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Hilfsangebote für Senioren:Wenn Michaela May und Elmar Wepper ans Telefon gehen

Die Schauspielerin Michaela May und der Schauspieler Elmar Wepper sind Schirmherren des Münchner Vereins Retla, der alte Menschen unterstützt.

(Foto: Retla e.V.)

Wer ohnehin schon einsam ist, für den sind diese Wochen besonders hart. Ein Verein vermittelt nun Telefonpatenschaften für Senioren: Mehr als 200 Freiwillige haben sich gemeldet - und an einem Wochentag gibt es sogar prominente Zuhörer.

Seit zehn Jahren sitzt die alte Dame im Rollstuhl, seit drei Jahren muss sie im Bett liegen. Drei Mal am Tag kommt ein Pfleger vorbei. Zeit für lange Gespräche hat er nicht. Und schon gar keine Zeit, der Frau etwas vorzulesen. Rilke, den mochte sie früher so gerne.

Schauspielerin Michaela May berichtet von der alten Frau aus Pasing, mit der sie am Dienstag gesprochen hat. Am Telefon, natürlich. Die Frau hatte die Nummer 089/ 18 91 00 26 gewählt - eine Nummer, die alten Menschen gute Gespräche ermöglichen soll. Und vielleicht sogar ein Vertrauensverhältnis begründen, das über die Corona-Zeit hinaus besteht.

Begegnungen sind selten geworden in diesen Tagen, in denen Schilder in Supermärkten und Parks dazu auffordern, einen Mindestabstand von eineinhalb Metern zu anderen Menschen einzuhalten. Die Enkel dürfen nicht mehr zu Besuch kommen, Einkaufen ist ein Risiko, und selbst für den Plausch im Treppenhaus mit dem Nachbarn braucht es einen Sicherheitsabstand. Die Corona-Krise macht das Leben für Senioren herausfordernder - und einsamer. Gleichzeitig gibt es im Moment so viel Hilfsbereitschaft wie selten. An Laternenmasten und in Treppenhäusern kleben Zettel, junge Menschen bieten ihre Unterstützung an, Solidarität ist das Wort dieser Tage.

Sich um andere kümmern, für sie da sein und ihnen helfen - das ist in Corona-Zeiten noch wichtiger als sonst. Und die Münchner zeigen, wie kreativ sie in dieser Situation sind, die sowohl Abstand als auch Achtsamkeit für andere erfordert: Mit einer Telefonnummer, die es Senioren ermöglicht, mit einem festen Gesprächspartner über ihren neuen Alltag und ihre Sorgen zu reden. Mit einem Fahrdienst, der sie sicher mobil bleiben lässt. Oder mit finanzieller Hilfe.

"Viele ältere Menschen leben isoliert. Sie haben keinen Kontakt mehr zur Außenwelt", sagt Michaela May, Schirmherrin des Vereins Retla. Retla - Alter rückwärts - ist ein Münchner Verein, der Spenden sammelt, um alten Menschen unbürokratisch zu helfen. Und der vor ein paar Tagen eine Telefonaktion gestartet hat: An sieben Tagen die Woche jeweils von 8 bis 22 Uhr können Senioren die kostenfreie Telefonnummer 089/ 18 91 00 26 wählen und mit freiwilligen Helfern über das sprechen, was sie beschäftigt, ihnen sagen, was ihnen im Alltag fehlt.

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Das Angebot sei keine Telefonseelsorge, betont Judith Prem aus dem Vorstand des Vereins Retla. "Unser Ziel ist es, feste Telefonpatenschaften zwischen Anrufern und denen, die helfen wollen, zu vermitteln." Mehr als 200 Schüler, Künstler, Hausfrauen, Studenten und Musiker haben sich bereits gemeldet, sie alle wollen für alte Menschen da sein, die jemanden zum Reden brauchen. "Das sind handgemachte Patenschaften, denn es sollen keine beliebigen Gespräche sein", sagt Judith Prem. "Ziel ist es, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Eine Beziehung zu knüpfen, die über Corona hinausgeht."

Immer dienstags von elf bis zwölf Uhr und von 15 bis 16 Uhr sind Michaela May und der zweite Schirmherr des Vereins Retla, Schauspieler Elmar Wepper, unter dieser Nummer zu erreichen. "Das Alter ist ein großer und langer Lebensabschnitt", sagt Elmar Wepper. Eine intakte Familie um sich herum zu haben, das sei wertvoll und nicht selbstverständlich. Er will den Menschen, die anrufen, vor allem zuhören und versuchen, auf das einzugehen, was sie gerade brauchen.

Reden ist das eine, rauskommen das andere, was gegen die Einsamkeit hilft. Drei Männer aus München wollen ältere Menschen und solche, die zur Risikogruppe gehören, auch in Corona-Zeiten sicher durch die Stadt fahren. Jörg Hildebrandt ist einer von ihnen, der Taxifahrer und seine beiden Kollegen haben 2015 die Firma SBS Fahrdienst gegründet. Sie sind darauf spezialisiert, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und Kinder sicher zu transportieren. Wegen des Coronavirus haben sie sich etwas einfallen lassen - und ihre Minibusse so umgebaut, dass sie Personen durch die Stadt fahren können, ohne dass es zu einem Kontakt zwischen Fahrer und Fahrgast kommt.

Das Angebot richte sich an jeden, sagt Jörg Hildebrandt. "Insbesondere für Menschen mit Immunschwäche kann ein solches Angebot von großer Wichtigkeit sein." Eine Trennwand verhindert den Kontakt zwischen Fahrer und Fahrgast - und dadurch eine mögliche Ansteckung. Die Trennwand ist aber durchsichtig, so können sich Fahrer und Fahrgast sehen. Der Innenraum des Wagens wird nach jeder Fahrt desinfiziert, bezahlt wird im besten Fall über ein Kartenlesegerät im Fahrgastbereich. Das Fahrzeug können Kunden über eine 24-Stunden-Hotline reservieren, entweder unter der Telefonnummer 0171/ 6 94 36 34 oder per E-Mail an die Adresse info@sbsfahrdienst.de.

Mit anderen reden, mobil bleiben, das ist wichtig. Für manche zählen aber noch viel grundlegendere Dinge. Für die Menschen zum Beispiel, die auf die Hilfe der Tafel angewiesen sind. Und die nun, wo immer mehr Tafeln schließen, in eine Notlage geraten. Der Münchner Verein "Ein Herz für Rentner" will Senioren, die ihre Lebensmittel zu einem großen Teil über die Tafel beziehen, finanziell unterstützen. Wer über 65 Jahre alt und Gast der Tafel ist, kann einen Eilantrag bei dem Verein stellen und 50 Euro Hilfe für Lebensmittel und Hygieneartikel bekommen. Das Formular kann telefonisch unter der Nummer 089/ 4 13 22 90 oder per Mail an info@einherzfuerrentner.de angefordert werden.

Es sei wunderbar, dass es so etwas gebe, sagte die Seniorin aus Pasing am Telefon zu Schauspielerin Michaela May. Mit etwas Glück findet sich für die alte Dame ein passender Telefonpate, der Zeit für längere Gespräche hat. Jemand, der ihr Rilke vorliest. In Corona-Zeiten am Telefon - und wenn die überstanden sind, ja, dann vielleicht bei einem echten Treffen.

© SZ vom 16.04.2020/kaal

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