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An der Münchner Straße in Karlsfeld:Visionen eines neuen Zentrums

Wohnungen, Gewerbe, Gastronomie: Auf dem 36 500 Quadratmeter großen Ludl-Gelände ist ein Komplex mit außergewöhnlichen Gebäuden geplant. Die Bürger haben einige Anregungen und Änderungswünsche

Die Romulus Areal GmbH und Lidl haben Großes vor in Karlsfeld. Sie wollen das rund 36 500 Quadratmeter große Ludl-Gelände an der Münchner Straße bebauen - und nicht nur ein bisschen. Das Modell des Architekten Klaus Kehrbaum zeigt mehrere bis zu zehn Stockwerke hohe Gebäude. Handel, Gastronomie, verschiedene Dienstleistungen, Soziales und Freizeitnutzung soll künftig auf dem Areal angeboten werden. Die Idee ist es, arbeiten und wohnen gleichermaßen zu ermöglichen. Der Charme daran ist, dass die Bewohner kurze Wege haben und das Gelände nie ausgestorben ist. Die kleine denkmalgeschützte Kapelle wird nach der Vorstellung des Planers das einzige sein, was noch an den inzwischen sehr verfallenen Bauernhof, das letzte Relikt des alten Karlsfelds, erinnern soll.

Doch das Ganze ist erst ein Entwurf. Der gemeindliche Berater Christian Hörmann vom Büro Cima betont immer wieder: "Die Gemeinde kann noch viel steuern." Noch haben die Investoren kein Baurecht für das, was sie sich ausgedacht haben. Lediglich ein flacher Lebensmittelmarkt an der Münchner Straße wäre derzeit möglich. Das Vorhaben von Architekt Kehrbaum übersteigt das derzeitige Baurecht um ein Vielfaches. Das ist wohl auch ein Grund, warum sich die Investoren relativ offen präsentieren.

Vor allem das Modell des Architekten dient als Gesprächsstoff.

(Foto: Christiane Bracht)

Am Samstag durften die Bürger mitreden. Etwa 80 Interessierte waren in die Schule an der Krenmoosstraße gekommen. Die meisten scharten sich sofort um das Modell. Die außergewöhnliche Architektur fiel sofort ins Auge. Ganz anders als der Planer der neuen Mitte hat Kehrbaum nicht nur ein paar hohe Klötze auf das Gelände gestellt. Er spielt mit unterschiedlichen Höhen und Gebäudeformen. Am Auffälligsten ist die große Ellipse an der Münchner Straße. Ein Turm, der alles in Karlsfeld überragt - ein Blickfang. An der Münchner Straße sei das nötig, sagt er. Damit man wisse, wo das Zentrum des Ortes sein soll. Viele nicken, sind angetan von seinen Ideen.

In der Mitte des Geländes soll ein großer Platz mit einem Brunnen entstehen. Dieser ist quasi der Endpunkt des sogenannten Brückenschlags, der seit 40 Jahren diskutiert wird. Denn der Platz soll in direkter Achse zur Gartenstraße liegen und über die Münchner Straße führen. Außerdem will Kehrbaum eine Verbindung zur Nibelungenstraße schaffen. Allerdings, so schränkt er ein, soll sie keine Abkürzung zur völlig überlasteten Münchner Straße sein. Da gebe es Mittel und Wege, den Durchgangsverkehr fern zu halten, beruhigt er die Bürger aus Karlsfeld. Der Platz soll aber nach Vorstellung des Planers nicht nur ein Verkehrsknoten sein, sondern er soll auch Aufenthaltsqualität haben. Viel Grün wünscht er sich und keine Straßen im herkömmlichen Sinn, sondern einen "shared space". Das bedeutet, Autos, Radler und Fußgänger sind gleichberechtigt. Es gibt keine Gehwege, alle müssen sich den Platz teilen. Für die Autos heißt das, dass sie nur sehr langsam fahren können.

Sehr kontrovers debattierten die Karlsfelder, ob die alte Bausubstanz erhaltenwerden soll und wie man sie integriert.

(Foto: Toni Heigl)

Trotz einer ersten positiven Resonanz auf die Pläne des Architekten zeigen sich die Karlsfelder an diesem Samstag skeptisch. Zu oft schon stellte sich später alles anders dar, als es am Anfang propagiert wurde. Und so fragt eine Frau: "Wie gesichert sind diese Pläne? Wie kann man sicherstellen, dass am Ende nicht nur die Wohnungen gebaut werden und ansonsten eine kahle Fläche bleibt?" So hat es die Erlbau GmbH auf dem ehemaligen Eon-Gelände westlich der Bahn gemacht. Kehrbaum besänftigt sie, dass man im Vertrag festlegen könne, dass das gesamte Projekt innerhalb von fünf Jahren oder auch weniger Zeit umgesetzt sein muss. Diese könne man sogar mit Bürgschaften untermauern. Berater Hörmann warf ein, dass die Gemeinde sich bereits juristische Hilfe geholt habe.

Ein anderer hatte Bedenken wegen des Grundwasserspiegels. Beim Bau der neuen Mitte hatte man einen Klotz in den Boden gerammt, um das Areal wasserfrei zu bekommen, dadurch stieg jedoch der Grundwasserspiegel. "Bekommen wir dann noch mehr Probleme?", wollte der Mann wissen, angesichts der Idee, eine große Tiefgarage unter den Gebäuden anzulegen. Ein "brandheißes Thema", speziell seit MAN Wasser in den Grund einleiten will. Ein Raunen ging durch die Reihen, viele klatschten Beifall. Kehrbaum versicherte: "Wir wollen keinen Sperrriegel." Er werde die große Wohnanlage um 1,50 Meter herausheben.

Die Pläne des Investors regen die Karlsfelder zu lebhaften Diskussionen an.

(Foto: Becker-Nickels)

An sechs Thementischen wurde munter diskutiert und überlegt zu den Themen: Mobilität, Denkmalschutz, Stadtbild, Nutzung des öffentlichen Raums, Gewerbe und soziale Infrastruktur. Dabei zeigte sich schnell, dass vor allem der Verkehr den Karlsfeldern zu schaffen macht. An diesem Tisch drängten sich die Leute dicht an dicht. Die Tafel mit Wünschen, Ideen und Lösungsvorschlägen hatte am Ende mit Abstand die meisten Kärtchen.

Verkehr

Das Schwierigste am "Brückenschlag" ist die fünfspurige Münchner Straße, die sich wie eine Trennlinie durch den Ort zieht. Eine Brücke über sie zu bauen, um die beiden Teile zu verbinden, ist laut Architekt Kehrbaum nicht sinnvoll. Denn alles, was nicht barrierefrei sei, werde nicht angenommen. Zudem ist ein solches Bauwerk teuer. Unterführungen würden als Angsträume wahrgenommen. Kehrbaum schlägt eine Ampel vor, bei der Fußgänger und Radler gleichberechtigt sind. Das heißt die Autos müssen stehen, wenn einer hinüber will. Doch viele Karlsfelder zeigten sich von dieser Idee nicht überzeugt. Eine helle weite Unterführung wie am Würmkanal würden einige bevorzugen. Sie sollte videoüberwacht sein. Andere wiederum lehnen das ab. Viele plädieren für bessere Radverbindungen als Alternative zur Münchner Straße, auch Radschnellwege werden gefordert.

Das Thema Parkplätze bewegt die Karlsfelder ebenfalls: Die einen sagen, die Autos sollen nur unterirdisch abgestellt werden können, ein anderer fordert einen Stellplatzschlüssel von zwei Parkplätzen pro Wohnung. Die Anlieferung von Waren müsse geregelt werden, gibt einer zu bedenken. Und dann gibt es Forderungen, die weit über das Ludl-Grundstück hinaus gehen: Vom U-Bahnanschluss über den Bahnnordring bis hin zur Tram von Moosach über MAN nach Karlsfeld gehen die Ideen. Insgesamt solle aber der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden.

Architekt Klaus Kehrbaum hat für die Investoren des Ludl-Grundstücks ein ambitioniertes Modell entworfen. Sein Spiel mit Höhen und Formen hat viele Karlsfelder positiv überrascht.

(Foto: Toni Heigl)

Die Anwohner der Würmstraße wünschen sich einen Lärmschutz, hat der Verkehrsgutachter August Janello herausgehört.

Historisches Erbe

Einig ist man sich offenbar, dass die denkmalgeschützte Kapelle erhalten werden muss und dass sie schön herausgeputzt in genügend Grün eingebettet werden soll. Am besten wäre es, wenn man sie anheben könnte, damit man nicht das Gefühl habe, sie ist in einem Loch, sagt Architekt Frank Becker-Nickels, der in Karlsfeld viel geplant hat. Einige Karlsfelder wünschen sich, dass die Kapelle öffentlich zugänglich wird. Die von Kehrbaum vorgesehene fünfstöckige Bebauung unmittelbar an der Kapelle empfinden viele als zu hoch. Darüber sollte man unbedingt nachdenken, so Becker-Nickels. Einige wünschen sich einen Platz drum herum. Auf jeden Fall soll sie visuell stärker in den Vordergrund rücken. Architekt Kehrbaum hatte sofort die Idee, "sie in eine Vitrine zu stellen".

Doch es gibt auch einige, die nicht nur die Kapelle, sondern auch das Sommerhaus erhalten wollen. Manche sind dafür, das gesamte Ensemble inklusive Hof zu erhalten. Kehrbaum sagte nur: "Früher standen um den Marienplatz in München auch Bauernhäuser, hätte man sie erhalten, wäre es irgendwann peinlich geworden." Andere führen den Stemmerlhof am Ende der Lindwurmstraße als Referenz an und gelungene Integration des historisch ländlichen Erbes mit dem modernen Städtebau.

Schließlich sei der Ludlhof das letzte alte Karlsfeld, was noch da sei. Als Nutzung für das Sommerhaus könne man sich eine Gaststätte oder ein Café vorstellen. Ein anderer wusste, dass es auf dem Gelände sogar einen Eiskeller gibt. Eine tolle Gelegenheit künftig Karlsfelder Bier zu brauen. Die Hofgebäude könnten gewerblich genutzt werden.

Gewerbe

Die Investoren wünschen sich auf 21 100 Quadratmetern Gewerbe, auf rund 26 300 Quadratmetern sollen indes 280 Wohnungen entstehen. Das bedeutet 670 neue Einwohner für die Gemeinde, wenn das Projekt so realisiert wird. Eine Vorstellung, die vielen Angst macht. Der Investor wirbt damit, dass er eine Kita mit 100 Plätzen bauen wolle, dabei würden nach bisherigen Rechnungen nicht mehr als 74 Kinder in das Gebiet ziehen. Für die gewerblichen Flächen gibt es offenbar schon einige Interessenten, signalisiert Kehrbaum. Unter anderem träumt Lidl davon umzuziehen. Auch Ihle scheint konkretere Pläne zu haben.

In der nächsten Gemeinderatssitzung Ende November wird über alle Vorschläge noch einmal diskutiert.