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Coronavirus in München:Kinder brauchen Kinder

Intermezzo

Seit 2. Juni dürfen Kinder und Jugendiche wieder ins Intermezzo in Fürstenried kommen - unter besonderen Voraussetzungen.

(Foto: Catherina Hess)

Corona-Regeln schränken Mädchen und Jungen anders ein als Erwachsene. Der Jugendring und mehrere Freizeitstätten warnen vor den Folgen.

Von Ekaterina Kel

Emily Wenzels Maske ist mit kleinen grauen Sternchen übersät. Eine Freundin hat sie genäht, sagt die Neunjährige. Und stört es sie, immer eine Maske vor dem Mund tragen zu müssen? "Es geht", sagt Emily. Beim Spielen, wenn die Menschen um sie herum weit genug entfernt sind, zieht sie sie mit einem schnellen Handgriff unters Kinn. Die Grundschülerin kommt zurzeit täglich ins Kinder- und Jugendtreff Intermezzo in Fürstenried, am Rande der Stadt. Sie habe diesen Ort erst Anfang des Jahres für sich entdeckt, erzählt Emily. Aber dafür fühle sie sich hier schon sehr wohl. "Ich habe von Freunden gehört, dass es hier super ist. Dann fand ich es sehr cool." Besonders, dass sie hier Trampolin springen konnte, habe ihr gefallen. Und dass sie hier immer wieder neue Leute kennengelernt habe.

Dann funkte ihr Corona dazwischen - im März mussten ebenso wie die Schulen, die Museen und die Geschäfte auch alle Freizeitstätten für Kinder und Jugendliche schließen. Dann ging erst mal wochenlang lang gar nichts - abgesehen von ein paar digitalen Angeboten. Bis zum zweiten Juni, seit diesem Tag geht es für die Freizeitstätten auch wieder Richtung Normalität. Zumindest dürfen sie seitdem wieder ihre Tore für Kinder und Jugendliche öffnen.

Heiko Neumann ist der Leiter des Kinder- und Jugendtreffs Intermezzo in Fürstenried.

(Foto: Catherina Hess)

Aber durch die vielen Hygienevorschriften und Sicherheitsmaßnahmen ist der Alltag sehr anders geworden. So dürfen im Intermezzo Besucher bisher nur in den großen Saal, wo normalerweise Konzerte oder Kinovorführungen stattfinden. Leiter Heiko Neumann erklärt die Regeln des Kreisjugendrings München-Stadt, des Trägers seiner Einrichtung: "Es dürfen im Moment 15 Leute pro Haus rein." Aber es sollen wohl schon bald etwas mehr werden, dann kann er auch andere Räume wieder öffnen, erzählt Neumann. Es müsse immer auf Abstand und Maske geachtet werden.

Alle werden nach Name, Adresse und Telefonnummer befragt, ein Mitarbeiter schreibt die Daten auf. Klebeband auf dem Boden markiert Laufwege zu den jeweiligen "Spielinseln". Oder man geht raus zum Badmintonspielen. Aber die Schläger müssen regelmäßig desinfiziert werden. Täglich zwischen zwölf und 18 Uhr ist jeder und jede willkommen, ein offenes Format, das ist Neumann sehr wichtig. Denn das Angebot müsse weiterhin "niederschwellig" sein, wie er es in der Pädagogensprache ausdrückt, das bedeutet, dass es möglichst einfach und für alle erreichbar sein soll. Wenn man sich erst online zu einer bestimmten Uhrzeit anmelden muss, kann das schon eine Hürde sein. Dabei sei es besonders wichtig, genau die Jugendlichen zu erreichen, die ohnehin schon verunsichert sind.

Seine Arbeit basiere auf den Beziehungen, die er mit den Kindern und Jugendlichen teilweise über viele Jahre aufgebaut hat, sagt Neumann. Mit Corona seien sie von einem Tag auf den anderen plötzlich beendet gewesen. Er erzählt von einer Fünfzehnjährigen, die er kennt, seit sie zehn Jahre alt war und die ihm ihre schwere Lebensgeschichte als erstem anvertraut habe. Eigentlich stand ein Runder Tisch mit Eltern, Erziehern, Sozialarbeitern an, um gemeinsam über Lösungen nachzudenken. Doch dazu kam es wegen Corona nicht. Und nun? Nach Wochen der Funkstille habe er sie vor Kurzem zum ersten Mal wiedergesehen. Was wohl diese Unterbrechung für ihr Leben bedeutete?

An der Konsole herrscht Maskenpflicht - um die Kinder vor einer Ansteckung zu schützen.

(Foto: Catherina Hess)

Natürlich könne man sich per Videochat unterhalten oder telefonieren. Aber das sei längst nicht dasselbe und für viele aus den verschiedensten Gründen keine echte Option. Es ist der echte, persönliche Austausch, auch mit Gleichaltrigen, für die Orte wie das Intermezzo stehen und wieder sorgen wollen. Der Landesvorstand des Bayerischen Jugendrings hat in einem Appell an die Politiker auf die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen hingewiesen. "Die persönliche Begegnung in der Peergroup ist eine unverzichtbare Ressource zur Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit. Junge Menschen wollen und müssen auch am öffentlichen Leben teilhaben - hierzu brauchen sie Erlebnis- und Begegnungsräume außerhalb von Schule und Familie", so die Stellungnahme. Diese Perspektive komme im Diskurs um eine Wiederöffnung des öffentlichen Lebens kaum vor.

Das kritisiert auch Katrin Pischetsrieder, Leiterin der Freizeitstätte Funkstation im Domagkpark im Norden der Stadt. "Kinder brauchen andere Kinder. Wir sind es ihnen schuldig, Systemrelevanz nicht nur aus Erwachsenenperspektive zu denken", sagt sie. Während der Ausgangsbeschränkungen gab es auch von ihrer Einrichtung virtuelle Koch-, Bastel- oder auch mal DJ-Kurse. Aber die Kinder sollen sich ja auch wieder zusammentun, die Jugendlichen wieder Cliquen gründen können. Im Moment müssen sie in der Funkstation um Anmeldung bitten und die Teilnehmerzahlen für ihre Workshops stark begrenzen. Anmeldekarten für Kontaktdaten liegen zum Ausfüllen bereit. Der große Andrang sei bisher ausgeblieben, erzählt Pischetsrieder, viele seien noch vorsichtig. Wegschicken mussten sie noch niemanden.

Auch Neumann hat diesen Fall noch nicht erlebt. Er will nicht die Hände in den Schoß legen und warten, bis im Intermezzo wieder alles so funktionieren darf wie früher. "Da werde ich verrückt", sagt er. Deshalb tüftelt er ständig an neuen Ideen. Eine Fahrradtour? Ein Zeltausflug? Warum nicht - mit ein wenig Improvisation könne man auch hier die nötigen Abstände wahren. Emily hat sich an die neuen Corona-Regeln jedenfalls schon gewöhnt: "Der Abstand tut auch gut", sagt sie.

© SZ vom 23.06.2020/kafe

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