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Cybermobbing:Schülerinnen gegen Schikanen

In der Maria-Ward-Realschule werden ältere Schülerinnen zu "Digitalen Heldinnen" ausgebildet, um über Cybermobbing aufzuklären.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Maria-Ward-Realschule in Berg am Laim beteiligt sich an dem Projekt "Digitale Helden" eines gemeinnützigen Unternehmens aus Frankfurt. Zwölf Achtklässlerinnen klären jüngere Mädchen über Gefahr und Folgen von Hass und Hetze im Internet auf

Im Klassenchat komme es immer mal wieder zu unnötigem Streit, erzählt eine Sechstklässlerin im sonnengelben Pullover in der letzten Reihe. "Das nervt total", sagt sie. In anderen Gruppenchats werde manchmal auch gezielt über einzelne Mitschülerinnen gelästert, schildert ein anderes Mädchen. Die Rede ist von Chats auf Whatsapp. Der Messaging-Dienst gehört für die meisten Schülerinnen hier in der 6c der Maria-Ward-Mädchenrealschule zum Alltag - obwohl das offizielle Mindestalter für die Benutzung bei 16 Jahren liegt. Bei der Frage, wer alles Whatsapp auf seinem Handy installiert hat, schnellen 21 Arme in die Höhe. Nur zwei Schülerinnen haben gar kein Smartphone.

Eigentlich hätte die 6c jetzt eine Doppelstunde Mathe. Doch heute stehen Mozda, Stefanie, Veronika und Lara vor der Klasse, vier Schülerinnen aus der achten Jahrgangsstufe. Sie sprechen mit den Mädchen über den richtigen Umgang mit Onlinediensten. Denn: Mozda, Stefanie, Veronika und Lara sind Heldinnen - "Digitale Heldinnen", um genau zu sein. Sie sind Teil des Projekts eines gemeinnützigen Unternehmens aus Frankfurt: "Digitale Helden" will Cybermobbing an Schulen vorbeugen und Kinder für einen sensiblen Umgang mit der digitalen Welt schulen.

An der Realschule in Berg am Laim wird das Projekt in Form eines Wahlfaches umgesetzt. Zwölf Schülerinnen aus der achten Klasse nehmen in diesem Schuljahr daran teil. In ganz Deutschland sind es etwa 2000 "Digitale Helden" an 162 Schulen, darunter neuerdings auch 14 Schulen in Bayern.

Konkret läuft das Programm wie folgt ab: Zuerst lernen Schüler in Online-Kursen einen bewussten Umgang mit dem Smartphone sowie mit eigenen Daten im Internet. Im Anschluss fungieren sie als Mentoren für jüngere Schüler - und somit als Ansprechpartner bei Themen wie Hass und Mobbing im Netz oder Sexting. Alles Probleme, die zahlreiche Jugendliche in Deutschland nur zu gut kennen. Einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest zufolge hat jeder fünfte Teenager in Deutschland schon einmal erlebt, dass falsche oder beleidigende Inhalte über die eigene Person per Handy oder im Internet verbreitet wurden. Eine Umfrage des Sicherheitssoftware-Herstellers Kaspersky aus dem Vorjahr ergab zudem, dass 40 Prozent aller Eltern Sorge hätten, das eigene Kind könnte zum Opfer von Cybermobbing werden.

Dass es auch an der Mädchenschule in Berg am Laim schon Fälle gegeben hat, bestätigt Andrea Metzner. Die Lehrerin unterrichtet Informationstechnologie und hat als Präventionsbeauftragte das Programm an die Schule geholt. Ihren Einschätzungen zufolge sei Cybermobbing in "garantiert jeder Einrichtung mit Kindern und Jugendlichen" ein Thema, die Dunkelziffer an Vorfällen sei für gewöhnlich hoch. "Das Problem ist, dass sich gemobbte Schüler schämen, obwohl es ja nicht sie sind, die sich schämen müssen", sagt Metzner. Es sei daher wichtig, solche Schüler aus der Opferrolle zu holen und gleichzeitig alle für das Thema Cybermobbing zu sensibilisieren. Die Mädchen in ihrer Schule seien sich oftmals nicht bewusst, "dass in dem Moment, in dem sie etwas ins Netz stellen, das wirklich öffentlich ist". Schülerinnen müssten verstehen, "dass das Internet nicht ihr Wohnzimmer ist".

Mobbing selbst habe es zwar schon zu ihrer Schulzeit gegeben und "natürlich habe ich auch über andere gelästert", sagt Metzner. "Das hab' ich aber auch wieder zurücknehmen können", sagt sie. Online sei das fast unmöglich. Durch das Mentorenprogramm erhofft sich die Lehrerin, dass die jüngeren Schülerinnen den "Digitalen Heldinnen" eher vertrauen. "Teilweise nutzen die ja auch Apps, die nicht mal die jüngsten Kollegen der Lehrerschaft haben", gibt Metzner zu bedenken.

Die Schule kostet das Mentorenprogramm 690 Euro pro Jahr. Dieser Betrag deckt allerdings nur zehn Prozent der tatsächlich anfallenden Kosten. Den Rest stemmen "Digitale Helden" mithilfe verschiedener Förderungen. Diese kommen sowohl von größeren Stiftungen als auch regionalen Partnern, die das Projekt jeweils für eine bestimmte Region unterstützen. Zu Letzteren zählen nun auch die Bundeskrankenkassen in Bayern (BKK), die laut eigenen Angaben einen "hohen fünfstelligen Betrag" pro Jahr beisteuern und, wie "Digitale Helden" bestätigt, damit die Ausweitung auf Bayern möglich machten. Ein weiterer Partner in Bayern ist die Schwenninger Krankenkasse.

Der nächste Klassenbesuch für die "Digitalen Heldinnen" in der Maria-Ward-Mädchenschule steht nach den Faschingsferien an, dazwischen gibt es jeden Mittwoch Sprechstunden. Bei Elternabenden reden die Mädchen mit Müttern und Vätern über Cybermobbing. Für diesen Aufwand erhalten die Schülerinnen eine Bemerkung im Jahreszeugnis, doch das ist nicht der Grund, warum sie am Programm teilnehmen. Mozda und Stefanie etwa geht es darum, dass die Kinder mehr über die Gefahren des Internets wissen. Sie fänden es "schön, wenn es danach weniger Streit, Mobbing und Hetze im Internet gäbe".

© SZ vom 27.01.2020
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