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Dachau: Neues Besucherzentrum:Annäherung an das Unvorstellbare

"Hier ist ein Ort der Begegnung entstanden": Mit einem feierlichen Akt wurde das neue Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau eröffnet.

Lärmende Schulklassen laufen über den ehemaligen Appellplatz, aus einem Handy tönt Musik. Im Hintergrund ragen graue Baracken in den Wolken verhangenen Himmel. Menschenverachtung, Hunger, Folter und Mord waren hier zwölf Jahre lang Alltag. Mehr als 43.000 Menschen fanden im Konzentrationslager Dachau den Tod. Auf Initiative ehemaliger Häftlinge gibt es seit 1965 eine Gedenkstätte auf dem Gelände.

Platten aus Sichtbeton und Holzstreben: Das neue Besucherzentrum lässt zahlreiche Assoziationen zu.

(Foto: Foto: ddp)

Doch diese ist nicht nur ein Ort der Erinnerung an unvorstellbares Leid, sie ist auch ein Ort der Vermittlung - 800.000 Gäste aus aller Welt, darunter zahllose Schulklassen, kommen Jahr für Jahr hierher.Steigende Besucherzahlen und die Notwendigkeit, Informationen zeitgemäß zu präsentieren, waren Anlass für eine Neukonzeption der Gedenkstätte, die am Donnerstag mit der feierlichen Einweihung des Besucherzentrums vollendet wurde.

"Hier ist ein Ort der Begegnung entstanden", sagt Ministerpräsident Horst Seehofer beim Festakt vor 500 Gästen. "Die Gäste können sich nun langsam an die Gedenkstätte annähern oder auf dem Weg zurück innehalten, um über Erfahrenes nachzudenken." Zu der Neukonzeption gehörten außerdem die Ausstellung "Der Weg der Häftlinge" und die Wiedereröffnung des historischen Zugangs durch das Jourhaus.

Gefängnis mit gläsernen Zwischenräumen

Das Besucherzentrum setzt sich architektonisch deutlich von den historischen Bauten ab. Eingerahmt wird die vierzig mal vierzig Meter große Fläche von zwei quadratischen Platten aus Sichtbeton, einer Sockelplatte und einer Dachplatte. Das ausladende Dach wird von Holzbalken getragen. Manch einen erinnert das 3,8 Millionen teure Gebäude mit seinen Streben an ein Gefängnis, ergibt eine kleine Umfrage. Für andere symbolisieren die gläsernen Zwischenräumen, durch die viel Licht einfällt, Offenheit und Transparenz. Wieder andere denken beim Grundriss an ein deformiertes Hakenkreuz.

"Uns war es vor allem wichtig, dass das inhaltlich profane Gebäude nicht in Konkurrenz mit den eigentlich wichtigen Inhalten tritt, sondern dem Ort des Gedenkens seine Referenz erweist", erklärt Architekt Florian Nagler. Das Besucherzentrum füge sich mit seiner Holzstruktur wie selbstverständlich in den lichten Baumbestand ein. Außerdem liege es bewusst außerhalb des Geländes des ehemaligen Lagers, wo sich Besucher- und historischer Weg treffen. Letzterer führt vom Bahnhof Dachau bis zur Gedenkstätte, auf diesem Weg wurden die meisten Häftlinge ins Konzentrationslager gebracht.

"Einheitssymbol zwischen Vergangenheit und Gegenwart"

Für die Gäste soll das Besucherzentrum zentrale Anlaufstelle werden, in der sie den Ablauf ihres Aufenthaltes festlegen Audioguides ausleihen und sich erste Informationen beschaffen können. Neben einer Cafeteria ist die Fachbuchhandlung von Rachel Salamander untergebracht. Bald sollen auch Lesungen und Gespräche mit Historikern und Zeitzeugen im Foyer stattfinden. Pieter Dietz de Loos, Präsident des von ehemaligen Häftlingen gegründeten Comité International de Dachau, lobt das Besucherzentrum deshalb als "Einheitssymbol zwischen Vergangenheit und Gegenwart".

Dazu passt auch, dass die Bauarbeiten fast zufällig historische Mauerreste zu Tage befördert haben. Diese gehörten zu einem Außentor, das die KZ-Häftlinge passieren mussten, und machen deutlich, welchen Umfang das Lager tatsächlich hatte: Neben den Häftlingsbaracken gehörte eine SS-Ausbildungsstätte zum KZ Dachau, in der heute die Bereitschaftspolizei untergebracht ist. In den dreißiger Jahren wurde hier beispielsweise Rudolf Höß, später Kommandant des Vernichtungslager Auschwitz, ausgebildet.

Historiker sprechen von einer "Schule der Gewalt" und nennen das bereits 1933 entstandene Dachau ein Modell für spätere Lager. Vielleicht kann die neu konzipierte KZ-Gedenkstätte nun ein Modell für eine bessere Zukunft werden. Immer wieder steht an diesem Donnerstag die Frage im Raum: Werden die nächsten Generationen sich das Schreckliche noch vorstellen können, das für uns schon unbegreiflich ist? Umso mehr, weil man in Dachau überall lärmenden Schulklassen begegnet.

"Unsere Reihen lichten sich", warnt der Überlebende Max Mannheimer, 89 Jahre alt und trotzdem ungebeugt und unermüdlich, in seiner bewegenden Ansprache. Deshalb seien die Orte des Gedenkens , die "steinerne Zeugen" so wichtig. "Sie sind Tatorte und Beweis gegen Verleumdungen, sie sind Friedhöfe, Museen und Orte des Lernens. Das ist unser Vermächtnis."

© sueddeutsche.de/bica
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