Armutsbericht Wohnungsnot nimmt zu

"Leute schlafen bei Verwandten oder übernachten wochenlang im Auto", berichtet Lena Wirthmüller.

(Foto: Toni Heigl)

Immer mehr Menschen im Landkreis können sich die horrenden Mietpreise nicht mehr leisten. Fast 1000 Familien und Singles warten auf eine Sozialwohnung. Doch anders als in anderen oberbayerischen Landkreisen fehlt in Dachau eine zentrale Anlaufstelle

Von Petra Schafflik, Dachau

Vielen Menschen im Landkreis geht es gut. Die Wirtschaft floriert, es herrscht fast Vollbeschäftigung - und dennoch haben immer mehr Bürger kein Dach über dem Kopf. Die Wohnungsnot nimmt dramatische Züge an, die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist für viele Menschen zum Verzweifeln. "Leute schlafen bei Verwandten, übernachten wochenlang im Auto oder müssen sich in Pensionen einmieten", sagt Lena Wirthmüller. Die Schuldnerberaterin beim Caritas-Zentrum Dachau hat den aktuellen Armutsbericht für den Landkreis erstellt.

Auf Einladung der politischen Gruppierung Bündnis für Dachau, wo sie selbst im Vorstand ist, referierte Wirthmüller jetzt aus dem Bericht und sprach über Wohnungsnot und Konzepte zur Verhinderung von Obdachlosigkeit. Caritas-Kreisgeschäftsführerin Heidi Schaitl, die über langjährige Erfahrung in der Wohnungslosenhilfe verfügt, warb vor einem kleinen Kreis von Zuhörern für mehr Betreuung und Beratung und plädierte für die Gründung einer Fachstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit im Landkreis. "Es fehlt ein Frühwarnsystem, eine Anlaufstelle für Mieter und auch Vermieter, noch bevor es zur Räumungsklage kommt", sagte sie.

Wie konkrete Hilfe aussehen kann, darüber informierte Melanie Mühlen von der Fachstelle Wohnen im Nachbarlandkreis Fürstenfeldbruck, wo Caritas und Arbeiterwohlfahrt gemeinsam von Obdachlosigkeit bedrohte Bürger betreuen und beraten. Mühlen und ihre Kolleginnen haben ein enges Netzwerk aufgebaut. Sie sagt: "Das Jobcenter verweist bei Metproblemen an uns, wir sind in Kontakt zu allen großen Wohnungsbaugesellschaften und Hausverwaltungen." Mit Erfolg: Immer mehr Betroffenen, die ihre Miete nicht mehr zahlen können, die Angst haben vor einer Eigenbedarfskündigung oder sich sonst Sorgen machen um ihr Mietverhältnis, kommen frühzeitig. "Noch bevor eine Räumungsklage vorliegt."

Die Ursachen, warum Bürger die Obdachlosigkeit droht, sind vielfältig, Mühlen spricht von "Multiproblemlagen". Damit Betroffene nach erfolgreicher Verhinderung einer Räumung nicht wenige Monate später erneut in Not geraten, braucht es Betreuung der Mitarbeiterinnen der Fachstelle. "Und diese Nachsorge wird immer wichtiger." Das Konzept bestehend aus Prävention, Beratung und Nachsorge ist erfolgreich. Von 124 Fällen, in denen 2017 das Mietverhältnis bedroht war, konnten die Expertinnen für 80 Bürger und ihre Familien den Wohnraum erhalten, berichtet Mühlen.

Arbeit gäbe es für so eine Fachstelle auch im Landkreis genug. Derzeit warten in der Stadt Dachau und den 16 Kreisgemeinden 984 Familien und Singles auf eine Sozialwohnung, vor fünf Jahren waren es 435, berichtete Wirthmüller. Auch die Zahl der Menschen ohne Obdach ist in diesem Zeitraum nach oben geschnellt. Lebten 2012 noch 47 Dachauer in einer Unterkunft, waren es im vorigen Jahr schon 148, darunter 42 Kinder. Dazu kommen noch die jährlich etwa 30 bis 50 Landkreisbürger, die in den Kommunen in Gemeindewohnungen, Containern, Bauwägen oder Pensionen untergebracht werden. Genaue Daten dazu fehlen.

Und nicht alle menschlichen Dramen spiegeln sich in der Statistik. Weil Betroffenen selbst nach Notlösungen suchen, bei Freunden, im Auto oder Wohnwagen nächtigen, beim Onkel in der verschimmelten Kammer logieren, alles um nicht in einer Obdachlosenunterkunft zu landen.

Dennoch existiert im Landkreis bisher keine flächendeckend arbeitende Anlaufstelle für Betroffene. Einzig in der Stadt Dachau bemüht sich ein Team aus Verwaltungsfachleuten und Sozialpädagogen schon seit 2001, Obdachlosigkeit zu verhindern. Eine freiwillige Leistung der Stadt, die eigentlich den Landkreis in der Verantwortung sehe, betonte Bündnis-Stadtrat Kai Kühnel. Die städtische Beratungsstelle leiste gute Arbeit, "aber die Kapazitäten für Prävention fehlen", sagte die Caritas-Kreisgeschäftsführerin. Vor allem aber bleiben Bürger aus den Kreisgemeinden ohne Unterstützung. Die Bürgermeister würden den Bedarf nicht sehen, so Heidi Schaitl.

Dabei sind Fachstellen für Wohnen keine Ausnahme. Der Landkreis Dachau ist in Oberbayern der einzige weiße Fleck auf der Landkarte, wo eine solche Einrichtung noch fehlt. Dabei sind rechtlich für die Unterbringung von Menschen ohne Obdach immer die Gemeinden zuständig. Fachstellen sind meist landkreisweit organisiert und werden anderswo durchaus aus sachlichen Erwägungen eingerichtet. "Weil es sich wirtschaftlich lohnt, Fälle von Obdachlosigkeit zu vermeiden", sagt Schaitl, die sich für eine landkreisweite Fachstelle gegen Obdachlosigkeit stark macht.

Neben einer Fachstelle Wohnen zeigt der Armutsbericht noch weitere Maßnahmen auf, mit denen sich die Wohnungsnot lindern ließe. Dazu zählt der Bau von Sozialwohnungen, Modelle der sozial gerechten Bodennutzung, Förderung von genossenschaftlichen Bauprojekten, würdige Unterbringung von Menschen ohne Obdach, Aktivierung von leer stehenden Wohnungen, Anpassung der Wohnkosten, die vom Jobcenter für Hilfeempfänger übernommen werden. Handlungsempfehlungen, die nicht Theorie bleiben, sondern mit den zahlreichen Hinweisen zu anderen Themenfeldern, wie beispielsweise Altersarmut, aktiv angepackt werden sollen.

Wohlfahrtsverbände und der Landkreis werden deshalb am 13. November ein Netzwerk "Armutsarbeit im Landkreis Dachau" initiieren, kündigte Lena Wirthmüller an. Ziel sei, Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen - neben den Wohlfahrtsverbänden und der Kommunalpolitik auch Unternehmer, Vermieter, Gewerkschafter - für eine Mitarbeit zu gewinnen. Bei der Auftaktveranstaltung werden sich Arbeitsgruppen bilden, um dran zu bleiben, nachzufragen, Gespräche zu führen. "Damit der Armutsbericht nicht in den Schubladen verstaubt."