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Corona-Krise:Wo sich in München nun Masken kaufen lassen

Sezai Polat in seinem Gardinenladen in Pasing.

Sezai Polat in seinem Gardinenladen in Pasing.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Eigentlich schneidert Sezai Polat Gardinen, doch nun hat er umgestellt auf Masken. Die sind heiß begehrt. Immer mehr kleine Läden in der Stadt reagieren mit Handarbeit auf die Krise.

Das weiße Headset im Ohr nimmt Sezai Polat lieber gar nicht mehr ab. Erst sein Handy, dann sein Festnetztelefon, ständig klingelt es bei dem 55-Jährigen, oder es klopft jemand an die Tür. Sie alle wollen Masken. Und Polat, der seit 24 Jahren zusammen mit seiner Frau ein Geschäft in Pasing führt, gibt sie ihnen. Für zehn Euro das Stück. Eigentlich nähen und verkaufen sie hier bei Polat Heimtextil an der Landsberger Straße vor allem Gardinen. Im Laden liegen auf 600 Quadratmeter Stoffbahnen, Tüll, Viskose, Jacquard, in Hunderten von Farben. Die meisten dieser Stoffe müssen liegen bleiben. Das Licht im Laden ist ausgeschaltet - "Stromkosten sparen", sagt Polat -, der Hausherr darf seinen Laden erst am kommenden Montag wieder aufmachen. Nun aber hat er sich entschlossen, den Kontakt zu seinen Kunden nicht zu verlieren und einen Zettel an die Tür geklebt: "Ab sofort verkaufen wir auch Mundschutz!" Seitdem bimmelt es ständig in seinem Ohr.

Der Mundschutz ist zum Must-have geworden. Wer noch keinen hat, versucht entweder, einen selbst zu nähen, oder durch Nachbarn oder Freunde an einen zu kommen. Immer mehr kleine Läden um die Ecke bieten selbstgenähten Mund-Nasen-Schutz an. Immer sind die Modelle etwas anders, man sieht Menschen mit raffinierten Schnürtechniken am Hinterkopf oder mit bunten Mustern im Gesicht genauso wie mit katastrophal sitzenden Billigprodukten aus Wegwerfmaterial. Das Internet ist seit Wochen voll mit Anleitungen und Tipps, wie man sich in Windeseile eine Maske basteln kann, ganz ohne nähen.

Ab kommenden Montag wird der Trend zur Pflicht. Wer einkaufen gehen oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren will, muss sich dann ein Stück Stoff vor Nase und Mund machen. Notfalls gehe auch ein Schal, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Doch wer will schon einen langweiligen Schal in seinem Gesicht tragen, wenn es für diese so wichtigen Alltagsaktivitäten neuerdings eine spezielle Ausrüstung gibt? Polat zum Beispiel bietet seinen Kunden vier Farben an: Gelb, Rot, Blau und Grau, immer mit Weiß kariert. Aber die Auswahl ist enorm. Auf muenchenhaeltzamm.de hat die Stadt eine Übersicht erstellt, welche Läden selbstgemachte Masken verkaufen. Um die 50 Einträge finden sich dort.

Viele steigen frisch ins Textilgeschäft ein. Zum Beispiel bietet auch der Blumenfachhandel Dosch eine sogenannte Community-Maske für 12,50 Euro das Stück an. Eine Münchnerin, die sich normalerweise auf Wiesnhakerl als Dekoration für den Masskrug spezialisiert hat, bietet nun auch Masken auf ihrem Onlineportal an, für 19 Euro das Stück. Auch bei Daller Tracht hat man sich angesichts der Wiesn-Absage umorientiert und bietet Behelfsmasken im Dreierpack für rund 35 Euro. Alternativ bietet auch das Angebot "München bringt's" der Süddeutschen Zeitung eine Übersicht mit weiteren Läden und Werkstätten, die Masken verkaufen.

Die von Politikern geforderte "Kriegswirtschaft" ist auf diese wildwuchsige Weise längst zur Realität geworden. Jeder fertigt einfach irgendein Produkt nach Gusto an, bestimmt den Preis Pi mal Daumen plus Aufschlag und bietet das Produkt im Internet feil. Keine Auflagen, keine Standards, dafür eine Nachfrage, die kaum gesättigt werden kann.

Jetzt sollte man allerdings unbedingt Vorsicht walten lassen. Die selbstgemachten Masken heißen nicht ohne Grund "Community-Masken" oder "Behelfsmasken", aus medizinischer Sicht ist ihr Nutzen zumindest fraglich. Der übliche Baumwollstoff ist sehr durchlässig und kann keineswegs Partikel mit Viren filtern. Sich selbst schützt man damit kaum, das darf man nicht vergessen. Um die Maske auf- oder abzusetzen, muss man sich außerdem im Gesicht herumfummeln - ein weiteres Ansteckungsrisiko. Wohl eher sendet man damit ein Zeichen an die Außenwelt, dass sich alle anderen vor der eigenen Spucke sicher fühlen können. "Ein bisschen hilft das sicher", sagt Sezai Polat. Das denkt sich auch die Politik. Ab Montag gilt die Maskenpflicht bundesweit, wie diesen Mittwoch bekannt geworden ist. Das Geschäft mit der Maske wird sicher auch nach Ladenöffnungen weiter gedeihen.

In Polats Werkstatt im Keller sitzt eine Näherin, die immer wieder zwei Rechtecke aus Baumwolle mit vier eingebügelten Falten zusammennäht, an jeder Seite ein weißes Gummiband für die Ohren dran, fertig. Das sehe einfacher aus, als es ist, sagt Polat. Er zeigt seinen Daumen, an dem sich von der Stoffschere schon eine Schwiele gebildet hat. Seit zwei Tagen schneiden er, seine Frau und seine Tochter die Rechtecke zurecht, falten und bügeln sie, dazu schneiden sie noch das Gummiband auf die nötige Länge. "Das ist 100 Prozent Handarbeit."

© SZ vom 23.04.2020/syn

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