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Corona-Krise:Eine Frage des Abstands

Virologin Ulrike Protzer

Virologin Ulrike Protzer rät zu Frischluft und viel Abstand.

(Foto: privat)

Obwohl die Beschränkungen immer weiter gelockert werden, geht die Zahl der Neuinfektionen zurück - allerdings nicht überall. In Flüchtlingsunterkünften und Pflegeheimen nehmen die Fälle überdurchschnittlich zu.

Von Ekaterina Kel und Thomas Anlauf

Während die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen in München sich im kleinen zweistelligen Bereich hält und seit Wochen sogar eher fällt, geraten einzelne sogenannte Hotspots immer mehr ins Blickfeld. Vor allem in Gemeinschaftsunterkünften und Heimen steigen die Fallzahlen überdurchschnittlich. So sind mittlerweile 319 von etwa 10 000 Menschen in Münchner Flüchtlingsunterkünften angesteckt worden. Zwei Menschen starben, darunter ein 35-jähriger Mann, der in einer staatlichen Einrichtung an der Aschauer Straße gelebt hatte. Vor wenigen Tagen erkrankten dort nach SZ-Informationen wiederum mehrere Asylbewerber an dem Virus.

Auch Obdachlose, die in Unterkünften leben, sind von der Pandemie stark betroffen. Nach Angaben des Referats für Gesundheit und Umwelt sind in den Einrichtungen 23 Fälle bekannt. In Münchner Pflegeheimen ist die Situation noch dramatischer: Dort sind bislang 73 Menschen an den Folgen des Virus gestorben, 25 sind laut Gesundheitsreferat akut krank.

Virologen sind sich einig, dass das Virus sich gerade dort ausbreitet, wo viele Menschen aufeinandertreffen. "Das Risiko, sich anzustecken, ist vor allem in geschlossenen Räumen ohne Luftzug hoch, wo viele Menschen eng zusammen sind", sagt Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München und Leiterin des Instituts für Virologie der Technischen Universität. Protzer führt als Beispiele Schlachthäuser an oder auch Kirchen. "Wenn man nicht weiß, dass man das Virus in sich trägt, aber schon ansteckend ist, und dann laut spricht, bei Anstrengung schwer atmet oder singt", werde es riskant, so die Virologin. Es gelte also besonders in geschlossenen Räumen auf Hygienemaßnahmen zu achten.

Ein Hinweis, der gerade in Flüchtlingsheimen nicht so einfach umsetzbar ist. Die Bewohner teilen sich oft Zimmer, leben nah zusammen. Wie soll man da eine Ausbreitung des Coronavirus verhindern? "Es ist schwierig, dafür pauschal Lösungsvorschläge zu nennen. Man muss sich das vor Ort anschauen, um möglichst passgenaue Maßnahmen vorzuschlagen", sagt Protzer.

"Wir haben in den größeren Einrichtungen für Geflüchtete leider die Situation, dass durch die Gemeinschaftsküchen und Gemeinschaftsbäder ein größeres Risiko einer Infektion besteht", sagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy am Donnerstag der SZ. Die Stadt hat mittlerweile mehrere separate Unterbringungsmöglichkeiten im Quarantänefall geschaffen. Ziel sei es, "die Infektionszahlen so niedrig wie möglich zu halten und ihnen gleichzeitig eine möglichst gute Unterbringungssituation zu bieten". Andrea Betz, Sprecherin der Münchner Wohlfahrtsverbände, begrüßt die Erweiterung der Kapazitäten, auch wenn sie spät kämen: "Uns war schon gleich zu Beginn der Coronazeit klar, dass die Menschen in den Unterkünften einem sehr hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind."

Dorothee Schiwy, 2019

Sozialreferentin Dorothee Schiwy weiß: Für Flüchtlinge ist Abstand kaum möglich.

(Foto: Florian Peljak)

Insgesamt geht die Zahl der Neuinfektionen in München seit einiger Zeit zurück. Bereits Mitte April haben viele zum ersten Mal aufgeatmet. Die Zahl derer, die innerhalb von 24 Stunden einen positiven Sars-CoV-2 Befund bekommen hatten, sank nach Ostern kontinuierlich weiter. Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs sprach damals von einem "großen Erfolg". Seitdem gehen die Zahlen weiter zurück. Waren es am Dienstag nach Ostern, am 14. April, noch 102 neue Fälle, meldet die Stadt an diesem Donnerstag elf Neuinfektionen. Am vergangenen Dienstag war es sogar nur ein einziger Fall. Trotz Lockerungen. Und obwohl viele, inklusive der Gesundheitsreferentin, vor der zweiten Welle warnen. Wie kann das sein, dass die Regierung seit Wochen immer mehr erlaubt, sich Menschen immer öfter in größeren Gruppen etwa an der Isar treffen, sich das Leben also nach und nach wieder zu normalisieren scheint und die Zahlen derzeit trotzdem weiter sinken?

Dafür gebe es viele Gründe, sagt Camilla Rothe, stellvertretende Leiterin der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am LMU-Klinikum. Das ganz banale Händewaschen, das Benutzen von Desinfektionsmittel und Mund-Nasen-Schutz spielten laut Rothe eine wesentliche Rolle bei der Eindämmung. Die meisten hätten schnell dazugelernt und ihr Verhalten geändert, sagt Rothe. "Trotz Lockerungen ist unser Leben natürlich ganz anders geworden." Man habe sich an die Auflagen gewöhnt, in der Sorge, sich anzustecken und halte sogar freiwillig Abstand, wo es gar nicht unbedingt von uns verlangt werde.

Dass sich die Zahl der Neuinfektionen in einer Metropole wie München so erfolgreich eindämmen ließ, liege auch daran, dass man überall dort, wo viele Menschen in geschlossenen Räumen aufeinandertreffen, beim Einkaufen oder in der U-Bahn, eine Maske verpflichtend ist. Viele überlegten es sich zweimal, ob sie in ein Restaurant oder zum Shoppen gehen wollten, die Läden seien "noch lange nicht so voll, wie vor der Corona-Zeit". Von den vielen jungen Menschen an der Isar weiß Rothe natürlich auch, aber man dürfe nicht vergessen, dass das nur "ein bestimmtes Segment der Bevölkerung" sei, der weitaus größere Teil bleibe weiterhin sehr vorsichtig.

Schlecht durchlüftete Wohnungen oder Heime sind laut Rothe besonders zu meiden. Ein Aspekt, den Virologin Protzer ebenfalls betont. Sie rät, wann immer es möglich ist, zu lüften. "Ein Luftzug verwirbelt die Aerosole, sodass die Virusmenge rasch sinkt", sagt die Professorin. Und dadurch, dass die Tage im Moment viel länger sind und die Menschen sich öfter draußen aufhalten, könne man auf die Wirkung von UV-Licht setzen, das das Virus schädige und so ungefährlich mache.

Oliver Keppler, Leiter der Virologie am Max-von-Pettenkofer-Institut der LMU, ist überzeugt, dass die Deutschen und eigentlich beinahe alle auf der Nordhalbkugel gerade den sogenannten Sommereffekt erleben. "Auch die uns schon bekannten und banalen Coronaviren kommen im Herbst und gehen im Frühjahr", so Keppler. Ein Blick auf die Südhalbkugel, wo gerade die kalte Jahreszeit anfängt, würde genügen, um diesen Effekt zu sehen. In Brasilien etwa breitet sich das Virus rasanter aus, weil es kälter wird und die Menschen mehr Zeit drinnen verbringen. "Für mich ist das überhaupt keine Überraschung", so Keppler. "Wir dürfen uns aber auch nicht in falscher Sicherheit wiegen. Die Lage wird sich im Herbst wieder ändern", schätzt er.

© SZ vom 05.06.2020/syn
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