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Virus-Bekämpfung:"Normalerweise geht es eher um Stunden, jetzt zieht es sich"

Münchens Oberster Feuerwehrmann und Krisenspezialist: Wolfgang Schäuble

Oberster Feuerwehrmann und Krisenspezialist: Wolfgang Schäuble koordiniert in München den Umgang mit der Corona-Pandemie.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Seit Beginn der Pandemie hat der städtische Corona-Stab 120 Mal getagt. Als dessen Leiter spielt Wolfgang Schäuble eine zentrale Rolle - für den 58-Jährigen ist der Notfallmodus eine Art Normalität.

Von Anna Hoben

Wolfgang Schäuble ist keiner, der stehen bleibt. Schnell am Eingang die Hände desinfiziert, dann eilt er die Treppe hoch. Im zweiten Stock der Hauptfeuerwache nahe dem Sendlinger Tor liegt sein Büro, er geht nun schnellen Schrittes den Linoleum-Flur entlang. Bevor er Zeit für ein Gespräch hat, muss er noch rasch ein paar Kollegen befördern - Urkunden übergeben, fertig. Es störe hoffentlich nicht, wenn er beim Reden umhergehe, sagt Schäuble. Er wird in der folgenden Stunde einige Runden durch sein Büro drehen. Vom Besprechungstisch zum Fenster, vom Fenster zum Schreibtisch. Wolfgang Schäuble, 58, ist Münchens oberster Feuerwehrmann - und seit der Corona-Pandemie zudem operativer Leiter des städtischen Krisenstabs. Beweglichkeit dürfte zur Jobbeschreibung gehören.

Zu Beginn der Pandemie war Oberbürgerbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf Schäuble zugekommen. Ob er sich vorstellen könne, den Krisenstab zu leiten? Während des Flüchtlingsherbsts 2015 hatten die beiden sich kennen und schätzen gelernt. Fragt man den OB, warum Schäuble der Richtige ist für den Job, sagt er, dass der schon berufsbedingt selbst in stressigsten Krisensituationen immer einen kühlen Kopf behalte. "Ich schätze seine unaufgeregte und besonnene Art." Schäuble konnte sich das jedenfalls sehr gut vorstellen. Am 2. März 2020 trat der Stab zum ersten Mal zusammen, mittlerweile hat er 120 Mal getagt. Der Kern besteht aus OB, Krisenstabschef Schäuble, den beiden Bürgermeisterinnen und den städtischen Referentinnen und Referenten, deren Bereiche am stärksten betroffen sind. Je nach Lage kommen weitere Teilnehmer hinzu, etwa der Geschäftsführer der München-Klinik. In dem Gremium werden die Themen diskutiert, die gerade wichtig sind, Entscheidungen trifft schließlich der OB.

Wie hat sich Schäubles Leben durch die neue Aufgabe verändert? Die "zeitliche Inanspruchnahme" habe sich schon verschärft, sagt er. Und der Schwerpunkt seiner Arbeit hat sich verschoben. "Eigentlich leite ich ja dieses Haus", die Berufsfeuerwehr, mit 2200 Mitarbeitern. Daneben aber gibt es jetzt "die Gleichmäßigkeit des Krisenstabs", der mittlerweile etwa jeden dritten Tag zusammenkommt, für zwei Stunden, "da ist es egal, ob Weihnachten ist oder Ostern, das läuft einfach durch". Anfangs tagte der Stab täglich. Diese erste Phase der Pandemie war auch die herausforderndste für Schäuble. Er musste ja als Mann von außen zunächst Vertrauen aufbauen, Akzeptanz erzeugen. Bei den anderen habe es erst einmal eine Skepsis gegeben, "eine Reserviertheit, ob das funktionieren kann". Nach acht, neun Wochen sei das vorbei gewesen, sagt Wolfgang Schäuble. Aber da musste er erst mal durch. Längst sei man gut zusammengewachsen. Auch wenn immer wieder mal kontrovers diskutiert werde, herrsche eine angenehme Atmosphäre.

Los geht es im Krisenstab immer mit seinem Lagevortrag zu den aktuellen Zahlen und Erkenntnissen. Als "mantramäßig" bezeichnet Schäuble das, "die nackten Fakten", die jüngsten Kabinettsbeschlüsse. So wie er sie seit geraumer Zeit auch in den Vollversammlungen des Stadtrats vorträgt. Die starten seit der Pandemie immer mit einer Schäuble-Viertelstunde. Der Krisenstabschef referiert dann sehr sachlich, sehr unaufgeregt, mit ganz leichtem alemannischen Zungenschlag: wie viele Menschen sich neu mit dem Virus infizieren, wie viele Intensivbetten belegt sind, wie viele Impfdosen schon verspritzt worden sind. Danach haben die Stadträtinnen und Stadträte Gelegenheit, Fragen zu stellen. Meist wird dann lange und leidenschaftlich diskutiert. Er verstehe sehr gut, dass der Stadtrat sich einbringen wolle, sagt Schäuble. Aber Krisen seien eben "Handlungsfelder der Exekutive".

Aufgewachsen ist Wolfgang Schäuble, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Präsidenten des Deutschen Bundestages, in Radolfzell am Bodensee. Als kleiner Junge wollte er Feuerwehrmann werden, wie viele kleine Jungen. "Bei mir hat sich das aber nicht verwachsen", sagt Schäuble und grinst - der Wunsch blieb. Nach dem Abitur ging er zum Studieren nach Karlsruhe, erst Maschinenbau, dann Bauingenieurwesen. Danach zog er nach München und begann ein Referendariat bei der Berufsfeuerwehr. Das analytische Denken hatte schon im Studium eine große Rolle gespielt, nun kam "die Mechanik des Krisenmanagements" dazu. Er wollte in Süddeutschland bleiben. Und wenn man wie er von der Größe des Systems begeistert sei und in einer bestimmten Liga wie in München mitspielen wolle, müsse man sich dorthin bewegen, sagt Schäuble. "Die Liga kommt nicht zu Ihnen." 2005 wurde er Leiter der Branddirektion.

Der Umgang mit Krisen ist für ihn Normalität. Es dauert keine fünf Minuten, bis Schäuble im Gespräch beim Krisenmanagement ankommt, da ist er in seinem Element. Es handle sich dabei um eine besondere Art, Dinge zu betrachten, eine andere Art zu denken und zu führen. Vor allem aber: "Man muss es einfach gelernt haben. Dann ist es am Ende egal, ob es um ein Eisenbahnunglück geht oder eine Pandemie." Ein entgleistes System wieder in eine Ordnung zu führen - darum gehe es. Das beinhalte ein ständiges Fokussieren und Priorisieren: Wo fängt man an, was setzt man auf Platz eins, zwei, drei, was lässt man liegen, weil es keine Ressourcen gibt? Dazu "die Felder herausschälen, die ertüchtigt werden müssen". Ein Beispiel, bitte? Dass man sich ab einem gewissen Punkt habe entscheiden müssen, die Kontaktnachverfolgung zu stärken.

Dass dabei vor allem der Mangel verwaltet werden muss, erst gab es zu wenig Masken, später zu wenig Impfstoff und zu wenige Tests, auch das ist für den Krisenspezialisten Schäuble "Standard". Bei einem großen Brand sei das nicht anders, auch da habe man erst einmal "zu wenig Leute und zu viele Aufgaben". Es geht dann darum: Wer ist am meisten gefährdet, wen rettet man zuerst? Der Unterschied sind die Zeitläufe: "Normalerweise geht es eher um Stunden. Jetzt zieht es sich." Als operativer Leiter trifft Schäuble keine Entscheidungen. Aber er versteht es als seine Aufgabe, Entscheidungen herbeizuführen. Dabei müsse man sich immer wieder neu anpassen: "In der ersten Welle gab es andere Probleme als in der zweiten oder dritten." Dass es auf höheren Ebenen häufig hakt bei Entscheidungen, dass es in vielem so langsam vorangeht, das ärgert ihn schon manchmal. Er wundert sich zum Beispiel darüber, wie leicht auf der einen Seite die Grundrechte eingeschränkt werden und wie kompliziert es auf der anderen Seite wird, wenn es um Datenschutz geht.

Bei aller Verantwortung, er versuche immer einen "humorvollen Abstand" zu bewahren, sagt Schäuble. "Das eigene Agieren nicht zu wichtig nehmen." Nächste Woche hat er ein paar Tage frei. In die Krisenstabssitzung wird er sich trotzdem schalten. "Sonst ist man ein bisschen erschossen von der vielen Freizeit." Normalerweise würde er zum Ausgleich Skifahren oder Segeln - geht jetzt alles nicht. Auch er hat das Spazierengehen entdeckt. Im ersten Lockdown durch die leere Innenstadt zu gehen, "das war ein tolles Gefühl". Er muss nun los zum Zahnarzt, kleine dentale Krise.

© SZ vom 27.03.2021/syn
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