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Aktion Sühnezeichen:Identität zurückgeben

Anastasiia Lapteva und Maeva Keller arbeiten für ein Jahr als Freiwillige an der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Zum ersten Mal kommen sie der Geschichte so nahe

Was bewegt zwei junge Menschen, sich ein Jahr mit der Aufarbeitung einer schrecklichen Vergangenheit zu beschäftigen, die nicht ihre eigene ist? Anastasiia Lapteva aus Russland und Maeva Keller aus dem französischen Elsass haben im September ihren Freiwilligendienst mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in der KZ-Gedenkstätte Dachau begonnen. Dort arbeiten sie in der evangelischen Versöhnungskirche und am Gedächtnisbuch-Projekt mit und werden Rundgänge führen. Die 22-jährige Maeva Keller und die 21-jährige Anastasiia Lapteva wohnen gemeinsam in Dachau und glauben, dass sie auch voneinander viel lernen können.

SZ: Das Jahr in Dachau wird für Sie der bisher längste Aufenthalt im Ausland sein - wie gehen Sie damit um und wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Anastasiia Lapteva: Ich gehe sehr ruhig damit um und bin vor allem gespannt, weil ich schon immer aus meinem Heimatort Perm weggehen wollte. Ich interessiere mich sehr für europäische Geschichte, in Russland wird uns aber nur der russische Teil nähergebracht. Vorher habe ich viele Zeitzeugenberichte gelesen, mich also viel mit den Gefühlen und Ängsten der Häftlinge beschäftigt.

Maeva Keller: Es ist in Frankreich nicht üblich, ein Auslandsjahr zu machen, aber ich fühlte mich, als wäre ich immer nur zur Schule oder Uni gegangen. Da brauchte ich mal eine Pause, um mir darüber klar zu werden, was ich später machen möchte. Ich hab mich hauptsächlich auf die deutsche Sprache vorbereitet und ein paar der Bücher aus meinem Geschichtsstudium noch einmal gelesen, das Historische also noch einmal aufgefrischt.

Maeva, Sie haben Geschichte studiert. Sie, Anastasiia, waren schon einmal in Deutschland. Warum hat Sie die deutsche nationalsozialistische Vergangenheit interessiert?

Keller: Meine Familie lebt jetzt schon sehr lange im Elsass. Meine Großeltern wohnten beispielsweise schon dort, als die Nazis eintrafen. Unsere Region hatte schon immer ein spezielles Verhältnis zu Deutschland und auf eine gruselige Art und Weise hat mich diese Vergangenheit immer interessiert.

Lapteva: In Russland habe ich bereits einige Exkursionen durch die ehemaligen sowjetischen Gulag Straf- und Arbeitslager geführt. Ich wollte die Unterschiede und möglicherweise auch die Gemeinsamkeiten der nationalsozialistischen Vernichtungsstrategie in den KZ in Relation dazu setzen können.

KZ Gedenkstätte

Die Französin Maeva Keller (links) kommt aus dem Elsass. Ihre Großeltern und Urgroßeltern haben die Deutschen als Besatzer erlebt. Anastasiia Lapteva aus Perm in Russland interessiert sich für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Konzentrationslager mit stalinistischen Straflagern.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Was ist besonders wichtig bei der Aufarbeitung dieser Vergangenheit?

Lapteva: Wir sollten diese Vergangenheit nicht ausradieren aus unserer Erinnerung, oder als junge Menschen aufhören uns damit auseinander zu setzen. Die Mahnung für die nächste Generation und den Häftlingen ihre Identität zurückzugeben, sind für mich das Entscheidende an den Gedenkstätten.

Keller: Für mich ist es das Verständnis des Genozids, der im Vergleich zu vielen Massenverbrechen anderer Nationen auch in der deutschen Gesellschaft so unglaublich tief verankert war und eine Berechtigung erfuhr. Dies durch die Aufklärung über diese Zeit nie wieder möglich zu machen, finde ich bedeutend.

Gab es während Ihrer Vorbereitung Momente, in denen Sie Abstand brauchten oder unsicher waren, wie es sein würde, jeden Tag damit konfrontiert zu sein?

Keller: Die erhaltene Gaskammer in der Dachauer Gedenkstätte war hart zu verdauen. Es ist die erste, die ich gesehen habe und obwohl ich diese Zeit viel studiert habe, hat mich das Gefühl der Angst, die hier ausgebrochen sein muss, übermannt. Ich habe mich aber schon früher während Projekten, die ich in Struthof im Elsass begleitet habe, distanzieren müssen. Ich weiß wo mein Limit ist, deswegen weiß ich, dass ich darüber reden muss. Und wenn man seinen Gefühlen Worte geben kann, geht es schon wieder besser.

Lapteva: Mich hat besonders bestimmtes Filmmaterial in den Ausstellungen der Gedenkstätte geschockt. Das waren keine Interviews mit Zeitzeugen, sondern Geschehnisse von damals. Ich habe also einen Film geschaut, den ich eigentlich nicht zu Ende schauen konnte. Ich denke aber, ich muss es erst einmal für mich analysieren, bevor ich es anderen Leuten näherbringen kann. Dann kann ich mich auch, wie Maeva, anders distanzieren.

Konnten Sie frühere Freiwillige der Gedenkstätte kontaktieren? Was haben Sie Hilfreiches erfahren?

Keller: Ja, während unseres Vorbereitungsseminars in Wünsdorf bei Berlin haben wir Briefe gelesen, die uns Ehemalige dagelassen hatten. Auch der Kontakt zu den anderen ASF-Freiwilligen, die an anderen Orten in Deutschland arbeiten werden, war sehr hilfreich, weil wir sehr viel über einander und die gegenwärtige Situation in unseren Ländern gelernt haben.

Lapteva: Sie haben uns auch ein sehr schönes Zuhause in Dachau hinterlassen - und Schokolade. (lachen)

Befreiungsfeier

Die Freiwilligen werden Gruppen über das historische Gelände führen und für das Gedächtnisbuch Häftlingsbiografien aufarbeiten.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Wie gefallen Ihnen Dachau und die Umgebung bis jetzt?

Keller: Wir haben noch nicht so viel unternommen, weil wir immer sehr müde sind, wenn wir den ganzen Tag Deutsch sprechen. Was wir gesehen haben, gefällt uns. Für mich sind Dachau und auch München einfach typisch deutsche Städte und nicht unbedingt bayerisch. Es ist aber schon lustig, dass sich der Elsässer und der bairische Dialekt stark ähneln. Ich fühle mich hier zu Hause, denn so ähnlich habe ich in der Schule auch gesprochen. (lacht)

Lapteva: Ich mag es, dass wir nur Deutsch sprechen, denn wir müssen unbedingt noch dazulernen, damit wir während unserer Rundgänge auch die ganzen Fragen beantworten können. Ich möchte antworten können und erkläre unheimlich gerne.

Ist das Jahr in der Gedenkstätte dann vielleicht auch eine Art Berufsvorbereitung?

Lapteva: Ja, ich denke, ich möchte unterrichten. Ich wollte früher nicht Lehrerin werden, aber die Führungen haben mir gezeigt, dass ich Menschen, Dinge näher bringen möchte. Erst einmal an der Schule und nebenbei vielleicht auch als Referentin.

Keller: Ich wäre gerne vieles, aber nicht Lehrerin - ich bin eben Lehrerkind. Bis jetzt könnte ich mir sehr gut vorstellen, in einer Institution für kulturelles oder zeitgeschichtliches Erbe zu arbeiten, aber fragen Sie mich lieber in zwölf Monaten noch einmal.

Das machen wir! Gibt es schon einen Teil der Arbeit auf den Sie sich in diesen nächsten Monaten besonders freuen?

Lapteva: Ich freue mich auf die Arbeit am Gedächtnisbuch und darauf, darüber Ausstellungen zu organisieren.

Keller: Mir geht es genauso, weil ich "meinen Überlebenden" einbringen kann. Ich kenne einen Freund meines Großvaters, der das KZ Dachau und noch vier weitere überlebt hat. Er ist bisher nicht im Gedächtnisbuch registriert und ich muss nachfragen, ob er Interesse daran hat, interviewt zu werden. Ich würde mich aber sehr gerne mit seiner Biografie als politischer Widerstandskämpfer beschäftigen.

© SZ vom 22.09.2018
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