Pegida-Demonstration in München einen der Schreihälse ansprach, warum er so fremdenfeindlich sei, sich beschimpfen lassen musste - und erst Ruhe einkehrte, als er sagte, er sei deutscher Staatsbürger. "Die Vielfalt der Kulturen ist doch eine Bereicherung für jedes Land", sagte er. Grundvoraussetzung für ein möglichst gutes Zusammenleben sei gegenseitiger Respekt.

Karem ist kein Träumer. Er sieht die Riesenprobleme jedes einzelnen Flüchtlings oder Migranten, "der seine Wurzeln bewahren will" und sich zugleich auf Neues, für ihn Fremdes einlassen will und muss. Shadi Hlal versucht, diesen Spagat zu schaffen - und hat starke Hilfe an seiner Seite. Der junge Syrer ist ein begnadeter Viola-Spieler; er ist vor rund drei Jahren geflüchtet und spielt jetzt bei den Jungen Münchner Symphonikern und im Syrian Expat Philharmonic Orchestra, das mittlerweile europaweit auftritt. Zusammen mit Lanius und Karem hatte er die Musik ausgesucht. Und die war ein echtes Erlebnis. Zarte Bratschentöne der europäischen Klassik verwoben sich mit dem hämmernden Rhythmus der Daf, einer Rahmentrommel, gespielt von Karem, und Lanius' heftig wummerndem Bass. Das war "dritte Kultur", eindringlich in Musik übersetzt.