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Coronavirus:Infektionsgefahr unter der Frühlingssonne

Mit Lautsprecherdurchsagen warnt die Polizei hier im Englischen Garten vor der Ansteckungsgefahr.

(Foto: Robert Haas)

Die Polizei informiert und kontrolliert auch im Englischen Garten und überwacht die Schließung von Läden und Restaurants. Nicht jeder zeigt sich einsichtig.

Fast könnte man meinen, alles sei wie jedes Jahr, wenn der Frühling kommt in München: Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen strömen alle in die Parks. Auf der Wiese unter dem Monopteros sitzen Jugendliche zusammen und hören Musik, eine Frisbee fliegt durch den wolkenlosen Himmel, Familien spazieren. Neu ist nur der Lautsprecherwagen der Polizei, der am Mittwochmittag durch den Englischen Garten kurvt: "Im Interesse Ihrer Gesundheit führt die Münchner Polizei wegen der Infektionsgefahr durch das Coronavirus Kontrollen für die Sicherheit von uns allen durch", scheppert es durch die Frühlingsluft.

"Um Ihr Infektionsrisiko zu verringern, bitten wir Sie: Meiden Sie Gruppen über fünf Personen", fordert die Stimme die Besucherinnen und Besucher auf. "Halten Sie immer den nötigen Abstand von mindestens eineinhalb Metern zueinander ein". Zusammentreffen größerer Personengruppen zu Partys werde die Polizei auf Grundlage des Infektionenschutzgesetzes beenden. Auf den erhobenen Zeigefinger folgt dann ein versöhnlicher Abschluss: "Bleiben Sie zuversichtlich und genießen Sie den sonnigen Tag".

Ein paar Jugendliche applaudieren ironisch. Sie haben doch nicht zwei Kästen Helles bis zum Monopteros geschleppt, um sie halb voll wieder nach Hause zu schleppen! Als plötzlich zwei Zivilpolizisten vor ihnen stehen, die Ausweise kontrollieren und Platzverweise erteilen, beginnt eine Diskussion über das Alkoholverbot im Englischen Garten, seit wann es gilt, wo denn die Schilder stehen, und welchen Sinn das Ganze macht.

Es ist natürlich verlockend: Die Schule fällt aus, die Abiturprüfungen wurden um zwei Monate verschoben, und die Sonne scheint. Bars und Clubs haben geschlossen - wieso also nicht draußen feiern? Den jungen Leuten die Gefahr klar zu machen, der sie sich und vor allem ältere und weniger gesunde Mitbürger durch ihr Verhalten aussetzen, sei "keine einfache Aufgabe", sagt Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins. "Die Krise ist noch nicht in den Köpfen angekommen". Jeder könne Teil einer Infektionskette sein, an deren Ende einer mit einer schwächeren Immunabwehr oder einer Vorerkrankung steht, der letztlich durch das Virus stirbt.

Eine Gruppe von Erasmus-Studenten hat sich in einem großen Kreis auf die Wiese gesetzt. Spanierinnen, ein Franzose, ein US-Amerikaner, etwa ein Dutzend Leute. Sie haben Wein dabei und unterhalten sich in einem Sprachenmischmasch. Die Polizei habe sie angesprochen, weil sie als große Gruppe zusammenhockten, erzählt eine Spanierin. "Also haben wir einen großen Kreis gebildet, immer anderthalb Meter Abstand". Das sei ja auch sinnvoll, bevor es so weit komme wie in ihrer Heimat. Dort ist das Gesundheitssystem bereits überlastet, seit Tagen gilt eine Ausgangssperre. Das kann in Deutschland vermieden werden, wenn alle freiwillig Kontakt mit anderen Menschen vermeiden. Ob das wirkt, wird die Entwicklung der Infektionskurve in den kommenden Tagen zeigen.

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Am Montag hatte Ministerpräsident Markus Söder Versammlungen im öffentlichen Raum verboten und die Schließung von Theatern, Kinos, Bars und Bordellen angeordnet. Seit Dienstag ist die Allgemeinverfügung in Kraft. Seit Mittwoch müssen auch Geschäfte schließen, die keine lebensnotwendigen Waren verkaufen.

Damit kein Zweifel daran aufkommt, dass die Regel ernst gemeint ist, hat die Münchner Polizei noch am Dienstag mit Kontrollen begonnen. Von 18 Uhr an bis Mittwochfrüh um 6 kontrollierten die Beamten insgesamt 712 Gewerbeeinrichtungen und Restaurants, teilte das Polizeipräsidium am Mittwoch mit. Demnach hielten sich die meisten Betreiber an die Vorgaben: Von allen kontrollierten Betrieben waren 663 geschlossen. 49 waren geöffnet, allerdings habe man die Mehrheit der Betreiber durch ein Gespräch davon überzeugen können, ihren Laden zu schließen, hieß es. Lediglich einer sei so uneinsichtig gewesen, dass die Beamten schließlich eine Anzeige stellten. Das Infektionsschutzgesetz hat eigene Strafnormen. Sie reichen von Geldstrafen bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe.

Ein für den Abend geplanter Kontrollgang im Bahnhofsviertel musste verschoben werden, die Einsatzkräfte wurden kurzfristig anderswo gebraucht: In Perlach hätten Jugendliche in einem Skatepark eine Party gestartet. Da die Überredungsversuche einer Streife ins Leere liefen, rief sie Verstärkung.

© SZ vom 19.03.2020/kaal
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