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Ärger in Karlsfeld:Verkehrschaos in der Gartenstraße

Anwohner Hans Jürgen Reichlmeier fordert, das Stopp-Schild zu entfernen und damit die Vorfahrtsregelung zu ändern. Die Gemeinde hat Bedenken wegen der nahegelegenen Schule und will zunächst die Emissionen messen

Die Anwohner der Gartenstraße in Karlsfeld sind erzürnt - vor allem jene, die nahe der Kreuzung zur Ostenstraße wohnen. Ständiges stop and go, Anfahren im ersten Gang mit Vollgas - besonders Motorräder und getunte Autos machen sich wohl einen Spaß daraus - und dann die schwarzen Abgasschwaden der Dieselbusse. Das zerrt an den Nerven. Hans Jürgen Reichlmeier will das nicht mehr stillschweigend hinnehmen. Er wohnt seit 46 Jahren an der Gartenstraße. Das Stopp-Schild gibt es zwar schon genau so lange, aber der Verkehr hat sich verändert. Deshalb fordert er eine Änderung der Vorfahrtsregelung. Die Stopp-Schilder auf der Gartenstraße sollen endlich abgebaut werden, damit Schluss ist mit "Krach" und "Auspuffterror". "Wenn wir im Sommer draußen sitzen, erstirbt jedes Gespräch, wenn die Busse anfahren, weil man nichts mehr versteht", klagt Reichlmeier. Bürgermeister und Gemeinderäte hat der 79-Jährige bereits angeschrieben. Seit Wochen hängt auch ein Plakat an der Kreuzung: "Stoppt die unsinnige Vorfahrtsregelung". Es ist so platziert, dass es niemand übersehen kann - auch Bürgermeister Stefan Kolbe nicht, wenn er zur Arbeit fährt. "Recht viel Erfolg hat das bislang nicht gehabt", klagt Reichlmeier. Die Stopp-Schilder sind noch da. Aber der Umweltausschuss hat sich inzwischen mit dem Problem befasst.

Die SPD hatte den Antrag gestellt, die Emissionen an der Kreuzung zu messen. "Es ist das blanke Chaos", befand Fraktionssprecher Franz Trinkl nach einem Ortstermin. "Busse fahren in dichter Reihenfolge durch die Gartenstraße. Morgens und mittags ist der Hol- und Bringverkehr der Grundschule zusätzlich dort unterwegs. Insgesamt ist es ein dichtes Verkehrsaufkommen, das die Anwohner sehr belastet." 210 Busse passieren die Stelle laut Bürgermeister Stefan Kolbe täglich.

Seit Wochen hängt Reichlmeiers Plakat an der Kreuzung: "Stoppt die unsinnige Vorfahrtsregelung". Es ist so platziert, dass es niemand übersehen kann - auch Bürgermeister Stefan Kolbe nicht, wenn er zur Arbeit fährt.

(Foto: Toni Heigl)

Die Fraktionen waren sich deshalb schnell einig: Dort muss was geschehen. Doch eine Feinstaubmessung, wie von der SPD vorgeschlagen, wird vom Landesamt für Umweltschutz nur dann vorgenommen, wenn die Belastung an der Kreuzung nahe am Grenzwert liegt. Das wiederum errechnet die Behörde anhand des Verkehrsaufkommens. Die letzte Zählung liegt jedoch schon etwas länger zurück. Anlässlich des Verkehrsentwicklungsplans hatte man 2012 das letzte Mal den Verkehr in der Gartenstraße beobachtet. Seither ist die Neue Mitte entstanden. Neue Buslinien wie etwa die 160 fahren nun auf dieser Route. Bei anderen Linien wurde der Takt verstärkt. Kurz gesagt: Die Ergebnisse sind nicht mehr repräsentativ.

Gleichzeitig fürchten die Gemeinderäte, dass die Werte nicht annähernd erreicht werden. Zwar ist die Gartenstraße eine innerörtliche Durchgangsroute, aber nachts fährt dort praktisch niemand mehr. Trotzdem will man nun eine neue Messung in Auftrag geben, auch wenn diese bis zu 1200 Euro kosten wird. Allerdings soll diese nicht sofort erledigt werden. Man will abwarten bis der Verkehr sich nach dem coronabedingten Lockdown normalisiert hat. Mit Videos wird der Verkehr dann 24 Stunden aufgezeichnet und später ausgewertet. Auf diese Weise wollen die Kommunalpolitiker den Anwohnern signalisieren, dass man sie ernst nimmt.

Hans Jürgen Reichlmeier wohnt seit 46 Jahren in der Gartenstraße und ist verärgert über den ständigen Krach.

(Foto: privat)

Reichlmeier ist damit nicht zufrieden. "Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe", wettert er. Seinen Wunsch, die Vorfahrtsregel zu ändern, haben die Gemeinderäte zwar schon vernommen, doch sie haben Bedenken. "Das ist für den Schulweg hoch problematisch", sagt Verkehrsreferent Bernd Wanka (CSU). Denn dann würde auf der Gartenstraße wieder schneller gefahren. Das ist für die Kinder gefährlich, wenn die Zebrastreifen bleiben. Er fürchtet, dass dann nicht mehr alle halten. Durch das Stopp-Schild achteten derzeit alle auf die Zebrastreifen. Eine geänderte Vorfahrtsregel einfach mal für eine bestimmte Zeit ausprobieren, sei laut Wanka auch nicht ohne weiteres möglich. Das sei mit hohen Kosten verbunden, erklärt er.

Reichlmeier ist von Lärm und Abgasen inzwischen so genervt, dass er dieses Argument nicht gelten lassen will. Er bietet an: "Sollte es am fehlenden Geld für die Installation des vierten Zebrafeldes liegen, bin ich gerne bereit die Kosten hierfür für ein Jahr zinslos vorzustrecken", sagt er der SZ. Allerdings ist es mit ein paar Strichen auf der Straße längst nicht mehr getan. "Bauliche Veränderungen sind nötig. Es müssen Nasen gebaut und in der Ostenstraße zurückgebaut werden, der Gehweg muss aufgewertet werden. Das schreibt die Straßenverkehrsordnung vor", erklärt Wanka. Inklusive Straßenteerung und dem Versetzen der Beleuchtungsmasten müsse man mit etwa einer Million Euro rechnen.

Der Fraktionssprecher der SPD, Franz Trinkl, ist sich sicher, dass man für solch einen Schritt zunächst den Verkehr des gesamten Quartiers beobachten müsse, um genau abschätzen zu können, wie sich die Verkehrsströme verändern würden. Schließlich liegt die Grundschule an der Krenmoosstraße unweit der Kreuzung.

Eine Änderung ist übrigens bereits beschlossen: Die Buslinie 710 wird mit dem Fahrplanwechsel im kommenden Jahr nicht mehr durch das Wohngebiet fahren. Aber das dauert noch bis Dezember 2021. Reichlmeier und seinen Nachbarn dürfte das allein als Verbesserung wohl nicht ausreichen. "Ich höre nicht auf, mich aufzuregen", kündigt der Karlsfelder schon jetzt an. "Alle reden von Umweltschutz - nur an dieser Kreuzung nicht."

© SZ vom 19.06.2020

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