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Innenleben:Dabeisein und mitmachen

Althergebrachte Weisheiten wie „my home is my castle“ haben in diesen Tagen einen seltsamen Beigeschmack. „Innenleben“ heißt die Ausstellung im Haus der Kunst, bei der auch Henrike Naumanns Rauminstallation „Ruinenwert“ zu sehen ist.

(Foto: Connolly Weber Photography)

Das Haus der Kunst hat ein kreativ gestaltetes Online-Angebot. So lädt das Haus etwa auf einem neuen Blog ein zu Einblicken hinter die Kulissen.

Von Evelyn Vogel

Keine eigene Sammlung zu haben, kann mitunter auch Vorteile mit sich bringen. Während die Museen sich seit Jahren damit mühen, ihre Bestände zu digitalisieren, können sich Ausstellungshallen darauf konzentrieren, ihre jeweils aktuellen Präsentationen zu dokumentieren, die Begleitprogramme digital aufzubereiten und alle Social-Media-Kanäle zu bespielen. Die fehlende Sammlung mag also beim Haus der Kunst ein Grund sein, warum man ein so umfangreiches digitales Angebot machen kann. Dass dieses aber schon seit Jahren umfassend und sehr kreativ gestaltet wird, davon profitiert die Ausstellungshalle am Englischen Garten in diesen Zeiten ganz besonders.

Schon die Eröffnungsseite ist hier vorbildlich. Nach dem Motto: "Es gibt so viel mehr Geschichten zu erzählen, als auf den ersten Blick in unseren Ausstellungsräumen zu finden sind", lädt das Haus auf einem neuen Blog ein zu Einblicken hinter die Kulissen, zu Infos zu den Ausstellungen, den Künstlerinnen und Künstlern sowie der Arbeit rund um die Ausstellungshalle. Da gibt es beispielsweise Bilder und Hintergründe zur Ausstellung "Shifting Perspective" von Franz Erhard Walther.

Wer vor der Corona-bedingten Schließung des Hauses der Kunst keine Gelegenheit hatte, die Ausstellung "Innenleben" zu besuchen, kann es hier zumindest virtuell nachholen. Und nebenbei über physische wie psychische Innenräume philosophieren. In diesen Tagen ein mehr als naheliegendes Thema. Kuratorin Anna Schneider macht sich in Zusammenhang mit der "Innenleben"-Ausstellung Gedanken über Kosmopolitismus in der heutigen Gesellschaft. Dimona Stöckle hat den künstlerischen Produktionsprozess von Leonor Antunes begleitet, die anlässlich der Ausstellung und in Kooperation mit der Porzellan Manufaktur Nymphenburg eine Edition für das Haus der Kunst entwickelt hat.

Im Youtube-Kanal sind viele erläuternde Videos der Kuratoren mit visuellen Streifzügen durch die aktuellen, aber auch vergangenen Ausstellungen zu sehen. Künstlergespräche und Vorträge auf Symposien kann man dort - mitunter auch in epischer Länge - ebenso noch einmal ansehen wie Performances und Konzerte erleben.

Interaktiv ist die Instagram-Aktion zur Ausstellung "Innenleben". Die Frage: "Was sagt der Innenraum heute über unseren eigenen Seelenzustand, aber auch über unser Verhältnis zum Außen aus?" haben sich nicht nur die Macher der Ausstellung gestellt, sie haben sie auch der Öffentlichkeit gestellt und die Menschen gebeten, Fotos der eigenen Wohnung auf Instagram zu posten. Herrlich, was es dabei so alles zu entdecken gibt. Noch bis zum 29. März kann jeder auf Instagram, Twitter und Facebook mitmachen. Erste Eindrücke der #Interiorities-Aktion sind auch im gleichnamigen Blog-Eintrag auf der Website des Hauses der Kunst zu sehen.

Und schließlich gibt es auch noch etwas zum Anhören: Der Künstler Theaster Gates hat im Rahmen seiner Installation "Black Chapel" in der Mittelhalle des Hauses der Kunst die Schallplattensammlung des Sportlers Jesse Owens im Archivraum zugänglich gemacht, und DJ Jay Scarlett hat eine wunderbare Playlist zusammengestellt, die von Esther Phillips bis Billie Holiday reicht (nur schade, dass die Titel nur an- und nicht vollständig ausgespielt werden). Doch für alle Besucher, die bisher regelmäßig zu den Listening-Sessions ins Haus der Kunst pilgerten, sind es wenigstens kleine musikalische Happen, mit denen es sich ganz wunderbar in die Vergangenheit zurückträumen lässt, als Amerika noch eine aufregende und vielversprechende Verheißung war.

www.hausderkunst.de

© SZ vom 26.03.2020

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