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Telefonberatung:"Hilfe zu suchen ist keine Schwäche"

Einsamkeit und Angst vor Corona: Telefonseelsorger haben viel zu

Die Angst um das Coronavirus treibt viele Menschen um.

(Foto: dpa)

Die Mitarbeiterinnen von Anad, eigentlich ein Verein, der bei Essstörungen hilft, bieten in der Corona-Krise auch Beratung bei anderen Sorgen an.

Von Sabine Buchwald

Essen ist ein wesentlicher Teil des Alltags. Seitdem man nicht mehr so frei bewegen darf wie sonst und viel zu Hause sein muss, wohl sogar ein besonders wichtiger. Mit Gummibärchen oder Schokokeksen meinen manche womöglich, besser durch den Tag im Home-Office zu kommen. Essen aber kann zum Problem werden - in guten wie in Krisenzeiten. Vor allem Jugendliche sind gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln. Schätzungsweise jeder fünfte junge Mensch in Deutschland ist davon betroffen mit manchmal schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit. Der Verein Anad (Anad steht für Anorexia Nervosa and Associated Disorders) widmet sich seit mehr als drei Jahrzehnten jungen, aber auch älteren Menschen, für die Essen und alles, was damit zusammenhängt zum beherrschenden, krankmachenden Thema wird. Anad wurde 1984 als Selbsthilfegruppe von Barbara Schindler ins Leben gerufen. Ihr Sohn war an Bulimie erkrankt, und Therapeuten gab es damals noch nicht so viel.

Der Verein Anad lebt überwiegend von privaten Spendern und unterhält an zwei Orten in München therapeutische Wohngruppen für Betroffene. Ein Therapeutenteam bietet ein über die Jahre gewachsenes differenziertes Beratungsangebot: am Telefon und online, in Sprechstunden und auch als mobile Beratung zu Hause.

Liane Hammer, Kinder- und Jugendtherapeutin sowie Leiterin des "TheraTeams" bei Anad.

(Foto: Anad e.V.)

Wegen der Corona-Krise haben sich die Mitarbeiterinnen von Anad überlegt, kostenlose Hilfe am Telefon anzubieten. Hilfe, die auch über Essstörungen hinausgeht. Angesprochen fühlen sollen sich alle, die sich Sorgen um ihre Existenz machen, etwa weil sie zurzeit nicht arbeiten können, aber auch Abiturienten, die sich womöglich schwer motivieren können, für Prüfungen zu lernen. Oder Frauen, die in der Enge ihrer Wohnung Gewalt von ihrem Partner erfahren. "Wir denken, dass der Bedarf nach einem Gespräch derzeit sehr groß ist", sagt Susanne Kiemer, stellvertretende Geschäftsleitung von Anad. Und womöglich immer größer werde. Weil man gerade Kapazität frei habe, wolle man das Hilfsangebot nun erweitern.

Wer sich bei Anad meldet, wird auf Therapeutinnen treffen, die nun auch ans Haus gebunden, aber gerne am Telefon helfend zu Stelle sind. Kontakt aufnehmen sollen Interessierte zunächst mit einer E-Mail an beratung@anad.de. Die Schwierigkeiten werden in den kommenden Wochen zunehmen, erwartet Kiemer, und rät dringend: "Schnell ein Gespräch suchen und nicht warten, bis einen der Leidensdruck überwältigt." Wichtig sei in dieser ungewöhnlichen Lage, den Alltag so normal wie möglich zu leben und den Tagen eine Struktur zu geben. Wem das allein nicht so gut gelinge, mit dem werden die Therapeuten versuchen, Lösungen zu finden.

Keiner müsse Bedenken haben, zuzugeben, wie sehr die Krise auf der Seele laste, ergänzt Liane Hammer, die Leiterin des Therapeutischen Teams bei Anad. Die Kolleginnen - es sind größtenteils Frauen im Team - kennen sich zwar sehr gut im Bereich Essstörungen aus, die aber gehen ja auch mit Ängsten, Depressionen und dem Gefühl der gesellschaftlichen Isolation einher. "Hilfe zu suchen und anzunehmen, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke. Uns allen ist die Kontrolle über die Situation entglitten", sagt Hammer und betont, dass ein Gespräch anonym bleiben könne.

Wer eine "Störung von Krankheitswert" habe, dem vermittle man Stellen, die sich ausdrücklich damit befassen. Sich physisch distanzieren zu müssen, heißt nicht, sich auch sozial zu distanzieren, sagt Hammer. Anad beweist dies mit seinem Angebot.

© SZ vom 03.04.2020/vewo
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