Altomünster "Die Nonnen machen es sich zu leicht"

Die Birgitten wollen keine Asylbewerber aufnehmen, weil sie sonst angeblich ihre Klausur aufgeben müssten. Ihr Seelsorger Pater Michael de Koninck ist um das Ansehen der Kirche besorgt und fordert zumindest einen Dialog.

Von Viktoria Großmann

"Das Gästehaus steht die meiste Zeit des Jahres leer", sagt Pfarrer Michael de Koninck. Das Landratsamt würde die Miete zahlen.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Der Seelsorger der Birgitten-Nonnen Pater Michael de Koninck hat kein Verständnis dafür, dass die Nonnen des Klosters Altomünster keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Der Süddeutschen Zeitung schrieb er in einem Brief: "Ich schäme mich für diese flache Umgangsweise unserer Schwestern und ihrer Unterstützer". De Koninck vergleicht die Ordensschwestern gar mit dem Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Wie dieser Geld für seinen Bischofssitz verschwende, verschwendeten die Nonnen Platz. Das widerspreche deren Armutsgelübde und schade dem Ansehen der Kirche.

Das Landratsamt Dachau hatte die Schwestern in einem Brief gebeten, zu überprüfen, ob sie Räume zur Verfügung stellen könnten. Im Kloster Altomünster, einem weitläufigen Gebäude mit Garten lebten nach dem Krieg etwa 60 Nonnen. Heute sind es noch zwei und seit kurzem eine Kandidatin. Schwester Apollonia, die der Gemeinschaft vorsteht, habe die Bitte ohne weiteres ebenfalls schriftlich abgelehnt, sagt Markus Meckler. Er ist im Landratsamt Dachau für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig. Den Landkreis bringt es in Bedrängnis, dass bis Jahresende kurzfristig etwa 100 Menschen mehr untergebracht werden müssen, als ursprünglich geplant. Er habe sich um ein Gespräch mit den Nonnen bemüht, sagt Meckler, jedoch hätten diese nicht einmal Nachfragen gestellt. Eine Tatsache, die Pfarrer de Koninck verärgert. "Die Nonnen sind nicht bereit, mit den Verantwortlichen wenigstens zu sprechen." Sie hätten keinen Versuch gemacht, über Lösungen nachzudenken. "Die Nonnen machen es sich zu leicht", sagt de Koninck.

Auch der SZ sagte Schwester Apollonia bündig, es gebe im Kloster keine geeigneten Räume. Nirgendwo könnten, wie vom Landratsamt gewünscht, mindestens zehn Personen auf einmal untergebracht werden: "Das sind ja alles Einzelzimmer." Das Gästehaus, das zum Kloster gehöre, komme nicht in Frage, da dort häufig Reisegruppen oder einzelne Besucher untergebracht würden. Am Wochenende der 100-Jahr-Feier der Bummerlbahn etwa sei das Haus ausgebucht gewesen. Pater de Koninck hält jedoch dagegen, dass die etwa 30 Zimmer, darunter auch Doppel- und Familienzimmer, die meiste Zeit des Jahres leer stünden. Einen Einnahmenausfall hätte das Kloster nicht zu befürchten, denn das Landratsamt zahlt Miete für die Unterbringung der Flüchtlinge.

Der Altomünsterer Apotheker Peter Schultes, der die Societas Birgitta Europa (SBE) gegründet hat und mit seiner Arbeit Kultur und Geschichte des Birgittenordens bewahren und beschützen helfen will, verweist auf das Klausurleben der Nonnen. Die beiden Nonnen, die letzten, die in Deutschland dem mittelalterlichen Zweig des 1349 gegründeten Orden angehören, dienen Gott laut Gelübde in Betrachtung, Gebet und Arbeit. Ihren Klausurbereich zu betreten, ist Außenstehenden nicht erlaubt. Von der Klausur dispensieren kann sie nur der Papst. Dieser hatte im September die Orden dazu aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Pater de Koninck meint, dass die Klausur nicht angetastet werden müsse, würde das Gästehaus für die Asylsuchenden geöffnet. Die Nonnen wie auch Schultes fürchten um die Aufgabe ihrer Lebensform. Eine Sorge, die de Koninck zwar verstehen kann, jedoch, so sagt er, müsse "der Aufruf des Heiligen Vaters schwerer wiegen". Zur Befürchtung der Nonnen, die 59 und 69 Jahre alt sind, sich um die Belange der Flüchtlinge von der Glühlampe bis zum Zwist unter Mitbewohnern allein kümmern zu müssen, entgegnet Markus Meckler vom Landratsamt: "Wir haben noch keinen Aufnehmenden mit der Verantwortung allein gelassen."

Trotzdem scheint es nicht nur im Falle des Birgittenordens nicht so einfach zu sein, dem päpstlichen Aufruf zu folgen. Unter den Unterkünften für Flüchtlinge in Dachau ist erst seit kurzem ein Pfarrhaus in Egenburg, das gerade für eine Familie ausreicht. Alle anderen Unterkünfte sind weltlicher Art, etwa ein ehemaliges Pflegeheim und eine Pension. Die Franziskanerinnen von Schönbrunn stellen außerdem Grundfläche für eine Wohnmodul-Unterkunft bereit. Das Pfarrhaus von Altomünster ist unbewohnbar, da es von schwarzem Schimmel befallen sei, erklärt de Koninck. Es soll zu einem Gemeindezentrum mit Pfarrsaal umgebaut werden.

Das Erzbistum München-Freising geht jedenfalls nach eigenen Aussagen dem Aufruf des Papstes voraus. Die Devise schon vorher sei gewesen, sagt Sprecherin Karin Basso-Ricci, "überall da, wo es möglich ist, Flüchtlinge unterzubringen, ermöglichen wir es auch." In Frage kämen unter anderem Pfarrhöfe und Wohnungen der Pfarreien. Kürzlich hat das Bistum zudem alle Pfarreien in seinem Gebiet angeschrieben und gegebeten, geeignete Räumlichkeiten zu melden. Auch mit dem Landratsamt Dachau sei das Bistum im Gespräch.

De Koninck will noch einmal mit den Nonnen sprechen. Die Entscheidung könne man so nicht stehen lassen: "Das wäre zu schade, auch für die Schwestern." Er weiß, dass auch unter seinen Berufskollegen nicht alle eine so deutliche Meinung haben wie er. Umso mehr müsse darüber gesprochen werden. "Wer mit dem Herzen glaubt und Christi Wort ernst nimmt, dem sind die Bilder aus Lampedusa nicht egal", schreibt der Pater. Das Gästehaus im Kloster immerhin hätte genug Platz für die Flüchtlinge, die in Markt Indersdorf in einer Turnhalle wohnen.