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Gelockerte Verbote:"Die Perspektivlosigkeit macht viele Vereine trotzdem mürbe"

Leichtathletik-EM - Schatten eines Läufers

Licht und Schatten: Viele Athleten sehnen sich seit Wochen zurück nach der Tartanbahn.

(Foto: dpa)

Von Montag an ist zumindest "kontaktloser Einzelsport" wieder erlaubt, die Vereine atmen auf. Sie haben in der Corona-Krise viel gelernt. Ob aber alle Klubs sie finanziell überstehen, ist noch unklar.

Nicht nur die Fußballprofis dürfen demnächst ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen, die bayerische Staatsregierung hat auch für die Breitensportler die ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen beschlossen. Auch wenn der Mannschaftssport davon ausgenommen ist, was unter anderem sämtliche Amateurfußballer betrifft, können von kommendem Montag an die Menschen im Freistaat erstmals seit fast zwei Monaten wieder Individualsport ausüben. Vom 11. Mai an dürfe wieder "kontaktloser Einzelsport" betrieben werden, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU), also etwa Tennis, Leichtathletik, Rudern, Golf und Segeln.

Grundlage der Entscheidung sei, dass diese Sportarten im Freien ausgeübt werden, in der Halle ist nur Reiten als einzige Ausnahme erlaubt. Söder erinnerte daran, dass überall die Mindestabstände gewahrt und Hygienemaßnahmen eingehalten werden müssen. Teamsport sei dagegen weiterhin untersagt, Innenminister Joachim Herrmann (CSU) arbeite aber bereits gemeinsam mit dem Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) an Konzepten für eine Öffnung.

Die Ruderer auf der Olympia-Regattastrecke sehnen den Montag herbei: "Wir sind froh, dass wir nach acht Wochen Abstinenz endlich wieder aufs Wasser dürfen. Rudern im Einer hätte schon lange erlaubt werden können", sagt Willi Bock, Sprecher des Bayerischen Ruderverbands und zugleich Vorsitzender der Rudergesellschaft München von 1972. Anderen helfen die neuen Lockerungen wenig. Jürgen Betz etwa ist Handball-Abteilungsleiter beim ASV Dachau, in seiner Sparte "liegt weiter alles auf Eis". Für mehr als 300 aktive Mitglieder im Erwachsenen- und Jugendbereich ruht der Trainings- und Spielbetrieb. Besonders für den Nachwuchs sei das ein Problem: "Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel im Jugendbereich gemacht", erzählt Betz, vor Corona gab es sogar einen Aufnahmestopp. In der Krise aber fehle "der Bezug zum Verein, der Kontakt."

Was bleibt, ist eine große Ungewissheit: "Mit wie vielen Mannschaften kann man für die nächste Saison planen, wie gehen wir in die Vorbereitungen oder die Qualifikationen? Wir wissen es nicht." Auch die Gefahr eines Mitgliederschwunds dürfe bestehe, gerade im Kinder- und Jugendbereich: "Vielleicht müssen wir wieder bei Null anfangen, weil wir viele verlieren. Kinder können sprunghaft sein."

Wie Betz geht es den meisten Funktionären in den gut 700 Münchner Klubs. Man versucht über die Vereins-Homepages und sozialen Netzwerke Kontakt zu den Mitgliedern zu halten und Informationen zu geben, die Trainer bieten virtuelle Trainings an und erstellen langfristige Übungs- und Jugendkonzepte. "Die Perspektivlosigkeit macht viele Vereine trotzdem mürbe, weil sie kein reales Angebot haben", sagt Beppo Brem, BLSV-Kreisvorsitzender München-Stadt. Brem sieht zumindest derzeit noch keinen signifikanten Mitgliederschwund bei den Klubs, aber ein anderes Problem: "Die Loyalität ist noch hoch, aber es gibt keine Neueintritte. Normalerweise wächst München quer durch alle Vereine um 10 000 Mitglieder pro Jahr. Das ist schon schmerzlich." Den Vereinen entgehen dadurch wichtige Beiträge. Ob es noch zu einer dramatischen Austrittswelle komme, könne man Brem zufolge erst 2021 sagen, meist seien die Mitgliedschaften ans laufende Kalenderjahr gebunden.

Noch sind die Vereine erfinderisch: Dutzende Trainer beim MTV München laden Videos für den Kindersport hoch, beim ESV München streichen Sportlehrer schon mal Wände oder erledigen andere handwerkliche Tätigkeiten - auch, um Kurzarbeit möglichst zu vermeiden. Die Fußballer der FT Gern veranstalteten den "Gerner Dahoam Cup", ein Fußballturnier per Konsole vor dem eigenen Fernseher oder Computer. Die Footballer der Munich Cowboys lieferten Essen für Ärzte und Krankenschwestern ans Schwabinger Krankenhaus. Unzählige Vereine beteiligten sich an einer Challenge, bei der sie binnen 24 Stunden Fotos von sich auf Facebook posten - und bei einem Scheitern 30 Euro für einen guten Zweck spenden sollten.

Existenzbedrohend ist die Finanzsituation noch nicht - Brem jedenfalls hat noch von keinem Münchner Verein gehört, dem die Insolvenz droht. Das heißt aber nicht, dass es ihnen gut geht, im Gegenteil. Viele Klubs haben durch die Corona-Beschränkungen beträchtlichen Schaden genommen. Der BLSV kalkuliert mit einem Gesamtschaden von 200 Millionen Euro für den Sport in Bayern. Über ein Meldeportal können Klubs dem Verband ihr voraussichtliches Minus mitteilen, ein Fünftel der Münchner Vereine hat das bereits getan. Dort liege der Schaden, auf alle Klubs in der Stadt hochgerechnet, "bei rund 20 Millionen Euro", sagt Brem. Der Spielbetrieb ist in nahezu allen Sportarten eingestellt, Wettkämpfe verschoben oder abgesagt, Turnhallen und Trainingsanlagen geschlossen. Der organisierte Sport stehe vor der "größten Herausforderung seiner Geschichte".

Fixkosten für Personal oder Unterhalt der Sportstätten müssen die Klubs weiterhin zahlen, hinzu kommen dann noch Austritte von Mitgliedern, Beitragsrückforderungen, fehlende Kurseinnahmen und Einnahmenausfälle aus Vermietungen oder Gaststätten. Die langfristigen Folgen sind ob der unklaren Entwicklung noch gar nicht abschätzbar. Auch deshalb greift die Stadt München ihren Vereinen unter die Arme. Breitensport zählt zwar zu den freiwilligen Leistungen, weil er aber per Grundsatzbeschluss von 2004 zur Schwerpunktaufgabe erklärt wurde, sieht sich München schon moralisch in der Pflicht.

Der Stadtrat hat einen umfangreichen Maßnahmenkatalog beschlossen. So wird die Zahlung der Sportbetriebspauschale mit einem Gesamtbudget von drei Millionen Euro von November auf Anfang Juni vorgezogen. Die Mittel sollten im Laufe der zweiten Juniwoche auf den Konten der Klubs ankommen, um deren Liquidität zu sichern. Gleiches gilt für die Vereinspauschale des Freistaats, die nur unwesentlich später überwiesen werden soll - und einmalig auf 2,6 Millionen Euro verdoppelt wird. Auch die Zuschüsse zum Unterhalt vereinseigener Sportanlagen werden früher ausgezahlt, dieser Vorschuss muss allerdings beim Münchner Sportamt gesondert beantragt werden.

Darüber hinaus will die Leiterin des zuständigen Referats für Bildung und Sport, Beatrix Zurek, dem Stadtrat empfehlen, auf die Entgelte zur Nutzung städtischer Sportanlagen (die derzeit ohnehin größtenteils verboten ist) ganz oder anteilig zu verzichten. Die Stadtschulrätin weist auch auf die Möglichkeit für Vereine hin, Kurzarbeit zu beantragen. Gemäß einem Stadtratsbeschluss vom März werden Kosten, die durch ausgefallene Sportveranstaltungen und Projekte entstanden sind, bezuschusst.

BLSV-Funktionär Brem findet diese Maßnahmen richtig, "all das steigert die Liquidität der Vereine". Der Katalog der Stadt gehe aber nicht weit genug. Brem vermisst, dass das Referat für Bildung und Sport für die Übergangszeit städtische Flächen zur Verfügung stellt, wo die Vereine trainieren können. Denn an der Tatsache, dass die städtischen und die meisten vereinseigenen Sportanlagen bis auf Weiteres geschlossen bleiben, ändert sich ja nichts - trotz der teilweisen Wiederaufnahme des Schulbetriebs. "Schulsporthallen, die Theresienwiese, der Englische Garten: All das könnte man doch unkompliziert zur Verfügung stellen", findet Brem. Außerdem vermisst er eine Abfrage der Stadt, wo in den nächsten Monaten finanzielle Not oder gar Insolvenzen drohen: "Da ist leider bisher meines Wissens noch nichts geplant."

Für alle ist diese Krise ein Lernprozess, welche Vereine sie nicht überleben, weiß derzeit niemand. Gut möglich, dass das Wachstum der Klubs eine Delle bekommt. Die Stadt hat sich aufgemacht, diese Delle so klein wie möglich zu halten.

© SZ vom 08.05.2020/syn

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