bedeckt München 29°

Cumbia:Voodoo am Rand der Galaxie

Gute Mischung: Aus vier Ländern kommen die sechs Musiker der Nürnberger Indie-Cumbia-Band Trak Trak. Motor der Band ist Romina Schenone (links), die vor 25 Jahren aus Buenos Aires in diese "kleine Stadt", wie sie die Frankenmetropole nennt, zog. Die Idee, eine Band zu gründen, kam von Cyrena Dunbar (2. von rechts), einer ausgebildeten Tänzerin aus Kanada.

(Foto: Thomas Bergner)

"Trak Trak" aus Nürnberg spielen auf ihrem ekstatischen Debüt-Album "Sur Sur" südamerikanische Tanzmusik mit kämpferischer Haltung.

Von Michael Zirnstein

Sur Sur" könnte das Album sein, auf das Markus Söder gewartet hat. Voller energetischer Musik, die die Jugend aus den Corona-Risikogebieten da draußen zum Tanzen nach drinnen ins (dann nicht mehr) stille Kämmerchen treibt. "Ja, wir lieben die Cumbia und wir lieben das Tanzen", bestätigt Romina Schenone, Motor hinter der fränkischen Latino-Underground-Sensation Trak Trak. Cumbia sei ein Paartanz, erklärt sie, aber nicht so schwierig und grabschig wie Salsa. "Bei Cumbia, musst du nur deine Hüfte bewegen können." Romina Schenone kann das gewiss, sie ist mit diesem Sound in Argentinien aufgewachsen. Als Jugendliche arbeitete sie im Plattengeschäft ihres Vaters in Buenos Aires, dem ersten, in dem man Alben aus den USA bekam, weshalb sich dort die Musikerhelden der Stadt einfanden. So war sie dabei, als die Jugend des Landes in den Neunzigern die olle Cumbia für sich entdeckte und auf Partys spielte. Als Schenone als 18-Jährige 1995 der Liebe wegen nach Nürnberg übersiedelte, ließ sie ihren Musikgeschmack nicht zurück ("Argentinia forever!"). Sie infizierte ihren neuen Freundeskreis aus dem Künstlerkollektiv Hemdendienst mit ihrer Passion und brachte als DJ mit einem heimatlich gefülltem Plattenkoffer die Szene zum Tanzen.

"Lass uns das auch live als Band versuchen", sagte ihre Freundin Cyrena Dunbar, selbst als Tänzerin aus Kanada nach Nürnberg gekommen. Sie trommelten Freunde von Bands wie Wrong Kong oder Stadt aus Draht zusammen, und "la familia" legte los. "Ich bin immer sehr kritisch gewesen", sagt Schenone, die von der Kunstakademie kommt und hier erstmals selbst sang, "ich habe immer gesagt: Das ist überhaupt nicht Cumbia." Für Uneingeweihte freilich sind die acht Stücke auf dem Debüt-Album "Sur Sur" (Süd Süd), das es als Vinyl und auf Bandcamp zum Download gibt, Afro-Retro-Rambazamba, oder, wenn man will, eine "Bomba tropical". Für Co-Sängerin und Synthie-Spielerin Dunbar ist es ein "Mischmasch", gerade weil Robin Van Velzen unerhörte Bass-Läufe beisteuert und Michael Ströll mit seiner Wah-Wah-Gitarre einen seltsamen Texmex-Wüstenrock. Alles in allem also ein psychdelischer Sixties-Seventies-Cocktail aus dem Voodoo-Klub am fränkischen Ende der Galaxie.

Alles eskapistische Ekstase? Sicher nicht, Schenone legt der Vinyl-Edition extra ein Textblatt ihrer Parolen bei, die Spanisch- und Ironie-Unkundige leicht unterschätzen könnten, man soll sie aber mitsingen können. Inhalte sind ihr wichtig: "Ja, ich habe immer etwas zu sagen." Zum Beispiel in der Bolero-Ballade "Pólitico Psicodélico", einer "Hymne an die Politiker-Lügen" im Allgemeinen oder im Besonderen ein Abgesang auf Mauricio Macri, den Kapitalisten, Fussball-Boss und Ex-Präsidenten. "Ich habe geweint, als er gewählt wurde. Er hat unser Land zerstört."

Das sei seit 2019 unter Alberto Fernández schon besser. So hat der ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Abtreibungen erlaubt, aber die "Grüne Welle" des neuen lateinamerikanischen Feminismus habe noch viel zu tun, etwa die Gewalt der Macho-Sprache zu brechen (wovon sich auch die in ihren Augen "gemütlichen" Bayern etwas abschauen können). So macht sie sich in "Telefono" (nach dem irrsten "Rrr-tititi, Rrrr-titit" seit dem "Crazy Frog") eben über diese Musik lustig, weil in der Cumbia meist nur die Männer singen, die von "den bösen Frauen verlassen" wurden. Und in "Esta Cancion Latina" fordert sie eine alle Geschlechter umfassende Musik ein: "Latinas, Latinos, Latines" - für alle soll Cumbia sein. Wenn Männer sie aber auffordern, "Los, schwing' deinen Hintern, Muchachita", dann stachelt sie die Frauen in "Aye Que tu" auf: "Tu Controlas tu cuerpo, tu controlas tu armas." Ihr kontrolliert eure Körper, ihr kontrolliert eure Waffen. Die 43-Jährige will die Jungen daran erinnern, dass Frauen vor ihnen für ihre Rechte gekämpft haben, unter anderem für das Recht, alleine tanzen gehen zu dürfen. Das hat nicht der Bayerische Ministerpräsident verfügt.

Trak Trak: "Sur Sur", Ciclismo Records

© SZ vom 17.12.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema