Süddeutsche Zeitung

Alte Holzschleiferei Hebertshausen:Geschichtsträchtiges Millionenprojekt

Marianne Klaffki (SPD), Clemens von Trebra-Lindenau (CSU) und eine Vertreterin der Regierung plädieren für einen Erhalt der Alten Holzschleiferei in Hebertshausen - gegen den Widerstand von CSU und FBB. In einer Sondersitzung im Oktober soll die Entscheidung fallen

Von Horst Kramer, Hebertshausen

Es war einer der wenigen heiteren Momente in einer angespannten Diskussion. "Grundsätzlich möchte ich mich dem Plädoyer von Frau Klaffki anschließen", leitete Clemens von Trebra-Lindenau, der Hebertshausener CSU-Chef, seine Stellungnahme ein. Dann setzte er mit einer leichten Verbeugung in Richtung der SPD-Politikerin hinzu: "Das kommt ja selten genug vor." Gelächter im Hebertshausener Gemeinderat. Beide setzten sich für den Erhalt und die Sanierung der Alten Holzschleiferei in der Torstraße ein. Ebenso wie Franziska Klepper vom Ressort Städtebau der Regierung von Oberbayern. Sie warnte, die "Geschichte eines Ortes einfach wegzunehmen". Das Bauwerk sei ortsbildprägend. Klaffki warb: "Wir haben nur sehr wenige historische Gebäude im Ort." Diese vermittelten Identität: "Der Mensch braucht Kultur und Geschichte und Symbole." Von Trebra-Lindenau meinte: "Die Gemeinde hat eine Vorreiterrolle", nicht nur in Umwelt- und Energiefragen, sondern auch und gerade beim Erhalt historischer Bauten.

Widerspruch kam unter anderem von Florian Zigldrum (CSU) und vom FBB-Chef und Vizebürgermeister Martin Gasteiger. Beide fürchten die Kosten und die Folgekosten. Tuan Linh Nguyen vom Münchner Büro Voggenreiter hatte rund 2,5 Millionen Euro für eine umfassende Instandsetzungs- und Umbaumaßnahme kalkuliert. Er hält allerdings auch Teilsanierungen für möglich. Klepper stellte zudem eine achtzigprozentige Förderung des Projekts in Aussicht. Eine Entscheidung wurde auf Anraten von Bürgermeister Richard Reischl (CSU) nicht gefällt: "Wir sollten alle darüber nochmals in Ruhe nachdenken und diskutieren."

Denn das Areal der alten Holzschleiferei spielt eine Schlüsselrolle bei der Ortsentwicklung: Bis zu einhundert Wohnungen könnten hier gebaut werden, Reischl sprach einmal von einem "bunten Viertel". Zudem könnte sich die sanierte frühere Holzfabrik zum kulturellen Herzen der Siedlung und der gesamten Gemeinde entwickeln. Daher hatte der Gemeinderat schon vor einigen Monaten Fachbüros beauftragt, die Historie und den Zustand des Gebäudes zu untersuchen.

Norbert Bergmann vom gleichnamigen Pfaffenhofener Büro berichtete in der Sitzung, dass an der Stelle der Holzschleiferei mindestens seit 1816 eine Mühle stand. Eine Darstellung, die viel zu kurz greift: Der Historiker Gerhard Hanke (1924 - 1998) hat die Geschichte der sogenannten Grubmühle bis ins Jahr 1451 zurückverfolgt. Im Jahre 1864 erwarb der Ingenieur und Unternehmer Gustav Medicus das Gelände, wie Bergmann erzählte; zwei Jahre zuvor hatte Medicus die München-Dachauer-Aktiengesellschaft für Maschinen-Papierfabrikation errichtet. Medicus' Deutenhofener Holzstofffabrik war als Zulieferbetrieb für diese MD AG gedacht. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Holzschleiferei beständig ausgebaut, 1957 schließlich stillgelegt. Seitdem verfiel das Gebäude. So war die Zustandsbeschreibung, die Nguyen abgab, nicht überraschend, aber ernüchternd. Weite Bereiche des Gebäudes sind durchfeuchtet. Bei einer Sanierung müssten unter anderem Dach, Außenwände, Zwischendecken, Fenster und vieles mehr erneuert werden, wie Nguyen ausführte. Er stellte drei Sanierungsszenarien vor: die Komplettsanierung, die "technisch möglich" sei, wie er hervorhob - zu den genannten rund 2,5 Millionen Euro; eine Teilsanierung der Maschinen- und Turbinenhalle, die sich laut Nguyen auf rund 675 000 Euro addieren würde. Oder ein Abriss, dessen Kosten er allerdings nicht beziffern konnte.

Die Regierungsvertreterin zeigte sich von den Zahlen nicht schockiert. Sie rechnete stattdessen vor, dass jeder Neubau die Kommune deutlich teurer kommen würde, da die hohe Förderquote wegfiele. Von Trebra-Lindenau regte an, Investoren ins Boot zu holen. Reischl machte klar: "Das müssen wir sowieso. Für die Entwicklung des gesamten Geländes benötigt man 100 Millionen Euro. Das stemmen wir niemals alleine."

Der Rathauschef warf noch eine Grundsatzfrage auf: "Wie könnten wir einen sanierten Bau nutzen?" Er bezweifelt, dass sich das dreigeschossige Gebäude durchgängig mit kulturellen Aktivitäten bespielen ließe. Mieteinnahmen aus Wohnungen wiederum würden von der staatlichen Förderung abgezogen, wie Klepper bestätigte.

Wie mehrfach berichtet, will die Gemeinde einen Wettbewerb zur Gestaltung des Geländes ausschreiben. Die Förderexpertin riet den Rätinnen und Räten dringend, den teilnehmenden Architekten klare Vorgaben zu den Zielen zu geben, die Hebertshausen mit dem neuen Viertel erreichen will. Die Büros sollten aber selber entscheiden, ob sie die Holzschneiderei in ihre Pläne integrieren wollen oder für einen Abriss plädieren, so Klepper.

Reischl kündigte eine Sondersitzung des Gemeinderats für den Oktober an: "Dann müssen wir entscheiden, was wir eigentlich wollen."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5039275
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 22.09.2020
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.