Süddeutsche Zeitung

Altersarmut:"Ich weiß gar nicht mehr, wie ein Schnitzel schmeckt"

Lesezeit: 4 min

Pierro Battaglia hat 40 Jahre lang in der Gastronomie gearbeitet. Jetzt haust er in einer Wohnung ohne Schränke in Altomünster, sein Essen bereitet er sich mit einem Wasserkocher zu. Der SZ-Adventskalender will ihm helfen.

Von Gregor Schiegl, Altomünster

Die enge Stiege hinauf in seine 40-Quadratmeter-Wohnung schafft er es nur mit Mühe, Pierro Battaglia kommt schnell außer Atem. Wegen einer Lungenerkrankung muss er Kortison nehmen und Tabletten gegen Bluthochdruck. Rauchen ist da eigentlich keine so gute Idee. Er tut es trotzdem. "Was bleibt mir denn sonst noch?", fragt der 67-Jährige. Er lebt von einer Mini-Rente in einem heruntergekommenen Altbau mitten in Altomünster. Ein Dasein am Existenzminimum.

Menschen in Not wollen meist nicht mit ihrem echten Namen genannt werden, zu groß ist die Scham. Bei Pierro Battaglia ist das anders. Er will sich nicht verstecken, nicht einen Winkel seines Elends verbergen. "Sie können alles fotografieren", sagt er. "Die Leute sollen sehen, was es heißt, arm zu sein." Er bekommt 582 Euro Rente, davon gehen 300 Euro für die Miete drauf, Nebenkosten noch gar nicht mitgerechnet. Der einzige Luxus, den er sich leistet, ist der Cappuccino, den er manchmal im Supermarkt trinkt.

Früher war er mal ein Rädchen im schnell getakteten Getriebe des Gastgewerbes

Als er noch gearbeitet hat, war Pierro Battaglia ein glücklicher Mann, 40 Jahre lang war er in der Gastronomie tätig als Kellner in verschiedenen Lokalen, von der Autobahnraststätte bis zum feinen Hotel. Noch immer kann er von der Fenchel-Lasagne schwärmen, die er früher mal gegessen hat, in einem besseren Leben, als er ein glatt schnurrendes Rädchen war im schnell getakteten Getriebe des Gastgewerbes. Bestellungen aufnehmen, Servieren. Haben Sie noch einen Wunsch? Die Rechnung bitte. Danke schön, auf Wiedersehen. Lief alles reibungslos.

Dass seine früheren Arbeitgeber mit den Sozialabgaben übel knauserten, hat er erst gemerkt, als es längst zu spät war. Von einem früheren Autokauf sind noch Schulden offen, 2560 Euro. Zurückzahlen kann er die nie mehr. Er musste Privatinsolvenz anmelden. Von seinem wohlgeordneten Leben ist nichts mehr übrig, höchstens die selbstgestopften Zigaretten. Sie liegen auf dem Tisch seiner verqualmten Wohnung, Filter an Filter, gestapelt wie winzige Baumstämme, die auf den Abtransport warten. Rechts davon, parallel zueinander ausgerichtet, zwei Feuerzeuge. Auf diesen wenigen Quadratzentimetern herrscht penible Ordnung.

Alles durcheinander, alles verwüstet

Der Rest der Wohnung sieht aus wie nach einem Hurrikan. Auf dem Sofa liegen Kleider kreuz und quer, dazwischen Taschentücher und abgepacktes Toastbrot, auf dem Tisch ein Deoroller neben einem halb leeren Senfglas, Klebeband, Salben, Batterien, Besteck. Alles durcheinander, alles verwüstet. So wie Pierro Battaglias ganzes Leben.

Er hat einen Antrag bei der Nachbarschaftshilfe gestellt, dass wenigstens einmal in der Woche jemand vorbeikommt und ein bisschen Ordnung macht. Für einen Monat hat er sich mal um den Hund eines Bekannten gekümmert. Ist lange her. Unter dem Tisch stehen immer noch drei Futternäpfe, alle leer. Vor zwei Monaten ist seine Mutter gestorben. Er konnte nicht zum Begräbnis nach Italien kommen. Kein Geld.

Er sieht viel fern, ab und zu geht er spazieren

Der Mann mit dem Schnauzer sitzt kraftlos auf seinem Stuhl. Er klagt nicht. Nüchtern erzählt er, dass er jeden Morgen um halb acht aufstehe, dann vielleicht mal ein kleiner Spaziergang, "man braucht ja dazwischen auch ein bisschen frische Luft". Ansonsten Fernsehen, die Tage sind lang. Über den Bildschirm flimmert eine Gerichtsshow, Richterin Barbara Salesch. Das Bild hat Streifen.

Es gibt viele arme Leute, deren bescheidenes Zuhause picobello aussieht, während sie nebenher noch in mehreren Jobs malochen. Warum schafft Battaglia das nicht, der kein Geld hat, aber alle Zeit der Welt? "Ich habe Depressionen", erklärt er. Ärztlich überprüft wurde seine Selbstdiagnose nie. Um zu erkennen, dass der Mann unglücklich ist und nicht mehr die Kraft findet, seinen Haushalt in Ordnung zu halten, braucht man allerdings kein Medizinstudium.

Das Schlafzimmer hat er aufgegeben, angeblich, weil durch das undichte Dach mal Wasser auf den Teppich gelaufen ist. Schriftstücke liegen verstreut über Bett und Boden. Am Fenster ist ein Hemd zum Trocknen aufgehängt - wie eine weiße Fahne zur Kapitulation. Die Wände unter der Decke zeigen Wasserspuren. Battaglia schläft jetzt im Wohnzimmer am Boden auf einer Matratze, Schränke hat er keine mehr. Sie gingen verloren, als er in eine Obdachlosenunterkunft ziehen musste. Auch seine aktuelle Vermieterin, erzählt er, wolle ihn raushaben aus der Wohnung. "Ich bin mit den Nerven total am Ende."

Er hatte mal eine eigene Pizzeria, dann kam das Wasser

Seine Mahlzeiten bestehen aus Toast und Scheiblettenkäse. Wenn er etwas Warmes isst, ist es meist eine Fertigsuppe. Was man eben mit einem Wasserkocher schnell aufgießen kann. Eine Herdplatte gibt es nicht, geschweige denn eine Küche. "Ich weiß gar nicht mehr, wie ein Schnitzel schmeckt", sagt Battaglia. Dabei hatte er sogar mal eine eigene Pizzeria in Kochel am See. Die lief voll Wasser, eine Versicherung, die für die Schäden aufkommt, hatte er nicht. Der Traum von der Selbstständigkeit: weggeschwemmt und abgesoffen.

Eine Waschmaschine besitzt er nicht, will er auch nicht haben, der Strom wäre ihm zu teuer, sagt er. Battaglia wäscht alles von Hand. Einmal im Jahr bringt er seine Sachen in einen Waschsalon nach München. Viel ist es nicht. Er klopft sich auf die Oberschenkel. "Das ist die einzige Hose, die ich habe." Ein Nachbar hat ihm eine Flasche Weißwein vorbeigebracht, sie steht unangetastet auf dem Fenstersims. "Die können Sie gerne mitnehmen", sagt er. Alkohol trinke er keinen. "Ich habe nicht mal einen Korkenzieher."

"Wenn du tot bist, kommen sie alle zu deiner Beerdigung."

Schon seit 20 Jahren lebt er in Altomünster, fremd und einsam. Es verbittert ihn, wie stolz alle sind in diesem idyllischen Ort auf die schmucken Fassaden, aber die Not und die Armut dahinter nicht sehen. Nicht sehen wollen. "Wenn man um einen Tropfen Wasser bittet, lassen sie dich verdursten", sagt er. "Aber wenn du tot bist, kommen sie alle zu deiner Beerdigung. Das ist Altomünster." Unterstützung bekommt er bisher nur von der Caritas und der Nachbarschaftshilfe.

Auch der SZ-Adventskalender will Pierro Battaglia helfen - mit zwei Kochplatten und Geschirr, damit er - der 40 Jahre lang anderen Essen aufgetischt hat - sich auf seine alten Tage von etwas Soliderem ernähren kann als von salzigen Tütensuppen und Fertignudeln. Als sein Lieblingsgericht gibt der Turiner Käsespätzle an, die liebt er. Auf zwei Herdplatten sollte das hinzukriegen sein.

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