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Corona-Krise in München:Das Leben der Obdachlosen wird zunehmend bedrohlich

Corona-Krise in München: Obdachlose warten vergeblich auf Spenden

Auch ohne Corona-Krise war es schon nicht leicht, jetzt warten Bedürftige umsonst auf Spenden. Im Tal, wo dieser Mann mit seinem Hund sitzt, kommt fast niemand mehr vorbei.

(Foto: Robert Haas)

Essensausgaben schließen, niemand spendet mehr: Die Corona-Krise trifft die Bedürftigen hart. Die Stadt arbeitet an einem Konzept, auch viele Freiwillige wollen helfen, so lange es geht.

Zwei Männer haben sich schlafen gelegt im Schatten der Heiliggeistkirche. Zerfurchte Gesichter, sie sind gezeichnet vom Leben auf der Straße. Einer der beiden hat einen goldenen Schokoladenosterhasen geschenkt bekommen. Der steht nun vor der Mütze, in die Passanten Kleingeld werfen könnten. Doch im Tal gibt es kaum noch Menschen, die spenden könnten, niemanden, der eine Pfandflasche abstellt, mit der sich Obdachlose ein paar Cent aus dem nahegelegenen Supermarkt holen könnten. Vier Männer sitzen auf einer Bank und reden leise. Einer sagt: "Ich pfeif auf das Geld, und das mit dem Corona ist doch eh ein Schmarrn." Die Männer nehmen einen Schluck aus der billigen Rumflasche, lassen sie kreisen. Sonst haben sie ja nichts mehr, bis auf die Gemeinschaft - und das in Zeiten der Pandemie.

Das Leben der Obdachlosen in München wird zunehmend bedrohlich. Touristen sind kaum noch in der Stadt, die Geld spenden könnten. Jetzt hat auch noch die Obdachlosenhilfe St. Bonifaz in der Karlstraße das Hilfsangebot drastisch herunterfahren müssen. Bislang gab es hier im Haneberghaus täglich für etwa 250 Menschen warmes Essen, es gab dort Kleider, die sich die Menschen ohne Wohnsitz aussuchen konnten und, was besonders wichtig ist, sie konnten hier duschen.

Das ist nun vorbei, aus Sicherheitsgründen. Die Verhältnisse sind zu beengt. "Wir haben alles eingestellt bis auf die Care-Pakete", sagt Frater Emmanuel Rotter, der die Obdachlosenhilfe seit drei Jahrzehnten leitet. Es sei das erste Mal, seit er das Angebot geschaffen hat, dass Obdachlose nicht mehr versorgt werden. "Aber wir müssen unsere eigenen Leute und die Menschen schützen", sagt Rotter und sagt zwischen zwei Hustern: "Das ist ein Wahnsinn."

Am Freitag bekamen die Hilfsbedürftigen dort von zehn bis elf Uhr ein kleines Essenspaket mit auf den Weg, auch eine kleine Hilfsorganisation verteilte für die Menschen, die danach nichts mehr abbekamen, Waren für den täglichen Bedarf. Dann mussten die Frauen und Männer weiterziehen in die fast menschenleere Stadt. Am Freitagabend machte sich wieder der Teebus der Organisation "Möwe Jonathan" auf, um Obdachlose am Roßmarkt, am Isartor und der Hauptfeuerwache nahe dem Sendlinger Tor mit Getränken und Essen zu versorgen. "Wir geben aber jetzt keinen offenen Eintopf mehr aus", sagt Annegret Gehrke von den Schwestern und Brüdern vom heiligen Benedikt Labre, einem Verein, der für den Teebus verantwortlich ist. "So lange es möglich ist, müssen wir auch etwas tun", sagt sie. "Es kann ja nicht sein, dass die Obdachlosen in so einer Situation einfach vergessen werden."

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Tatsächlich arbeitet auch das Sozialreferat seit etwa einer Woche "fieberhaft" daran, ein Konzept für besonders gefährdete Gruppen wie Obdachlose und Geflüchtete zu erstellen, wie eine Sprecherin des Referats erklärt. Gerhard Mayer, Leiter des Amts für Wohnen und Migration, versprach am Freitag im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, dass die kostenlosen Übernachtungsmöglichkeiten im sogenannten Kälteschutz in der Bayernkaserne trotz der Corona-Krise nicht nur aufrechterhalten werden sollen, sondern sogar ausgebaut werden. "Der Kälteschutz wird ein 24-Stunden-Betrieb", sagt Mayer. Bislang müssen die Obdachlosen, von denen nach Schätzungen von Sozialexperten etwa eintausend in München leben, jeden Morgen spätestens um neun Uhr die Schlafmöglichkeit verlassen und können frühestens um 17 Uhr zurückkehren. Voraussichtlich von Montag an soll es auch Mahlzeiten in der ehemaligen Kaserne im Münchner Norden geben.

Allerdings befürchtet Wohnungsamtschef Mayer, dass es dort früher oder später erste Corona-Fälle geben wird. "Wir rechnen damit, dass wir dann einen oder zwei Flügel unter Quarantäne stellen müssen", so Mayer. Der Kälteschutz ist in verschiedene Abschnitte für Männer, Frauen und Familien unterteilt. Vor allem wohnungslose Familien könnten von kommender Woche an in ein großes Schwabinger Hostel mit insgesamt 630 Betten verlegt werden, das laut Mayer derzeit leer steht. Am Freitag sei Oberbürgermeister Dieter Reiter ein entsprechendes Papier zur Unterzeichnung vorgelegt worden, um die Immobilie belegen zu können.

Unterdessen arbeiten einige Gastronomen daran, nach den Zwangsschließungen wegen der Ausgangssperre Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Profitiert hat mit Sicherheit die "Münchner Tafel". Allein das Hofbräuhaus spendete 2,4 Tonnen Lebensmittel an die Hilfsorganisation. Das berühmte Wirtshaus bereitet täglich mit einer eigenen Metzgerei, Bäckerei und Konditorei praktisch alle Gerichte im Haus selbst zu, sogar das Mehl kommt von der Hofbräuhaus-Kunstmühle ums Eck. Fast alle Zutaten kommen von Bauern aus dem Umland.

"Nachdem wir unsere frischen Waren nun nicht im Wirtshaus servieren können", sagen die Wirte Wolfgang und Michael Sperger, "geben wir sie gerne weiter und tun Münchnern was Gutes." Bier gab's freilich nicht für die Tafel, das bleibt in den Lagertanks. Dafür aber jede Menge Schweinsbraten, Spanferkel, Weißwürste, Millirahmstrudel und Kartoffelsalat sowie andere bayerische Spezialitäten.

Eine eigene Speisenausgabe für Bedürftige hatte auch Marc Uebelherr mit seinen Partnern geplant. Der Münchner Großgastronom, der unter anderem die Restaurantkette "Oh Julia!", das "Gast" im Gasteig, das "Oskar Maria" im Literaturhaus und das "Koi" am Wittelsbacherplatz betreibt, wollte die leer stehenden Küchen eigentlich nutzen, um Hilfsbedürftige zu bekochen und mit warmen Gerichten zu versorgen, zum Beispiel auch mit Unterstützung durch einen Lieferdienst. Daraus wurde dann aber nichts. "Unsere Idee klappt nicht", teilte er am Freitag mit. Durch die neue Totalschließung der Lokale ließe sie sich nicht mehr sinnvoll umsetzen.

© SZ vom 21.03.2020/infu

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