Altomünster Eine feste Burg

Der Birgitten-Orden in Altomünster verteidigt sich gegen Vereinnahmung. Die Nonnen wollen keine Asylbewerber aufnehmen, weil sie sonst ihre Klausur aufgeben müssten.

Von Viktoria Großmann

Vordergründig wäre im Kloster Altomünster viel Platz für Asylbewerber vorhanden. Aber Priorin Apollonia vom Orden der Birgitten fürchtet um ihr Biotop eines geistlichen Lebens mit einer 500 Jahre alten Tradition.

(Foto: joergensen.com)

Schwester Apollonia lebt in einem Biotop, einem "geistlich-seelischen", wie sie sagt. Ihr Biotop besteht aus einem Wohnhaus, einem Gästehaus, einem Garten und einer Rokoko-Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Schwester Apollonia ist eine von zwei Nonnen vom Orden der Birgitten, die in Altomünster noch leben. In ihrem Biotop bewahrt sie und stellt sie zugleich eine Lebensform aus, die heutzutage vielen fremd und kaum jemandem attraktiv erscheint. Schwester Apollonia verteidigt sie mit Beständigkeit und mehr als 500 Jahren Geschichte. Auch gegen jene, die im Kloster gern Flüchtlinge unterbringen würden. Hilfe bekommt sie dabei von einem Mann und einem ökumenischen Verein.

Im Keller des Klosters sind seit vergangener Woche Äpfel eingelagert. Obst und Gemüse kommt aus dem Garten, die Kühltruhen sind voll. Einkaufen müssen die Ordensschwestern höchstens einmal die Woche. Schwester Apollonia führt das Kloster immer noch so, als seien sie mindestens zu zehnt, wie damals vor 22 Jahren, als sie in den Orden eintrat. Heute haben sie immerhin einen Zuwachs von 50 Prozent. Bis vor einem Monat lebten nur Schwester Apollonia und Schwester Regina auf dem Anwesen. Seit einem Monat gibt es eine Neue. Von Schwester Apollonia, die der Dreier-Gemeinschaft vorsteht, auch "Kleine", "Kandidatin" oder "Postulantin" genannt.

Die "Kleine" stammt aus Karlsfeld und ist 26 Jahre alt. Ihre Tage füllen nun Hausarbeit, Unterricht, Gebet. Gesehen werden möchte sie nicht, denn noch trägt sie weltliche Kleidung. Zum Beispiel, wenn sie die Betten in den Gästezimmern frisch bezieht. Allerdings hat sie die Hälfte der Betten vergessen, wie Schwester Apollonia bei einem Rundgang durch den Gästetrakt kopfschüttelnd bemerkt. Das Gästehaus ist groß. Ein langer Gang, links und rechts jeweils etwa zehn Türen. Am Ende ein großes übermannshohes Fenster durch das die Klosterkirche hereinschaut.

Um die Ecke noch ein Gang mit etwa zehn Zimmern, der an einer Tür mit dem von Hand geschriebenen Schild "Klausur" endet. Dieser Bereich ist immer kleiner geworden im Laufe der Jahre. Die Gästezimmer waren auch einmal Nonnen-Zellen. Eingerichtet mit Bett, buntem Flickenteppich, Tisch, Stuhl, Bücherbord mit Leselampe, Waschbecken, Spiegel und verschiedenen Heiligenbildern an den Wänden. Die Zimmer heißen Sankt Gertrud oder Sankt Franziska. Manche wurden zu Doppel- und Familienzimmern umgebaut. Durch die Decke im Flur ziehen sich große Risse, der Stuck ist an verschiedenen Stellen herunter gebrochen.

An Wochenenden wie dem der Feier zum hundertjährigen Bestehen der Linie A ist das Gästehaus ausgebucht. Auch die Brüder des einzigen Birgitten-Mönchs-Ordens aus den USA, die im September zu Besuch waren, schliefen im Gästehaus. Dazu kommen regelmäßig Besuchergruppen aus aller Welt, sagt Schwester Apollonia. Für das Kloster sei das eine wichtige Einnahmequelle.

Seitdem die Priorin Schwester Antonia im vergangenen Jahr verstorben ist, kümmert sich Apollonia um alles: Verwaltung, Finanzen - zu den Einnahmen aus der Zimmervermietung kommen Pachteinnahmen von den Ländereien -, Kochen, das Haus in Schuss halten, mit dem Ordinariat kommunizieren. Dabei war es nicht das arbeitsame Leben, das sie zu den Birgitten zog. Acht Jahre lang war sie zuvor bei den Armen Schulschwestern in München gewesen und als Lehrerin in der Schule am Anger ständig unter Menschen. Die Frau vom Lande, aus der abgeschiedenen Grenzgegend um Furth im Wald aber suchte die Ruhe, sie wollte in Klausur leben. Und sie schätzte das Bekenntnis der Ordensgründerin, der heiligen Birgitta von Schweden, Gott nicht nur in Gebet und Arbeit, sondern auch in Erholung zu dienen. Dazu kommt sie heute nur noch selten. Immerhin gibt es seit dem Tod der Priorin Internet. Apollonia schreibt nun E-Mails.

Zum Beispiel nach Rom, wo der Orden einen größeren Ableger hat. Sie bittet um Mitschwestern, aber die in Rom haben selbst 30 Häuser in der ganzen Welt gebaut. Die wollen auch bewohnt werden. "Immer die, die am meisten haben, können am wenigsten geben", sagt Apollonia und lacht schon wieder. Sie lacht viel. Erzählt freimütig, dass ihre Mitschwestern im Fernsehen am liebsten den Papst sehen, während sie selbst lieber Don Camillo und Peppone anschaut.

Trotzdem. Auch das Landratsamt Dachau dachte, dass die Nonnen etwas zu geben hätten, Platz nämlich. Der Landkreis muss unerwartet bis Jahresende etwa 100 Flüchtlinge mehr unterbringen als zunächst angenommen. Während der Orden der Franziskanerinnen in Schönbrunn ein Grundstück für Wohnmodule für die Asylsuchenden zur Verfügung stellt, erklärte der Birgitten-Orden, keine Möglichkeiten zu haben. Die Räume seien für Flüchtlinge kaum geeignet. Im September hatte Papst Franziskus die Orden dazu aufgerufen, in leer stehenden Klöstern Flüchtlingen Asyl zu gewähren.

Doch das Kloster Altomünster steht nicht leer. Nicht ganz. Für die Nonnen geht es um ihre Existenz. Und wer um seine Existenz kämpft, hat selten das Gefühl, etwas geben zu können. Schwester Apollonia fürchtet, sie werde sich allein mit ihrer bereits gebrechlichen Mitschwester und der Neuen um die Flüchtlinge kümmern müssen. Peter Schultes, der sich seit Jahren um das Fortbestehen und die Geschichtsschreibung des Ordens bemüht und den Verein Societas Birgitta Europa begründet hat, springt der Schwester zur Seite. "So etwas kann ein Papst leicht sagen. Doch dafür müssten die Schwestern ihr Leben in Klausur aufgeben", sagt er. Genauer gesagt müsste der Papst sie von der Klausur dispensieren, wie der Kirchenhistoriker Klaus Unterburger von der Universität Regensburg erklärt. "Das würde ihre Lebensform zerstören", sagt er. Die Birgitten haben keinen karitativen Anspruch wie etwa die Franziskanerinnen. Sie sind ein kontemplativ-betrachtender Orden. "Das ist eine alte Diskussion um den Wert der aktiven gegenüber dem der kontemplativen Orden", sagt Unterburger. "Da geht es um tief gehende Fragen, um das Menschenbild der Orden und darum, wie sie den Sinn des Lebens definieren."

Also um nichts weniger als das Klosterleben an sich, mit seinem Tagesablauf, seinen Verrichtungen gemäß Gelübde. Alles, was so kostbar ist für Altomünster und so fragil: Schwester Apollonia ist 59 Jahre alt, auch wenn man ihr das nicht ansieht. Schwester Regina ist 69. "Das Klosterleben ist nicht so ungesund", sagt Apollonia und lacht, verschmitzt diesmal. Dann zählt sie auf, wie viele ihrer Mitschwestern weit über 90 Jahre alt geworden sind. Dreißig Jahre hätte sie demnach mindestens noch Zeit, um neue Schwestern zu finden. Und was, wenn die Neue die einzige bleibt? Oder gar nicht bleibt? Was wäre Altomünster ohne sein Kloster? "Nur ein Marktflecken im Grau der vielen bayerischen Marktgemeinden", sagt Schultes.

Schultes lebt für die Birgitten. Das ist gar nicht so sehr übertrieben. Er hat seine Apotheke nach ihnen benannt und erinnert sich, wie er als Bub an der Hand der Ordensschwestern durch den Ort ging. Mit seiner ökumenischen Societas hat er gerade einen zweisprachigen Birgitta-Atlas herausgegeben. In dem großformatigen Werk, das in zehnjähriger Arbeit entstand, sind sämtliche Orte verzeichnet, an denen es Birgitten-Klöster vom ursprünglichen Zweig gab und gibt: 55 sind es einmal in Europa gewesen, heute gibt es noch vier. Schultes hat sozusagen die Öffentlichkeitsarbeit für die Nonnen übernommen, er kümmert sich sogar um das Anwerben von Nachwuchs.

Nicht alle denken so wie Schultes. Dass die Nonnen keine Flüchtlinge aufnehmen wollen hat einiges Unverständnis ausgelöst. In Markt Indersdorf leben 30 junge Männer gedrängt ohne Privatsphäre in einer Tennishalle. Sind denn nicht Kirchenfrauen vor allen anderen zur Nächstenliebe verpflichtet? Schwester Apollonia ist Gott verpflichtet. Ihm dient sie in ihrem Kloster, in ihrer Klausur, in ihrem Biotop. "Mit Biotopen", sagt sie, "muss man sorgfältig umgehen. Man darf nichts hinein werfen, was nicht hinein gehört - dann kippt es um."