Corona-Krise:München fürchtet die Insolvenzwelle

GERMANY - HEALTH - VIRUS

Ein Samstag auf dem Marienplatz: Normalerweise wuselt es hier nur so vor Menschen. Die Ausgangsbeschränkungen wegen Corona verändern die Stadt - und erschüttern die Wirtschaft.

(Foto: AFP)
  • Die Corona-Krise macht der Wirtschaft schwer zu schaffen. Zu einer großen Pleitewelle kam es in München noch nicht - was allerdings nur am eilig geänderten Insolvenzrecht liegt.
  • Die Pflicht, einen Antrag bei Zahlungsunfähigkeit zu stellen, wurde bis 30. September ausgesetzt.
  • Vielen Betrieben geht bereits das Geld aus, jeder dritte rechnet damit, dass er Personal abbauen muss.

Von Christian Rost

Trügerisch ist die Ruhe am Amtsgericht München. Obwohl die "Coronakrise in einer Geschwindigkeit und einem Ausmaß auf die Wirtschaft durchschlägt, wie wir es noch nie gesehen haben", so die Industrie- und Handelskammer, werden kaum Insolvenzanträge gestellt. Aktuell hat lediglich ein Münchner Hotel seine Zahlungsunfähigkeit mit Corona beim Insolvenzgericht begründet. Zu einer großen Pleitewelle hat das Virus bei den Unternehmen also noch nicht geführt. Das liegt aber einzig am eilig geänderten Insolvenzrecht. Die Pflicht, einen Antrag bei Zahlungsunfähigkeit zu stellen, wurde bis 30. September ausgesetzt. Das dicke Ende kommt somit erst noch, weil vielen Firmen tatsächlich längst das Geld ausgeht und bereits jetzt jeder dritte Betrieb damit rechnet, dass er Personal abbauen muss. Das Gericht rechnet schon damit, intern Stellen umzuschichten, um eine Insolvenzwelle im Herbst bewältigen zu können.

Gesetze ändern, Steuern und Abgaben stunden, Kurzarbeit ausweiten: Alle Hebel setzt die Politik in Bewegung, um die Wirtschaft über die Zeit zu retten. Bei der Arbeitsagentur in München gehen derzeit so viele Anträge auf Kurzarbeit von Firmen ein, dass die gesamte Zahl noch nicht erfasst und ausgewertet werden konnte. Das werde noch Tage dauern, hieß es. Als eine der ersten Maßnahmen richtete der Freistaat Bayern einen Härtefallfonds für Unternehmer ein. Gestaffelt nach Erwerbstätigen gibt es 5000 Euro bei bis zu fünf Mitarbeitern und 30 000 Euro bei bis zu 250 Mitarbeitern. Allein in München gingen bislang 25 000 Anträge auf Soforthilfe ein. 9500 wurden bereits bewilligt und die Summen zur Auszahlung angewiesen.

"Das hilft den kleinen Unternehmern über die nächsten Wochen. Damit sollen sie zumindest ihren Lebensunterhalt bestreiten können", so Claudia Schlebach, die bei der Industrie- und Handelskammer in München die Corona-Hotline leitet. Bei der Beratungsstelle der IHK melden sich zurzeit täglich 300 bis 400 Unternehmer mit Fragen zur Krise, in Spitzenzeiten waren es sogar bis zu 2000. Wo gibt es Zuschüsse, wie komme ich an Kredite, welche Vorgaben gibt es für Kurzarbeit, welche Steuern kann ich stunden und was ist mit meinen laufenden Kosten? Gerade der Einzelhandel, die Gastronomie und Hotellerie leiden massiv unter den angeordneten Schließungen. Aber auch im Handwerk, das noch vor wenigen Wochen volle Auftragsbücher hatte, bricht das Geschäft weg und die Einnahmen schwinden.

"Die Kunden trauen sich aus Angst vor Ansteckung nicht mehr, sich einen Installateur oder Bodenleger ins Haus zu holen", berichtet Hartmut Drexel von der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Die Unsicherheit bereite den Betrieben Stress. "Die Aufträge gehen gegen Null, sie werden storniert oder verschoben." Dabei wüssten die Handwerker genau über Hygiene- und Abstandsregeln Bescheid. "Es will sich ja niemand durch eine Ansteckung schuldig machen", sagt Drexel.

Wie bei der IHK, lassen sich auch bei der Handwerkskammer derzeit "massenweise" Gewerbetreibende beraten. Bis zu 1000 Anrufe sind es am Tag bei dieser Hotline. Die Firmeninhaber brauchen insbesondere Hilfe beim Thema Geld. Da trifft es die Friseurin, die ihren Laden sofort schließen musste, noch weit härter als den Schlosser, der in der Werkstatt Aufträge abarbeiten kann.

"Die liquiden Mittel sichern", sagt Claudia Schlebach von der IHK, sei derzeit das wichtigste Ziel der Unternehmer. Doch wie bleiben die Selbständigen und Mittelständler flüssig, wenn die Einnahmen wegbrechen und die Kosten weiterlaufen? "Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern mit Vermietern und der Hausbank reden", rät Schlebach. Diese wüssten um die Not und zeigten sich häufig kulant. Die Stadt München macht es vor: In ihren Gewerbehöfen verzichtet sie auf die Hälfte der Pachten für die nächsten sechs Monate und stundet die Beträge. Gestundet werden können auch die Zahlungen für Gewerbe- und Umsatzsteuer.

Dass eine große Zahl an Firmen dringend Geld benötigt, zeigt ein Blick in die Bücher der Banken. Bei der Commerzbank in München seien wegen Corona Finanzierungsanfragen "im hohen dreistelligen Bereich" eingegangen, sagt Bereichsvorstand Frank Haberzettel. Hauptsächlich nachgefragt würden die von der Förderbank des Bundes, KfW, aufgelegten Sonderprogramme. Diese Kredite gibt es zu besonders günstigen Konditionen ab einem Prozent Zinsen.

Darüber hinaus habe auch die Commerzbank, die im Raum München 56 400 kleinere Unternehmen als Kunden betreut, einen Corona-Sonderfonds mit einem Volumen von 700 Millionen Euro aufgelegt. "Für uns steht jetzt ganz klar im Vordergrund, die Unternehmen schnellstmöglich mit Liquidität zu versorgen", betont der Vorstand. Deshalb sei die Möglichkeit geschaffen worden, dass die Kunden KfW-Kredite nun auch online beantragen könnten. Rasche Finanzierungshilfen versprechen auch die öffentlich-rechtlichen und Genossenschafts-Banken. Die Stadtsparkasse München hat ebenfalls die Zahl ihrer Mitarbeiter bei der Kreditberatung aufgestockt und weist darauf hin, dass selbst Firmen, die bereits in größeren finanziellen Schwierigkeiten stecken, noch KfW-Kredite bekommen könnten.

"Gott sei Dank sind die Zinsen so niedrig", kommentiert Hartmut Drexel von der Handwerkskammer die Situation. Die Frage sei allerdings: Wer soll das alles am Ende bezahlen? Das Geld bekämen die Unternehmer schließlich nicht geschenkt. Die Kredite müssten zurückgezahlt werden, die gestundeten Mieten oder Pachten ebenso. Drexel führt erneut das Beispiel der Friseurin an: Diese könne das in der Krise entgangene Geschäft nicht einfach wieder hereinholen, wenn es besser laufe. "Eine Frisur kann man eben nur einmal und nicht zwei- oder dreimal verkaufen."

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