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Kinderbetreuung während Corona:Alltag im Ausnahmezustand

Ina Roth mit ihren Kindern.

(Foto: Catherina Hess)

Was tun, wenn Kitas monatelang geschlossen bleiben müssen, aber beide Elternteile arbeiten? Vier Familien berichten, wie sie die Situation bewältigen - und was sie sich wünschen, sollte es einen zweiten Lockdown geben.

Von Jakob Wetzel

Drei Monate ist es her, dass die Kindertagesstätten wegen des Coronavirus schließen mussten. Familien leben seither in einer Ausnahmesituation - erst recht, wenn die Eltern nicht in einem als systemrelevant geltenden Beruf arbeiten, also keinen Anspruch auf Notbetreuung haben, aber trotzdem Vollzeit arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Vier Familien berichten über ihren Alltag.

Ina Roth: "Für uns hat der Kindergarten schon seit dem 1. März geschlossen. Wir waren in den Faschingsferien in Südtirol und mussten danach zwei Wochen lang in Quarantäne: ich, mein Mann und unsere zwei Töchter. Die jüngere ist viereinhalb Jahre alt, die ältere geht in die erste Klasse. Diese ersten Wochen haben wir im Notfallmodus durchgestanden, wir haben versucht, alles zu schaffen, haben uns um die Kinder gekümmert und nebenher telefoniert, die übrige Arbeit nachts erledigt und die Kinder notfalls auch alleine gelassen. Doch als diese zwei Wochen endlich zu Ende waren, kam die Nachricht, dass alle Schulen und Kitas schließen müssen.

In so einem Moment fühlt man sich hilflos und ist wütend, nicht auf die Politiker, aber auf die Situation. Wir haben dann ein Schichtsystem eingeführt: Einer durfte von sieben Uhr bis 13 Uhr arbeiten, der andere von 13 Uhr bis 19 Uhr. Wenn die Kinder schliefen, haben wir beide weitergearbeitet. Das hat geklappt, weil es klappen musste. Man beißt die Zähne zusammen, stellt die eigenen Bedürfnisse hintenan und fährt alles aufs Nötigste herunter. Dann gibt es halt oft nur Spaghetti mit Tomatensoße. Auch in der Arbeit muss man kürzertreten. Ich bin IT-Projektleiterin, mein Mann ist Software-Entwickler, wir arbeiten beide Vollzeit. Aber arbeiten mit Kindern geht nicht. Dann schafft man eben vielleicht nur ein Projekt statt sonst drei. Mein Arbeitgeber hat viel Verständnis, aber er hat auch seine Deadlines. Und die Kollegen sind natürlich nicht immer begeistert, wenn sie das auffangen müssen.

Nach knapp zwei Monaten konnte ich nicht mehr. Ich war zwei Wochen krank, danach habe ich Urlaub genommen. Jetzt geht es weiter im Schichtbetrieb. Unsere jüngere Tochter hat seit drei Monaten ihre Freunde nicht mehr gesehen. Ihre Schwester geht wieder in die Schule, aber nur jede zweite Woche, und jetzt kommen auch noch die Sommerferien. Unseren Jahresurlaub haben wir schon fast aufgebraucht. Ich überlege gerade, auf Teilzeit zurückzugehen, was mir Nachteile bringen wird beim Gehalt und bei der Rente, die hohe Miete muss auch bezahlt werden. Und gerade kam auch noch Nachricht vom Kindergarten. Wir sind in einer privaten Einrichtung, weil wir die längeren und flexibleren Öffnungszeiten dort brauchen, um überhaupt beide arbeiten zu können. Wir müssen jetzt die Betreuungsgebühren für die vergangenen Monate nachzahlen, auch wenn unsere Tochter daheim war.

Ich würde mir wünschen, dass auch die wissenschaftlichen Studien berücksichtigt werden, nach denen Kinder eben nicht so infektiös sind wie gedacht. Dass man als erste Reaktion auf einen Corona-Ausbruch nicht sofort ausgerechnet die Kitas und Schulen komplett schließt. Andere Länder gehen damit anders um. Und ich würde mir wünschen, dass nicht nur Alleinerziehende und Eltern in bestimmten Berufen Anspruch auf Notbetreuung erhalten, sondern auch Eltern, die beide Vollzeit arbeiten. Denn so wie es jetzt ist, geht es besonders zulasten der Frauen."

Jasmin Thatenhorst mit Tochter und Sohn.

(Foto: Stephan Rumpf)

Jasmin Thatenhorst: "Mein Sohn Valentin geht an diesem Montag zum ersten Mal seit März wieder zur Schule. Er geht in die zweite Klasse und hat jetzt jede zweite Woche Unterricht von 8.10 Uhr bis 10.40 Uhr. Das ist eigentlich ein Witz. Und weil wir keinen Anspruch auf Notbetreuung haben, ist er in den übrigen Wochen daheim. Seine jüngere Schwester Lola geht in den Kindergarten. Das heißt: Sie konnte da schon eine Woche, bevor alle Kitas geschlossen wurden, nicht mehr hin, weil es in diesem Kindergarten einen Corona-Verdachtsfall gab. Mittlerweile darf sie endlich wieder hingehen, weil sie ein Vorschulkind ist.

In den vergangenen Wochen habe vor allem ich die Kinder gehabt. Es ging nicht anders, mein Mann führt mehrere Gaststätten und konnte deshalb nicht zu Hause bleiben. Manchmal hat er eines der Kinder in die Arbeit mitgenommen, aber sonst waren sie hier. Ich bin Buchhalterin, das ist ein Beruf, dem man gut im Home-Office nachgehen kann. Jedenfalls wenn man keine Kinder hat. Damit ich arbeiten kann, habe ich am Ende unsere normalen Uhrzeiten geändert. Die Kinder durften später ins Bett und sind dafür später aufgestanden. Dadurch hatte ich frühmorgens Zeit. Ausgereicht hat das aber natürlich nicht. Die Kinder haben in der Corona-Zeit mehr ferngesehen, als ich es sonst zugelassen hätte. Sie haben aber auch zueinander gefunden und viele Wege entdeckt miteinander zu spielen, die sie sonst wohl eher nicht gefunden hätten.

Wir hatten verschiedene Phasen. Anfangs lief es noch okay. Bis dann die Kleine sauer wurde, weil keiner Zeit für sie hatte. Ich musste arbeiten, der Bruder Hausaufgaben machen, und sie lag auf dem Teppich herum und hatte nicht einmal mehr Lust zu malen, was sie sonst liebt. Manchmal waren die Kinder auch aggressiv. Wir hatten Glück, dass das Wetter gut war, sodass wir nachmittags draußen an der Luft sein konnten.

Was mir jetzt fehlt, ist ein Plan, wie es weitergeht, auch wenn es im September wieder mehr Infektionen geben sollte. Vielleicht kann man dann wenigstens kleinere Gruppen von Kindern betreuen. Nicht nur, um die Eltern zu entlasten, sondern auch um der Kinder willen."

Dominik Hagedorn mit Familie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Dominik Hagedorn: "Wir haben zwei Söhne, der jüngere ist ein Jahr alt, der ältere ist vier. Beide gehören jeweils zu den jüngsten in der Krippe und im Kindergarten - also zu denen, die immer noch nicht in die Kita dürfen. Besonders der ältere ist deshalb unglücklich. Erklären Sie mal einem Vierjährigen, was gerade passiert. Dass Leute krank werden und sich alle schützen müssen, das kann man ihm noch vermitteln. Aber wie erklären Sie, dass die Kinder nicht gleich behandelt werden? Dass seine Freunde wieder in den Kindergarten gehen dürfen, er aber nicht? Vormittags gibt es immer einen Morgenkreis per Videokonferenz, da sieht er die anderen Kinder sitzen, und er selber muss zu Hause bleiben. Wir sagen ihm dann: Du bist noch nicht alt genug. Aber das ist für ein Kind schwer zu verstehen.

Als die Kitas im März geschlossen wurden, haben wir angefangen, jeden Morgen einen Plan zu schreiben, um den Tag zu strukturieren wie im Kindergarten. Da stand dann zum Beispiel: Frühstück, freies Spiel, Malen mit Fingerfarben, Lesen im Vorschulbuch, Mittagessen. Meine Frau und ich haben uns abwechselnd um die Kinder gekümmert, einer vormittags, einer nachmittags. Die Arbeit haben wir nachts nachgeholt, und am nächsten Tag dasselbe. Das funktioniert eine Zeit lang, aber es geht an die Substanz. Deshalb haben wir zusätzlich Wochenpläne gemacht: eine Woche München, eine bei Verwandten in Stuttgart, dann wieder eine Woche München. Das hat geholfen, weil es uns mittelfristig eine Perspektive gegeben hat, an der wir uns entlanghangeln konnten.

Nach sechs oder sieben Wochen wollte der Arbeitgeber meiner Frau, dass seine Mitarbeiter ein Drittel der Arbeitszeit wieder im Büro arbeiten, nicht mehr im Home-Office. Daraufhin haben wir uns Hilfe geholt. Seit Mitte Mai kommt jetzt ein paar Mal in der Woche halbtags eine ehemalige Kindergärtnerin und nimmt die Kinder, sodass wir arbeiten können. Wir können uns das glücklicherweise leisten. Ich habe eine eigene Firma, meine Frau hat einen guten Arbeitsplatz, uns geht es vergleichsweise gut. Für andere Familien ist es schlimmer.

Sollte im September die zweite Welle kommen und die Kindertagesstätten erneut geschlossen werden, wünsche ich mir, dass alle Eltern unterstützt werden. Die Unterscheidung, wer einen systemrelevanten Beruf hat und wer nicht, ist nicht immer nachvollziehbar. Natürlich muss man überlegen, welche Berufe essenziell wichtig sind, zum Beispiel um Kranke zu versorgen. Aber darüber hinaus sollte es mehr Ausgleich geben. Vielleicht können sich die übrigen Eltern in einem Schichtsystem abwechseln. Man könnte sich auch nach den Bedürfnissen der Eltern richten oder danach, wie viele Kapazitäten die einzelnen Kindertagesstätten haben. Es sollte nicht mehr so pauschal sein wie jetzt. Das fühlt sich einfach nicht richtig an."

Nina Meckel mit Familie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nina Meckel: "Mein Mann ist Entwicklungsingenieur in der Autobranche, ich bin selbständig und führe eine Agentur mit neun Mitarbeitern. Wir arbeiten beide Vollzeit - und ich seit März eigentlich noch mehr. Meine Agentur macht unter anderem die Pressearbeit für eine Fachgesellschaft von Intensivmedizinern, und wegen des Coronavirus bekamen wir täglich 150 E-Mails von Journalisten und bis zu 100 Anrufe. Zugleich konnten meine Mitarbeiter weniger arbeiten, weil sie sich um ihre Kinder kümmern mussten. Das musste alles ich auffangen. Dabei haben wir selber zwei Kinder, eine vierjährige Tochter im Kindergarten und einen sechsjährigen Sohn in der Grundschule. Und wir hatten auch keinen Anspruch auf Notbetreuung.

Das waren anstrengende Monate. Wir konnten die Tage nicht planen, also auch die Zeit mit den Kindern nicht unter uns aufteilen. Mein Mann ist oft sehr früh aufgestanden und hat ab 4.30 Uhr gearbeitet, um seine acht Stunden pro Tag zu schaffen. Sein Arbeitgeber hat auf unsere Situation keine Rücksicht genommen, es ging eher nach dem Motto: Dann muss halt Ihre Frau ran. Und ich habe bis spät in die Nacht gearbeitet. Einmal saß ich bis 5.30 Uhr am Schreibtisch, um eine Pressemitteilung zu schreiben. Das geht nicht, wenn ständig das Telefon klingelt.

Jetzt, am Ende, haben wir Glück: Unsere Tochter wird 2021 eingeschult und darf deshalb wieder täglich in den Kindergarten. Weil der Hort meines Sohnes zum selben Haus für Kinder gehört, darf er als Geschwisterkind mitkommen, auch wenn er gerade keine Schule hat. Beide sind also wieder täglich ab acht Uhr betreut. Und ich merke jetzt, dass ich unheimlich müde bin. Ich könnte nur noch schlafen.

Wünschen würde ich mir mehr Weitblick. Ich glaube nicht, dass nach den Sommerferien wieder Regelbetrieb in den Schulen herrschen kann. Wie soll das gehen, wenn 30 Prozent der Lehrer wegen Vorerkrankungen und als Risikogruppe fehlen? Ich gehe davon aus, dass es weiter die Drei-Stunden-Schule geben wird. Aber dafür gibt es kein Konzept, es fehlt die Perspektive. Die bräuchten wir aber. Auch damit wir uns im Beruf darauf einstellen können."

© SZ vom 22.06.2020/imei

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