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Bildung in Corona-Zeiten:Lehrer hinter Plexiglas

Corona-Krise, Schulen in München

Selten sind sich Schüler und Lehrer so einig: Es geht doch nichts über echten Unterricht im Klassenzimmer.

Während die meisten noch zu Hause lernen müssen, besuchen die Abschlussjahrgänge in Bayern wieder den Unterricht vor Ort. Fünf Wiedereinsteiger berichten, wie sie die ersten Tage erlebt haben.

Seit diesem Montag gehen in Bayern alle Schülerinnen und Schüler wieder in die Schulen, die ihren "Quali", ihre Mittlere Reife oder ihr Abitur machen. Nach Wochen der Ungewissheit, der digitalen Arbeitsaufträge und der fehlenden Kontakte zu Mitschülern und Freunden, läuft nun der Schulbetrieb wieder an. Noch nicht wie früher, sondern mit viel, viel Abstand und Vorsicht. Aber immerhin. Fünf Wiedereinsteiger berichten:

Schulinbetriebnahme, Artur-Kutscher-Realschule / Regina Lotterschmid

Realschul-Direktorin Regina Lotterschmid.

(Foto: LHM RBS)

Regina Lotterschmid leitet die Städtische Artur-Kutscher-Realschule in München-Moosach. 716 Schülerinnen und Schüler in 24 Klassen - die vier zehnten Klassen dürfen sich seit Montag in den vier modern gestalteten "Lernhäusern" maximal locker auf die Klassenzimmer verteilen. Was der Architekt als Treffpunkt-Zonen dort angelegt hat, verführt nun leider zu wenig Distanz - weshalb überall Schilder herunterhängen: "Abstand halten!" Die Stimmung am Montag sei anfangs ziemlich verhalten gewesen, berichtet Lotterschmid, am Dienstag seien alle schon mehr aufgetaut. Sie lässt erkennen, dass auch ihr das alles unnatürlich vorkommt. Schule sei nicht nur ein Lernort, sondern ein sozialer Raum - die Artur-Kutscher-Realschule sei normalerweise ein brummender Bienenstock, mit aktivem Schülerparlament, viel Austausch und Miteinander. Das liege erst einmal noch darnieder, zur Sicherheit. Dennoch werde alles unternommen, damit Schülerinnen und Schüler keine Nachteile erlitten, bis hin zum gut funktionierenden schuleigenen Server als digitale Lernplattform, der anders als die landesweite Mebis-Internetplattform störungsfrei laufe. Auch über Bildungsgerechtigkeit macht sich diese Realschule Gedanken und überlegt bereits, wie die Belastung für die Familien reduziert werden könne, die vielen digitalen Bildungsaufgaben auszudrucken für die Schüler. Halte die Home-Schooling-Phase für die anderen an, habe ein Sportlehrer schon angeboten, Ausgedrucktes mit dem Lastenrad auszufahren. Die nun zu echtem Unterricht zurückgekehrten zehnten Klassen haben am 4. Mai einen mündlichen Englisch-Test für den Abschluss, am 1. Juli starten dann die schriftlichen Prüfungen für die Mittlere Reife. Bis dahin werden wohl auch die 9. Klassen zurück sein, und wenn dann noch weitere Klassen hinzukämen, werde das nur mit Schichtunterricht gehen. Regina Lotterschmid ist wichtig, dass alle vor den Sommerferien zurückkommen können. Wegen der sozialen Gemeinschaft - trotz aller Distanzregeln.

Schülerin Anna-Karima Parvanta.

(Foto: Catherina Hess)

Anna-Karima Parvanta, 17, steht am Münchner Ludwigs-Gymnasium vor dem Abitur und ist sehr froh und erleichtert, die 54 Mädchen und Jungs ihres Abi-Jahrgangs endlich wiedersehen zu dürfen - wenn auch nur im großen, weiten Kreis im Schulinnenhof, beim Wiedersehens-Ratsch auf Distanz. Der Unterricht aber sei schon ein wenig skurril: Fast ausschließlich in den großen Physik- und Biologie-Sälen, die gewohnten Lehrer nun meist hinter Plexiglas am Vormittag, und Risikogruppen-Lehrer weiterhin nachmittags digital daheim am Bildschirm. Weil die Abi-Prüfungen am 20. Mai mit Deutsch nah bevorstehen, werde die Zeit intensiv genutzt, alles sei sehr komprimiert. Teils sogar das Atmen, weil sich die Schüler über ihre Whatsapp-Gruppe darauf verständigt hatten, freiwillig dem Masken-Gebot zu folgen. Für zwei ihrer Mitschüler wäre eine Corona-Infektion sehr riskant, also wird Rücksicht genommen. Doch auch, wenn vieles schon gestrichen werden musste, die Abi-Reise mit Freunden in die Niederlande etwa und das freiwillige soziale Jahr, das Anna-Karima in Italien oder Spanien absolvieren wollte: Ein bisschen mehr Leben ist dann doch wieder in der Schule. Die ausgefallene Motto-Woche wird nachgeholt, nächste Woche wird Anna-Karima an einem Tag im Outfit von "Kindheitshelden" in ihre Schule gehen. Und hofft jetzt eben nach dem Abi auf coole und spannende Praktika in München.

Michael Hotz, Direktor Wilhelms-Gymnasium

Gymnasial-Direktor Michael Hotz.

(Foto: Florian Peljak)

Michael Hotz hat als Direktor des Münchner Wilhelms-Gymnasiums vor allem eine Botschaft: Es geht nichts über echten Unterricht im Klassenzimmer! Er und sein Lehrerkollegium hätten die Schüler richtig vermisst, und umgekehrt wohl ebenso. Unterstufenschüler haben mit der Post mal einen Brief geschickt: "Liebes WG, wir vermissen Dich!" Und das, obwohl digitaler Unterricht von Anfang an gut funktioniert habe, weil sich alle im Kollegium gegenseitig unterstützt hätten. Da seien die jungen Lehrer naturgemäß vorne dran gewesen. Aber er habe nun auch neue Digital-Junkies bei den älteren Semestern. Hotz sieht Digitalunterricht dennoch nur als Überbrückungshilfe und ist froh, dass seine 50 Abiturienten nun wieder im Schulhaus sind. Natürlich nur in den großen Sälen: Musiksaal, Aula (250 Plätze!), Physiksaal, jeder mit mindestens zwei Metern Abstand zu Nachbarn, Lehrer auch hier hinter Plexiglas-Spuckschutz. Schüler, deren Eltern gerade zur Hochrisikogruppe gehören, sitzen mit besonders viel Abstand, deren Sitznachbarn tragen alle freiwillig Masken. Überhaupt, die Masken! Da lacht Hotz - dankt, dass für alle Schüler Einmal- und Stoffmasken zur Verfügung gestellt wurden, hat aber auch für die Chronik des ehrenwerten Instituts eine hübsche Anekdote gewonnen. Am vergangenen Wochenende hätten auf den letzten Drücker behördlich gestellte Masken vom Technischen Hilfswerk ans Kreisverwaltungsreferat, von dort ans Schulamt geliefert und daselbst dann von den Schulleiterinnen und -leitern abgeholt werden sollen. Irgendjemand habe das noch so entbürokratisiert, dass die Münchner Feuerwehr jene Masken im großen Feuerwehrfahrzeug ausgeliefert hatte. Der Hausmeister des "Wilhelms" stand am Samstag mit großer Schubkarre bereit - ein Feuerwehrmann überreichte ihm dann höchst feierlich eine kleine, feuerwehrrote Plastiktüte mit 100 Einweg- und 50 Textilmasken. Die 50 Abiturienten hatten dann am Montag lauter eigene Masken dabei.

Lehrerin Anne Leng.

(Foto: Robert Haas)

Anne Leng, unterrichtet Deutsch und Englisch an der Mittelschule an der Implerstraße. Sie ist richtig stolz, wie diszipliniert ihre Schüler mit ihren 15 und 16 Jahren sich an die Vorgaben halten. Auch ihre Kollegen berichten, dass die Schutzmaßnahmen an dieser Mittelschule gut funktionieren. Mit dem Konzept eines rollierenden Systems begegnen sich die drei neunten Klassen, die in sechs Gruppen eingeteilt wurden und jeweils eigene Eingänge zu definierten Zeiten benutzen, so wenig wie möglich. Jede Gruppe hat einen Tiernamen bekommen. In Deutsch unterrichtet Anne Leng die "Mantarochen", sie kommen genau um 8.05 Uhr. Nach vier Stunden Unterricht verlassen sie das Gebäude um 11.25 Uhr wieder durch denselben Eingang. In den Gängen kleben Pfeile auf dem Boden und geben vor, in welche Richtung man gehen darf. Mit Klebeband sind auch die Tische markiert, die mit fast zwei Meter Abstand aufgestellt sind. Es sei ein Glück, dass die Schule an der Implerstraße dafür ausreichend Platz habe. Knapp könnte es trotzdem werden, wenn hier weitere Klassen unter den Vorgaben lernen sollen. Etwas befremdlich sei die Situation in den Klassenzimmern, wo das Tragen von Masken freiwillig ist. Anne Leng habe die ersten 20 Minuten mit Maske unterrichtet - was fürs laute Sprechen fast unmöglich sei. Sie setzt die Maske daher nur noch auf, wenn sie Arbeitsblätter austeilt.

Schülerin Jasmin Dürheimer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jasmin Dürheimer ist Schülerin einer Fachoberschule in München. Bei der Rückkehr in ihre FOS am Montag sei sie geschockt gewesen. Sie hatte erwartet, dass man dank der Maßnahmen gut geschützt sei. Dabei seien nur die Tische ein wenig auseinandergerückt und Lehrer auf den Gängen positioniert gewesen. Spätestens beim Austeilen von Arbeitsblättern werde der Mindestabstand wieder vergessen. Immerhin seien die Abschlussklassen geteilt, so dass Jasmin Dürheimer nur mit zehn Mitschülern im Klassenzimmer sitze. Drei von ihnen behielten am Montag die Maske im Unterricht auf. Einige an dieser Fachoberschule arbeiteten im Gesundheitsbereich und wollten niemanden anstecken - andere nähmen die Maßnahmen kaum ernst. Vor der Schule umarmten sich manche Schüler, auf die Vorgaben geachtet werde nur in der Schule. Jasmin Dürheimer fürchtet eine Corona-Infektion weniger um ihrer selbst willen, sondern weil sie in einem Mehrgenerationenhaus wohnt, wo sie etwa ihren Großeltern, die zur Risikogruppe gehörten, kaum aus dem Weg gehen könne. Ob sie ihren Opa, den die Familie unter strengen Auflagen im Krankenhaus besuchen dürfe, noch einmal sehe, überlege sie sich unter diesen Umständen. Lieber wäre es ihr, wenn sie sich zu Hause aufs Abitur vorbereiten könnte. Weil aber Anwesenheitspflicht gilt, muss sie sich dem Risiko wohl aussetzen. Dass ihre Schule ihr Bestes gegeben habe, das glaube sie schon. Aber sie frage sich auch, wie die Rückkehr der anderen Jahrgänge und eine Abi-Prüfung auf Abstand ohne eine fertiggestellte Turnhalle gelingen sollen.

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© SZ vom 30.04.2020/syn
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