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Coronavirus in München:"Die Ausgangsbeschränkung stellt für alle eine Herausforderung dar"

Gerd Schulte-Körne

Gerd Schulte-Körne leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums der LMU.

(Foto: Privat)

Ausgangsbeschränkungen, kaum Kontakt zu Freunden, zu wenig gute Aufklärung: Besonders für ängstliche Kinder ist das Leben in der Corona-Krise sehr belastend.

Am Wochenende herrschte Hochbetrieb auf den Radwegen und an der Isar, es zog die Menschen ins Freie. Nun wurden die Ausgangsbeschränkungen aber verlängert, bis zum 19. April - dem Ende der Osterferien. Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität, weiß, dass das für Kinder und Jugendliche schon jetzt eine besondere Belastung ist.

SZ: Sind die Jugendlichen richtig auf diese Situation vorbereitet worden?

Gerd Schulte-Körne: Es ist ein Problem, dass die Aufklärung über das Virus an Erwachsene gerichtet ist und man kaum an die Kinder denkt. Die Eltern sind auch überfordert damit und fragen mich, wie sie es ihrem Kind erklären können. Es wäre auch eine Aufgabe des Gesundheitssystems, den Kindern zu vermitteln, was das alles für sie bedeutet.

Bevor die Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, gab es schon die Aufforderung, sich nicht in Gruppen zu treffen. Da fielen besonders junge Leute auf, die sich nicht daran hielten.

Jugendliche sind oft nicht in der Lage, das wirkliche Risiko adäquat einzuschätzen. Ihr Handeln ist eher impulsiv, Entscheidungen werden eher emotional, lustbetont getroffen. Wenn der Freund anruft, wird nicht über das Versammlungsverbot nachgedacht. Das ist typisch für diese Altersgruppen und ein normales Entwicklungsphänomen. Rebellieren war es nicht in dem Sinne. Das entsprach eher einem pubertären Allmachtsgefühl. Gerade Jugendliche in dieser Entwicklungsphase erleben sich als unverwundbar. Sie entdecken die Welt, lösen sich vom Elternhaus ab. Sie ignorieren Grenzen und testen diese aus. Es wurde von Konflikten mit Ordnungshütern berichtet. Da zeigen die Jugendlichen: Ich gehe auf den Konflikt ein - in der maximalen Selbstüberschätzung.

Also haben sich manche Erwachsene zu Recht über Rücksichtslosigkeit beschwert?

Das Verhalten der jungen Menschen hat die Öffentlichkeit zu Recht erregt, aber was ich für viel relevanter halte, sind jetzt die durch diese Situation und eine Ausgangsbeschränkung ausgelösten psychischen Belastungen bei Jugendlichen und Kindern. Ich glaube, dass das keiner so richtig auf dem Schirm hat.

Wie genau sehen diese Belastungen aus?

Etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben bereits psychische Probleme wie Ängste oder Depressionen. Durch die Einschränkung im Alltag und durch diese mediale Präsenz der Corona-Krise empfinden ängstliche Kinder und Jugendliche die Situation als sehr belastend. Die jungen Menschen haben wahnsinnige Sorgen um die Zukunft, um die Angehörigen. Diese Angstdisposition wird also noch mal massiv verstärkt. Und dann haben wir die jetzt in den Familien, in denen nicht selten die psychisch belasteten Eltern sich selbst kaum helfen können.

Wohin können sich junge Menschen wenden, wenn sie Ängste haben?

Die Anlaufstellen für Hilfesuchende sind auf Ausgangsbeschränkungen gar nicht eingestellt. Das ist ja eine reine Komm-Struktur. Dass jetzt von heute auf morgen mal alles auf digital umgestellt wird, ist eine Illusion und ist auch nur für einen Teil der psychisch belasteten und erkrankten Kinder und Jugendlichen geeignet. Wir müssen uns auf mehr Notfallvorstellungen in psychischen Krisen einstellen und ausreichende Versorgungskapazitäten dafür anbieten.

Wie sieht die Versorgung in Ihrer Klinik aktuell aus, nehmen Sie Kinder und Jugendliche noch stationär auf?

Nach Klärung der Dringlichkeit und Verfügbarkeit von Plätzen nehmen wir auch weiterhin auf. Allerdings sind aktuell alle Plätze belegt. Die tagesklinische Behandlung, zu der Kinder und Jugendliche jeden Tag gefahren werden mussten, haben wir natürlich eingestellt.

Jugendliche sind durch soziale Medien oft viel enger miteinander verbunden als Erwachsene. Trifft sie die aktuelle Ausgangsbeschränkung weniger hart?

Die Ausgangsbeschränkung stellt für alle eine Herausforderung dar, für psychisch belastete Familien eine besonders hohe. Der Austausch über soziale Medien kann helfen, wenn er denn unterstützend ist. Wir wissen aber von Jugendlichen, dass gerade über soziale Medien belastende und abwertende Inhalte über Einzelne ausgetauscht werden. Auch der soziale Ausschluss über soziale Medien wird als sehr belastend erlebt. Daher ist eine möglicherweise bessere Vernetzung auch ein Risikofaktor für psychische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen.

Bereits die Schließung der Schulen war für viele Kinder und Jugendliche ein erheblicher Einschnitt in ihren Alltag.

Gerade viele Jugendliche sind in unserem Schulsystem eng eingebunden und die haben natürlich Sorge, was passiert, wenn sie manche Prüfungen nicht machen können. Und diese Sorge wird ja nicht selten von den Eltern noch gesteigert. Man muss die Schulproblematik deeskalieren und sagen: Das ist jetzt nicht das zentrale Thema. Da wäre es auch gut, wenn seitens der Schule signalisiert wird, dass den Kindern daraus kein Nachteil erwächst. Es müssten alle daran mitarbeiten und klarmachen: Das primäre Ziel ist jetzt ein anderes und nicht die Frage, wann die Prüfung stattfindet. Man darf zwar die Realität nicht aus den Augen verlieren, aber man muss dazu beitragen, dass der Druck, der in den Familien schon da ist, nicht größer wird.

© SZ vom 31.03.2020/vewo
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