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Shoa-Überlebender Abba Naor:Vermisste Solidarität

Woche der Demokratie

Der Shoah-Überlebende Abba Naor fordert ein konsequentes Vorgehen gegen Terror und Antisemitismus.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Zum Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle ist es still in Dachau. Zu still, finden Shoah-Überlebende wie Abba Naor: Er hätte sich ein Signal der Anteilnahme aus dem Erinnerungs- und Lernort gewünscht

Von Helmut Zeller, Dachau

Es ist ein ganz besonderer Tag, er steht im Zeichen der Buße und Versöhnung mit den Menschen und Gott, aber danach ist Abba Naor gerade nicht zumute. Der Shoah-Überlebende sitzt am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, in diesem Jahr der Montag, 28. September, in seiner Wohnung im israelischen Rechovot und ärgert sich. Er könnte, wie er sagt, die Wände hochgehen. Das neue Jahr ist erst zehn Tage alt. Aber die Zeit läuft davon, ihm, der in ein paar Monaten 93 Jahre alt wird, und den anderen. Aber, so fragt er sich, wo sind eigentlich die anderen? Die bayerische Gedenkstättenstiftung, die Stadt Dachau, die KZ-Gedenkstätte - oder die Politiker, die sich gerne mit Zeitzeugen vor die Pressekameras drängen und berührende Reden halten. Wie vor einem Jahr, nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle.

Auch damals war Jom Kippur - und weil Abba Naor, Vizepräsident des Comité International de Dachau, zu diesem Anlass, der unter den Juden und Jüdinnen Deutschlands Schrecken verbreitet hat, nichts aus Dachau und auch nichts aus München hört, ergreift er das Wort: "Tut etwas! Unternehmt etwas gegen den aufflammenden Antisemitismus."

Mit seinem eigenen Verein, dem Internationalen Dachau-Komitee, muss er noch ein paar Takte reden. Auch von dem kam nichts. Ganz allein steht Abba Naor aber nicht da: Zum Jahrestag des rechtsextremen Anschlags auf die Synagoge von Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur hat das Internationale Auschwitz Komitee zum Engagement gegen Antisemitismus aufgerufen. Es bleibe bis heute eine der desillusionierendsten Erfahrungen der Überlebenden von Auschwitz, dass zwischen dem antisemitischen Hass und der Mordlust, die sie am eigenen Leib erfahren haben, oftmals so wie in Halle "nur eine alte Holztür steht", erklärte der Geschäftsführer des Komitees, Christoph Heubner, laut epd am Sonntag bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz.

Der Angreifer scheiterte an der stabilen Holztür zur Haller Synagoge, auf die er mehrmals schoss. Sie hielt den Schüssen stand - nur deshalb wurde ein Massaker an den 52 Gottesdienstbesuchern verhindert. Der Attentäter erschoss nach seinem missglückten Versuch, in die Synagoge einzudringen, eine Passantin und in einem Dönerimbiss einen 20 Jahre alten Gast. Auf seiner Flucht verletzte der Deutsche mehrere Menschen teils sehr schwer. Gegen ihn läuft zurzeit am Oberlandesgericht Naumburg in den Räumen des Landgerichts Magdeburg der Prozess.

Das Jüdische Mahnmal an der KZ-Gedenkstätte Dachau.

(Foto: Toni Heigl)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte den Anschlag als "unvorstellbar" bezeichnet. Das war er nicht. Der Antisemitismus war nach 1945 nie weg. Es war in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu tödlichen Terrorakten gegen Juden und Jüdinnen in der Bundesrepublik gekommen: in Erlangen, in München oder Frankfurt.

Nur: Die Mehrheitsgesellschaft schaute weg. Auch nach Halle ist so gut wie nichts passiert. Christoph Heubner betonte, deshalb würden sich auch in diesen Tagen Überlebende des Holocausts gegen die Gleichgültigkeit wehren und mit den Worten des Auschwitz-Überlebenden und späteren Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel (1928-2016) an die Solidarität ihrer Mitmenschen appellieren: "Man muss Partei ergreifen. Stillschweigen bestärkt die Peiniger, niemals den Gepeinigten."

Mit großer Sorge beobachtet Abba Naor die wiederholten Nachrichten über Rechtsextremismus in der Polizei, wie er sagt. Noch schlimmer findet er, dass die Politik dagegen nicht ausreichend vorgehe. Rechtsextremes, antisemitisches Gedankengut unter Polizisten, wie zuletzt in Nordrhein-Westfalen, gefährde den demokratischen Staat, das sollte doch den verantwortlichen Politikern bewusst sein.

Dachau, Montag, 28. September: Was bewegt die Stadt, die sich als Lern- und Erinnerungsort bezeichnet? Unter anderem "Laugenschleifen im Landkreis Dachau: Solidaritätsaktion im Brustkrebsmonat Oktober", eine Veranstaltung der Bäckereiinnung und dem Helios Amper-Klinikum. Ein sicherlich wichtiges Thema und ein ohne Zweifel wichtiges Gemeinschaftsprojekt. Auch in Karlsfeld, der zweitgrößten Kommune im Landkreis nach Dachau, gab es Berichtenswertes: "Bei der Feuerwehr Karlsfeld gab es wieder ,Nachwuchs' - Ende letzter Woche wurde unser neuer Einsatzleitwagen fertig gestellt und von einigen Kameraden beim Aufbauhersteller abgeholt." Alles wichtige Pressemitteilungen an diesem Tag. Nur hätten sich Überlebende der Shoah wie Abba Naor - gerade aus Dachau, dem Standort des ehemaligen KZ, - ein Signal der Solidarität gewünscht, vielleicht vom Runden Tisch gegen Rassismus, vielleicht von Kommunalpolitikern, auch im Landkreis, die bei wiederkehrenden Gedenkfeiern beeindruckende Reden halten.

Abba Naor sagt im Gespräch mit der SZ Dachau: "In ganz Europa erhebt sich der Antisemitismus, nicht nur in Deutschland. Die Judenfeindlichkeit ist in breiten Schichten der Bevölkerung wieder salonfähig geworden. Die Terrorakte wie in Halle sind die eine Seite, auf der anderen bereiten die Vorurteile gegenüber Juden in der Mitte der Gesellschaft den Boden für den Hass. Deutschland aber müsste eine Vorbildfunktion im Kampf gegen den Antisemitismus übernehmen, denn von Deutschland ging die staatlich organisierte und industriell umgesetzte Vernichtung der europäischen Juden aus." Und Dachau war das Modelllager für alle anderen KZ und Vernichtungslager, deren Personal zum Teil in Dachau ausgebildet worden war.

Der körperlich und geistig fitte 92-jährige Zeitzeuge brennt darauf, endlich wieder mit Schülern in Bayern sprechen zu können. Seine Nieren sind etwas angegriffen, aber dagegen gibt es Tabletten, wie er sagt, und sie machen noch lange nicht schlapp. Selbstmitleid ist Abba Naor fremd. "Wenn du Schmerzen hast, dann jammere nicht, sondern lebe mit ihnen. Basta."

Um das zu verstehen, muss man seine Verfolgungsgeschichte kennen. Als 13-Jähriger kam Abba Naor 1941 ins Ghetto von Kaunas, er verlor seinen älteren Bruder, der erschossen wurde, weil er in der Stadt Brot kaufen wollte. Seine Mutter und sein jüngerer Bruder wurden in Auschwitz-Birkenau vergast, nur er und sein Vater überlebten, wurden aus Außenlagern des KZ Dachau von amerikanischen Truppen befreit. An Jom Kippur sind seine Gedanken bei seinen Toten. "Ich denke jeden Tag an sie", sagt er.

"Aufklärung und Bildung", das wiederholt er, nur dadurch könne man dem Hass begegnen, ihm den Boden entziehen. Er will endlich wieder nach Bayern kommen, Zeitzeugengespräche an Schulen führen und so gegen Antisemitismus angehen. Zigtausende Schüler hat er in den vergangenen zwanzig Jahren erreicht. Aber in Dachau laden sie ihn nicht mehr ein, die KZ-Gedenkstätte, auch andere nicht. Natürlich liegt das an der Corona-Pandemie, andererseits gibt es Veranstaltungen, kulturelle und politische, unter Einhaltung der Hygieneregeln. "Warum nicht für mich? Ich fürchte das Virus nicht, ich bin alt genug. Ich würde sofort kommen. Aber vielleicht wollen sie mich ja nicht mehr."

© SZ vom 29.09.2020
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