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Altenheime:Nur noch ein Besuch pro Tag

Die Senioren werden nicht mehr im Alten- und Service-Zentrum versorgt. Stattdessen organisieren die Betreiber einen Bringdienst.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Für Senioren sind soziale Kontakte wichtig - aber in Zeiten des Coronavirus gefährlich. Deshalb dürfen manche im Altenheim gar keinen Besuch mehr empfangen. Der Preis für die Sicherheit ist Einsamkeit.

Eine Frau steht vor dem Eingang des Caritas-Altenheims St. Franziskus in Giesing, ihr Blick geht hoch zum Balkon im ersten Stock. Vier Pfleger stehen dort hinter geschlossenen Glasscheiben. "Ich komm' nicht rein", ruft die Frau den Pflegern zu. "Darf ich?" Es herrscht allgemeine Verwirrung. Sie nähert sich der Eingangstür, die sich normalerweise in dem Moment automatisch öffnen sollte. Aber sie bleibt verschlossen. An der Scheibe klebt ein Zettel: "Bitte haben Sie Geduld, es dauert einen Moment, bis ein Pflegemitarbeiter runterkommt, um aufzusperren." Sie komme einmal die Woche für die Fußpflege - jetzt wisse sie aber gar nicht, ob sie überhaupt noch kommen dürfe, erzählt die Frau.

Eine Szene, wie sie sich zur Zeit vor fast jedem Altenheim der Republik abspielen könnte. Denn vor und in den Altenheimen herrscht Verunsicherung. Die Zahl der Covid-19-Fälle steigt von Tag zu Tag, und im gleichen Takt beschließen Regierung und Behörden neue Regelungen, die die Kontakte immer weiter einschränken, um die besonders gefährdeten Gruppen vor dem Coronavirus zu schützen. Doch was bedeutet das für die Alten und Pflegebedürftigen dieser Stadt, die zur Risikogruppe gehören?

Die überwiegende Mehrzahl aller Menschen, die im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung sterben, sind im Rentenalter. Bereits am Wochenende hat der Freistaat Bayern das Besuchsrecht in Altenheimen und Krankenhäusern wegen der Corona-Pandemie deutlich eingeschränkt. "Jeder Patient oder Betreute darf jetzt nur noch einen Besucher pro Tag für je eine Stunde empfangen", heißt es in der Allgemeinverfügung. Mit der Umsetzung sind die unterschiedlichen Träger und Heimleitungen nun täglich beschäftigt.

Münchenstift, der städtische Träger von insgesamt dreizehn Alten- und Pflegeheimen in der Stadt, hat die Regelung für sich sogar noch strenger ausgelegt. "Eine Stunde, das reicht zum Anstecken", sagt Geschäftsführer Siegfried Benker. Deshalb ist der Besuch seit dem 14. März komplett untersagt. Ausnahmen gebe es nur für therapeutisch oder medizinisch notwendige Besuche, für Angehörige von Bewohnern in palliativer Versorgung oder für solche, die das Zimmer bei Neubezug gern besichtigen würden und für unaufschiebbare handwerkliche Maßnahmen.

Für die meisten Bewohner heißt das: vorerst kein Besuch. Viele der etwa 800 Ehrenamtlichen gestalten normalerweise das Freizeitprogramm in den Häusern. Die hat Benker nun nach Hause geschickt - das Risiko sei im Moment einfach zu groß, sagt er. Auch Veranstaltungen, Vorträge oder Seminare von der Volkshochschule, die "sehr zum Leben beigetragen haben", sind abgesagt. Eine Vereinsamung drohe den Altenheimbewohnern aber nicht, beruhigt Geschäftsführer Benker. Man treffe sich weiterhin in den Heim-Cafés und in den Wohnküchen und habe Gelegenheit zum Austausch. Von den meisten komme ohnehin großes Verständnis, sie fühlten sich gut geschützt, versichert Benker. Alle getesteten Verdachtsfälle bei Bewohnern und Personal seien bislang negativ ausgefallen. Zwei warten derzeit noch auf ihr Ergebnis.

Im Caritas-Verband verzeichnet man bisher keine Verdachtsfälle in den Einrichtungen. Die Weisung des Freistaats - eine Stunde pro Tag pro Bewohner - wird hier wörtlich verstanden. Am Empfang würden die Besucher seit dieser Woche angehalten und befragt, ob sie in einem Risikogebiet waren oder anderweitig die Gefahr besteht, das Coronavirus ins Heim zu tragen, erzählt die Sprecherin Bettina Bäumlisberger. "Wir dürfen Besucher abweisen, wenn wir nicht sichergehen können, dass das Virus nicht eingeschleppt wird." Außerdem werde der Besuch angewiesen, sich die Hände zu desinfizieren. Bei Bewohnern, die dement sind oder nicht mehr lange zu leben haben, werden jedoch Ausnahmen gemacht.

Auch eine andere Säule des sozialen Lebens für die ältere Bevölkerung Münchens fällt mit den strengen Sicherheitsvorkehrungen fast vollständig weg: Die sozialen Mittagstische in den insgesamt 32 Alten- und Service-Zentren (ASZ) sind bis auf weiteres abgesagt. Genauso wie der gesamte Besucherverkehr dort. Dafür werde zur Zeit die Versorgung mit günstigem oder kostenlosem Essen durch Bringdienste organisiert, erzählt Karl Weber, Leiter des ASZ in Sendling. Die Ehrenamtlichen achteten auf minimalen Kontakt, reichten das Essen mit Handschuhen in Einweggeschirr an der Tür und kassierten gerade auch kein Geld, sondern notierten sich die Summe für später.

Die Vorkehrungen klingen so sicher wie möglich - aber auch so einsam wie möglich. "Unsere Hauptaufgabe ist es eigentlich, Menschen zusammenzubringen und soziale Kontakte zu fördern", sagt Weber. Das sei jetzt ins absolute Gegenteil verkehrt. Alte Menschen mit Essen zu versorgen, sei ja nur die eine Sache, so Weber. Dahinter stecke eigentlich die Idee, ein soziales Miteinander zu stärken: Man führt Gespräche, baut eine Beziehung auf, vertreibt die Einsamkeit. Weber und seine Mitarbeiter bauen deshalb auf eine andere altbewährte Methode: das Telefonieren. In diesen Tagen ist Weber dabei, alle eingetragenen Senioren aus seiner Kartei abzutelefonieren. Er will Kontakt halten, wenn auch nur aus der Ferne.

© SZ vom 19.03.2020/kaal

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