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Medizin:Vom Hörsaal in die Intensivstation

München: Neues OP-Zentrum Nord, Klinikum rechts der Isar

Manche Studenten helfen den Pflegekräften auf der Intensivstation, andere werden bei Telefonhotlines oder beim Blutspendedienst eingesetzt.

(Foto: Stefanie Preuin)
  • Wegen der Corona-Krise melden sich Hunderte Studierende der Medizin freiwillig, um die Kliniken an verschiedenen Stellen zu unterstützen.
  • Manche von ihnen haben nun erstmals Kontakt mit schwer erkrankten Patienten, die Belastung ist groß.
  • Die Situation in den Kliniken ist derweil überschaubar, die Krankenhäuser seien vorbereitet, heißt es.

Die Bereitschaft der Medizinstudierenden bei der Bewältigung der Corona-Krise zu helfen, ist überwältigend groß - deutschlandweit und auch in München. In eindrücklichen Appellen hatten die beiden großen Universitäten der Stadt die Studenten aufgefordert, sich zu melden. Martin Fischer, Studiendekan der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), bat vor 14 Tagen in einem Schreiben auf der Webseite des LMU-Klinikums die Studierenden, sich "freiwillig und unverzüglich" einzubringen.

Besonders diejenigen seien gefragt, die das erste Staatsexamen erfolgreich absolviert haben und bereits eine Berufsausbildung als Krankenpfleger, Notfall- beziehungsweise Rettungssanitäter oder Medizinisch-Technischer-Assistent in der Tasche haben.

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Bis Donnerstagmorgen hatten mehr als 350 Medizinstudierende aller Semester auf den Aufruf der LMU reagiert. 137 wurden umgehend eingebunden. Andere warten noch auf ihren Vertrag, sind aber einsatzbereit. Die Hilfsbereitschaft sei enorm, sagt Maryam Schübel, Sprecherin der Fachschaft. Sie wisse noch von viel mehr Kommilitonen, die derzeit helfen möchten. Manche aber wüssten nicht so recht, wohin sie sich wenden sollten. Auch bei ihr gingen ständig Mails und Anrufe ein.

Das große Engagement macht an Stadtgrenzen nicht halt. Auch Münchner, die in Österreich oder Ungarn studieren und nun hier festhängen, wollen die Zeit sinnvoll nutzen und melden sich. Und ausländische Studierende gehen nicht in ihre Heimatländer zurück, weil sie sich mit ihrer Uni verbunden fühlen. In der Facebook-Gruppe "Medizinstudierende vs. Covid-19" haben sich fast 20 000 angehende Mediziner in ganz Deutschland organisiert. Dort gibt man sich Hinweise, was man wo tun könnte. Auch die Webseite www.match4healthcare.eu hilft neu bei der Vermittlung. Nicht jeder will oder muss Krankenhausdienst machen. Unterstützung bei den Telefonhotlines oder an der Klinikpforte ist ebenso gefragt. Die LMU setzt ihre Studenten unter anderem im Haunerschen Kinderspital, in der Frauenklinik und auch in der Zentralen Notaufnahme ein.

Im Klinikum Rechts der Isar, an dem die Studenten der Technischen Universität (TU) ausgebildet werden, nutzt man derzeit Hilfe für den Aufbau einer Datenbank für alle Medizinstudierenden, die aktiv werden wollen. Hier gingen innerhalb kurzer Zeit die ersten 365 Bewerbungen ein. Schon die Erfassung dieser Bewerber und der Einstellungsprozess binde viel Arbeitskraft, sagt Silke Großmann, Pflegedirektorin am Klinikum.

Bewerbungsgespräche fänden nur am Telefon statt. Schnell und pragmatisch müsse geklärt werden, wen man wo am besten brauchen könne. Für manche Studenten passt ein Praktikum, das ihnen für das Studium anerkannt wird. Andere fangen als Werkstudenten an. Allerdings sind ihnen nur knapp 20 Stunden pro Woche erlaubt. Alles, was darüber hinaus ginge, müsste anders, für die Studierenden ungünstig versteuert werden. Sie wären dann sozialversicherungspflichtig.

Das Credo der TU: "Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen"

Noch sei die Lage überschaubar, sagt Großmann, die das Klinikum gut vorbereitet sieht. Im Moment legt man dort, wie anderswo auch, Stationen zusammen, um Platz für Corona-Patienten zu schaffen. So werde auch Personal frei. In der momentanen Lage könne man jeden gut einarbeiten, sagt sie. Auch die Studenten.

"Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen", mit diesem Credo hat die TU ihre Studierenden angespornt. Pauline Pfeiffer ist eine von ihnen. Am Donnerstag hat sie ihren Vertrag unterschrieben. Sie ist im zehnten Semester und wird diesen Freitag um 6.15 Uhr auf einer der Corona-Intensivstationen anfangen. Die Kollegen dort hat sie schon kennengelernt. "Ich habe mich sehr willkommen gefühlt", sagt die 23-Jährige. Sie soll vor allem den Pflegekräften zur Seite stehen und etwa beim Waschen und Lagern der Patienten helfen.

Lucia Hoenen hat bereits ihre ersten Tage mit schwer kranken Corona-Infizierten hinter sich. Sie erzählt am Telefon von ihren Erfahrungen. "Es ist alles neu und deshalb anstrengend", sagt sie. "Ich weiß nach zehn Semestern Studium theoretisch einiges, muss aber noch so viel mehr lernen." Sie gehe mit großem Respekt für das Leben und die Medizin an ihre Aufgabe. Auch sie hat schon mehrere Praktika hinter sich.

Doch noch nie zuvor musste sie unter so strengen hygienischen Vorgaben arbeiten. Ungewohnt für sie ist zum Beispiel, zwei Paar Schutzhandschuhe übereinander zu ziehen, so dass das Bündchen des Kittels dazwischen liegt. Weil es in den Krankenzimmern für die Patienten angenehm warm sein soll, schwitze man ziemlich schnell unter den Schutzkitteln aus Kunststoff, erzählt Hoenen. Obwohl sie sich gut geschützt fühlt, ist ihr bewusst, dass von ihr ein Infektionsrisiko ausgehen kann. Ihr Leben wird sich nun über Monate hinweg nur zwischen Klinik und Zuhause abspielen.

© SZ vom 27.03.2020/lfr
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