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Corona und Ostern:Zeit der Notlösungen

Kirche Ostern Internet

In der Immanuelkirche wird die Online-Übertragung des Oster-Gottesdienstes geprobt, der in diesem Jahr vor leeren Bänken stattfinden muss.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ausgerechnet am höchsten Fest der Christen ist fast alles untersagt, was Ostern ausmacht. In vielen Kirchen ist trotzdem einiges geboten - in der Krise suchen die Menschen dort besonders dringend Antworten.

Post für den lieben Gott, ein Mädchen hat ihm geschrieben. Der liebe Gott möge den Osterhasen bitten, dieses Jahr etwas später zu kommen. Damit das Kind wie immer mit der Oma im Garten die Ostereier suchen kann. Das geht derzeit nicht, es darf die Oma ja nicht besuchen. Also, lieber Gott, rede doch bitte mal mit dem Osterhasen!

Ob er das schon getan hat, ist nicht bekannt, aber bestimmt hat Pfarrer Markus Rhinow die Bitte des Mädchens nach oben weitergeleitet. Es war der Briefkasten des Pfarrers, in dem diese Post lag. Sie kündet von den Sorgen in dieser Zeit, da Corona alles beherrscht, da viele Enkel ihre Großeltern nicht sehen dürfen und die Christen ganz anders Ostern feiern müssen.

Ausgerechnet Ostern! Ausgerechnet am höchsten Fest der Christen ist fast alles untersagt, was Ostern ausmacht, vor allem das Miteinander. Doch die Corona-Not macht erfinderisch. Sie öffnet Türen und Augen, macht Menschen nahbarer und neugieriger. Davon berichten Münchner Seelsorger. Sie versuchen, ihre Gemeinden zusammenzuhalten und den Menschen Mut zu machen.

In die Kirchen von Pfarrer Rhinows evangelischer Immanuel-Nazareth-Gemeinde in Bogenhausen kommen permanent Leute, berichtet er, Leute, die er noch nicht kennt. Sie schauen in die Kirchen, deren Türen so fixiert sind, dass niemand die Klinke drücken muss. "Die Menschen sind ansprechbar, es tut ihnen gut, wenn wir zuhören." Rhinows Kollegin Christine Heilmeier erzählt, dass die Menschen eintreten, um sich bei Gott zu beklagen: "Das Klagen darf einen Raum haben", ist ihre Botschaft. "Ich darf jammern!" Schon in der Bibel klagten die Menschen ihr Leid, heute hat es einen neuen Namen: das Coronavirus.

Die Gemeinde Immanuel-Nazareth will Karfreitag und Ostern fast wie immer feiern, diesmal aber als digitales Fest. Die in den vergangenen Wochen aus den Münchner Kirchen gestreamten Gottesdienste lassen sich nicht mehr zählen, und so soll es weitergehen. Rhinow und Heilmeier werden den Karfreitagsgottesdienst im Netz übertragen und am Ostersonntag, wenn es noch dunkel ist, das Osterfeuer vor der Kirche entzünden, auch das ist live zu sehen. Am Feuer wollen sie die Osterkerze entzünden. Von der wiederum dürfen sich Gläubige den ganzen Tag über das Feuer nehmen und mit kleinen Kerzen nach Hause tragen. Wie Rhinow und Heilmeier wollen viele Seelsorger mit diesem Ritual symbolisch die Verbindung schaffen zwischen den Gläubigen.

In der Evangeliumskirche im Hasenbergl lädt Dekan Felix Reuter gar zu "Zoom"-Gottesdiensten. Zoom ist eigentlich für Videoschaltungen gedacht, als virtueller Konferenztisch. Reuter aber schätzt die Technik, weil sich bei Zoom auch Menschen nur übers Telefon einwählen können, um einfach nur zuzuhören. Vor allem für Senioren ohne Internetanschluss sei das viel wert.

So wichtig diese Übertragungen sind - dass die Seelsorger weiterhin ansprechbar sind, ist ebenso elementar. David Theil ärgert sich, wenn es dramatisierend immer mal heißt, die Kirchen seien zu. "Das stimmt einfach nicht!", ruft der katholische Pfarrer von St. Ursula und St. Sylvester in Schwabing. Die Menschen dürfen in seinen Kirchen beispielsweise Nachrichten hinterlassen mit Bitten und Klagen, sie dürfen kleine Bilder mitnehmen, Bilder vom Kreuzweg und von der Natur.

"Die Stimmung der Menschen ist voller Sorge", stellt Theil fest und beschreibt das Surreale dieser Tage: Hier die aufblühende Natur, dort die geschlossenen Läden und die Existenzängste der Betreiber. Auch ihn, den Pfarrer, treiben Sorgen um: "Ich hoffe, dass wir durch diese Krise wach werden, dass diese Krise ein Weckruf ist." Dass jetzt zum ersten Mal seit vielen Jahren ein blauer Himmel zu sehen ist, weil kaum Flugzeuge fliegen, dass in der Freisinger Gegend die Luft plötzlich frisch riecht, dass in Venedig die Kanäle klar sind, das erinnere daran, "dass wir diese Erde überstrapaziert haben". Das Streben nach Reichtum, das Leben nach dem Motto "Geiz ist geil" - "es muss klar sein, dass es so nicht weiter geht". Die Corona-Krise als Start in eine gute, ökologische Zukunft, wie realistisch ist das? "Hoffnung ist nicht realistisch", sagt Theil und lacht. Hoffnung ist Hoffnung.

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