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600 Plätze benötigt:Massiv unter Druck

Der Landkreis rechnet mit bald 1200 Flüchtlingen. Er weiß nicht mehr, wie er Minderjährige ohne Begleitung unterbringen soll. Ein Treffen von Caritas, Asylhelferkreisen und Landrat Löwl beim Bündnis für Dachau.

Der Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU) rechnet fest damit, dass sich die Zahl der Flüchtlinge im Laufe dieses Jahres mehr als verdoppeln wird. Deshalb braucht der Landkreis nochmals zusätzlich mindestens 600 Unterkünfte. Zurzeit hat der Landkreis 489 Asylbewerber aufgenommen. Beim Themenabend des Bündnisses für Dachau zur Lage der Flüchtlinge am Mittwochabend erläuterte Löwl die Herausforderungen, welche auf den Landkreis und dessen 17 Kommunen zukommen. Er brachte die neuesten Zahlen und Prognosen mit, die ihm die Regierung von Oberbayern erst am Montag dieser Woche mitgeteilt hatte. Deshalb werden auch dringend weitere ehrenamtliche Helfer benötigt, die schon jetzt einen großen Teil der Arbeit und Betreuung erledigen. Zudem sucht das Landratsamt weiterhin pädagogische Fachkräfte.

"Was ich erlebt habe, das wünsche ich keinem." Auf welch beschwerlichem und lebensgefährlichem Weg er vor 14 Monaten von Syrien nach Deutschland gelangt ist, mag der 23-jährige Yazdan Ayo gar nicht im Detail berichten. Doch die Flucht ist Vergangenheit, "jetzt bin ich glücklich." In einem demokratischen Land zu leben, wo Meinungsfreiheit herrscht, das genieße und schätze er, sagt Ayo, der in Syrien Jura studiert hat, bevor er die Schrecken des Kriegs, der Unterdrückung und Verfolgung erleben musste. Jetzt möchte der junge Mann, der bereits fließend Deutsch spricht, schnellstmöglich seine Ausbildung weiterverfolgen. Sein dringendster Herzenswunsch wäre aber eine Wohnung für sich, die Mutter und den blinden Bruder. "Denn ohne Wohnung, das ist auch kein Leben."

Das persönliche Statement des jungen syrischen Flüchtlings war wohl der eindringlichste Beitrag beim Themenabend, zu dem das Bündnis für Dachau geladen hatte. Die Veranstaltung mit dem Titel "Flüchtlinge in Dachau - das geht uns alle an" stieß auf ein überwältigendes Interesse, das auch die Organisatoren überraschte. Unter den gut 70 Zuhörern, die sich im Wirtssaal der Gaststätte Amperlust drängten, waren auch viele Ehrenamtliche der Helferkreise, die an den Standorten von Asylunterkünften im Landkreis die Flüchtlinge unterstützen.

Wie wertvoll deren unermüdliche Arbeit ist, wurde in den Referaten der professionellen Asylbetreuer immer wieder deutlich. Die etwa 300 Ehrenamtlichen in den zwölf Helferkreisen "sind Botschafter und Vermittler für die ganze Gesellschaft", betonten Irma Wirthmüller, die bei der Caritas die Asylbetreuung organisiert, und Brigitte Detering von der Sozialbehörde im Landratsamt.

Auf freiwillige wie berufliche Asylbetreuer im Kreis wird 2015 erneut enorm viel Arbeit zukommen. Denn der Zustrom von Flüchtlingen reißt nicht ab. Landrat Stefan Löwl, der im Verlauf des Abends zur Veranstaltung stieß, rechnet mit 1200 Flüchtlingen bis Ende des Jahres. "Wir brauchen noch einmal 600 Plätze." Und weil nicht nur Flüchtling Yazdan Ayo sich sehnlichst eine Wohnung wünscht, sondern viele anerkannte Flüchtlinge eine reguläre Unterkunft suchen, wird im Landkreis in der Folge auch Wohnraum benötigt. "Das wird ein Problem", so der Landrat. Denn tatsächlich, darauf machte Monika Steinhauser vom Münchner Flüchtlingsrat in einem ausführlichen Hintergrundvortrag aufmerksam, erhalten Flüchtlinge aus den derzeitigen Hauptherkunftsländern wie Syrien, Eritrea und Somalia fast ausnahmslos Asyl. "Diese Flüchtlinge brauchen dann Wohnungen", betonte auch Steinhauser.

Vertreter aus den zwölf Asylbewerberkreisen diskutieren auf der Veranstaltung des Bündnisses für Dachau über die Zukunft von Flüchtlingen.

(Foto: Toni Heigl)

Um die Flüchtlinge im Landkreis möglichst gut zu betreuen, arbeiten die Asylbetreuer von Caritas und Landratsamt engagiert, stoßen aber auf Hürden. Schon die Ankunft der Flüchtlinge verlaufe "unglücklich", so Irma Wirthmüller. Die Unterkünfte in den ländlichen Gemeinden seien mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen. "Weil wir nicht wissen, wann die Flüchtlinge kommen, ist auch oft niemand da, um sie in Empfang zu nehmen." Präsent seien dann die Ehrenamtlichen - "Gott sei Dank." Sobald die Menschen dann angekommen sind, sollen und wollen sie Deutsch lernen.

Doch während die Zahl der Flüchtlinge steigt, "werden die Sprachkurse zurückgefahren", monierte Caritas-Asylberaterin Marion Benzait. Kurse in München seien wegen der hohen Fahrtkosten keine Alternative. "Wir brauchen ein besseres Bildungsangebot vor Ort", forderte Irma Wirthmüller. Auch die Container-Wohnanlagen finden die Betreuer nicht ideal: wegen der oft isolierten Lage am Ortsrand. Ein Kontakt zur Familie in der Heimat sei wegen fehlender Internet- und Mobilfunkanbindung oft unmöglich. Schwierig gestalte sich die Unterbringung der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF).

Die für die jungen Asylbewerber zuständige Jugendhilfe könne den Zustrom nicht mehr bewältigen, es fehlten geeignete Unterkünfte und Personal, "wir schaffen es nicht mehr", sagte auch Landrat Löwl. "Wäre nicht auch eine Unterbringung in geeigneten Pflegefamilien möglich?", fragte Georg Weigl vom Indersdorfer Helferkreis. Das sei "angedacht", so Brigitte Detering vom Kreissozialamt. Allerdings müssten geeignete Familien gefunden und geschult werden. Der Dachauer Arbeitskreis Asyl vermisst die Unterstützung der örtlichen Sportvereine: "Wir zahlen Mitgliedsbeiträge aus Spendengeldern." Der Bayerische Landessportverband übernehme die notwendige Versicherung, Flüchtlinge könnten kostenlos im Verein mitmachen, informierte dagegen Weigl. "Das wird von einigen Sportvereinen praktiziert."

Warum aus dem geplanten Neubau einer Sammelunterkunft in Dachau bisher nichts geworden ist, fragte eine Bewohnerin. "Alles ist verschimmelt, das hält nicht mehr lange." Von der Regierung werde das Vorhaben nicht vorangetrieben. Die Stadt Dachau habe sich für das Vorhaben bisher ohne Erfolg eingesetzt, sagte Bürgermeister Kai Kühnel (Bündnis). "Die Stadt hat wirklich alle möglichen Angebote unterbreitet."

© SZ vom 23.01.2015

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