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Agentur für Arbeit:27 Ausbildungsplätze weniger

Industriebetriebe haben heuer nicht so viele Stellen angeboten. Einige Jugendliche mussten deshalb nach Alternativen suchen

Von Eva Waltl, Dachau

Seit etwa zwei Monaten läuft das neue Ausbildungsjahr. Viele junge Erwachsene schnuppern zum ersten Mal Arbeitsluft. Sie setzen den "Grundstein für ein erfolgreiches Berufsleben", wie es Nikolaus Windisch, Chef der Agentur für Arbeit Freising, die auch für den Landkreis Dachau zuständig ist, bildhaft beschreibt. Auch wenn die Vorbereitungen in diesem Jahr holpriger waren als üblich und viele "Steine noch wackeln", konnte im September die berufliche Ausbildung pünktlich starten. Dachauer Betriebe meldeten der Agentur für Arbeit 512 Ausbildungsstellen. Das sind zwar 27 Stellen weniger als noch im Vorjahr, aber dennoch zieht die Agentur für Arbeit ein positives Resümee.

Auch wenn Windisch von einem erfolgreichen Start spricht, setzt sich auch in diesem Jahr der generelle Trend weiter fort, dass bestimmte Branchen händeringend nach Auszubildenden suchen - gewisse Betriebe im Landkreis sogar vergebens. "Nahrungsmittelberufe tun sich besonders schwer", erklärt Nicolette Tschan von der Kreishandwerkerschaft Dachau. Der Agentur für Arbeit ist diese Entwicklung bereits bekannt. Der gesamte Handwerkssektor werde für Ausbildungssuchende stetig unattraktiver, so Christine Schöps von der Freisinger Agentur.

Die Gründe für diese Entwicklung seien vielfältig, erklärt sie. Die Nähe und gute Anbindung zu München sei nur einer davon: "Jugendliche schielen bei ihrer Ausbildungssuche in den letzten Jahren vermehrt nach München". Aber es gibt auch schlichtweg Berufsbilder, die für Ausbildungssuchende nicht attraktiv seien. "Bei Fleischereifachverkäufern ist oft die Nachfrage aus Interessensgründen weniger hoch." Schöps spricht weiter von einer "komfortablen Situation für die Jugendlichen, da sie mehr Auswahl" hätten. Dies macht sich auch in den Zahlen der Industrie- und Handelskammer Dachau bemerkbar. 178 Azubis begannen im September in den Dachauer Betrieben der IHK ihre Lehre, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang von immerhin 13,6 Prozent. Insgesamt blieben zu Ausbildungsbeginn 98 Stellen im Landkreis Dachau unbesetzt. Diese betreffen vor allem die Ausbildungsberufe Kaufleute im Einzelhandel, Verkäufer, Handelsfachwirte, Fleischereifachverkäufer und Kaufleute für Büromanagement.

Der Pandemie komme bei dieser Entwicklung nur "randläufig" Bedeutung zu. Vielmehr hätte die unsichere Wirtschaftslage dazu geführt, dass Jugendliche ihre Ausbildungspläne umgestalten mussten, so Tschan. Da Industriebetriebe weniger Stellen angeboten hatten, mussten sich die Ausbildungssuchenden nach Alternativen auf dem Arbeitsmarkt umsehen. Eine solche Alternative bot das Handwerk. Die Agentur für Arbeit Freising verzeichnet daher heuer einen Zulauf, etwa bei Friseuren oder Schreinereien.

Ein Problem, vor dem sowohl Handwerk als auch Industrie und Handel stehen, ist der wachsende Fachkräftemangel im Landkreis. Ebenfalls keine neue Erscheinung, aber durch coronabedingte Einreiseregelungen verschärft sich die Entwicklung. Tschan äußert sich besorgt über die Auswirkungen und mahnt, man müsse in die Ausbildung investieren. Die Ausbildung bestimmter Berufsgruppen muss also attraktiver gestaltet werden. "Wenn die Ausbildungen absacken, würde sich der Fachkräftemangel noch verstärken", so Tschan.

Insgesamt sieht Windisch "glücklicherweise keinen Corona-Jahrgang." Denn nur zehn Jugendliche konnte die Agentur weder beruflich noch schulisch vermitteln und somit konnten sie auch noch keinen Grundstein setzen. "Die Bilanz für das Berufsberatungsjahr 2019/2020 fällt trotz der schwierigen Rahmenbedingungen insgesamt positiv aus", freut sich Windisch.

© SZ vom 23.11.2020
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