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Corona-Krise:Mädchen leiden leiser

Pädagogin Sandra Lüders vom Mädchentreff in der Blumenau, Gelbhofstraße 16

Wegen der Hygieneregeln kann Sandra Lüders nur wenige in den Treff lassen, die anderen bleiben dann oft einfach vor der Tür stehen, um zu reden.

(Foto: Florian Peljak)

Mädchen sind direkt und indirekt besonders stark von den sozialen Schwierigkeiten betroffen, die die Corona-Pandemie auslöst. Der Bedarf an Hilfe allerdings ist erheblich größer als das Angebot.

Von Sabine Buchwald

Einfach vorbei schauen und bleiben, wenn eine Freundin dort ist. Oder mitbacken und basteln, miteinander reden und sich sicher fühlen. In etwa so funktioniert der Mädchentreff in der Blumenau in normalen Zeiten, in denen es keine Abstandsregeln und keine Zugangsbeschränkungen gibt. In denen man sich nicht anmelden, keinen Namen und keine Adresse hinterlassen muss. Ein "niederschwelliges Angebot" nennen Sozialpädagogen so eine offene Einrichtung. So kannten Damla und Elanur ihre "zweite Wohnung", wie sie den Mädchentreff an der Gelbhofstraße nennen. Wie ihre Schulen war auch diese Einrichtung wochenlang geschlossen.

"Es ist dort wie in einer Familie für mich", sagt Elanur. Sie ist elf, geht in die sechste Klasse und teilt sich ein Zimmer mit ihrem älteren Bruder. Wenn der zu Hause sei, verziehe sie sich ins Wohnzimmer, erzählt sie. Dort aber könne sie nicht ungestört mit ihren Freundinnen telefonieren. Lernen sei dann auch schwierig. Jetzt ist sie wieder so oft wie möglich im Mädchentreff, zu dem Jungs keinen Zugang haben. Endlich kann sie auch Damla wieder sehen. Die sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass das mit Corona so schlimm wird."

Nur maximal fünf Mädchen dürfen derzeit in die Räume in dem Blumenauer Hochhausgebiet, wo vorher mal ein Laden war. "Der Bedarf ist riesig", sagt Sandra Lüders. Sie ist eine von zwei Pädagoginnen dort. "Es kommen viel mehr Mädchen als früher." Weil sie aber wegen der Hygieneregeln nur wenige rein lassen können, bleiben die Mädchen einfach vor der Tür stehen, um miteinander zu reden.

Etwa 120 Kinder- und Jugendtreffs verschiedener Träger gibt es in München. Sie stehen Jungen wie Mädchen offen. Aber nur zwei sind explizit für Mädchen - der in der Blumenau (Täger: Schule Beruf e.V.) und einer in Giesing, der nach langer Schließung seit Anfang dieser Woche wieder geöffnet hat. "Mädchentreffs sind wichtige Lernfelder, wo Mädchen sich ausprobieren können", sagt Lüders. Sie seien Orte ohne männliche Dominanzstrukturen. Die nämlich führten oft dazu, dass sich Mädchen zurückzögen, die Angebote nicht wahrnähmen.

Jugendtreffs sind Teil des gesellschaftlichen Netzwerkes, wo Pädagogen mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, ihnen ein Ohr bieten und womöglich Gewalt und Missbrauch registrieren. Auf Grund der Schließung der Schulen und den immer noch unregelmäßigen Unterricht, fallen Lehrer als Kontaktpersonen in Problemsituationen derzeit weitgehend aus. Gerade Mädchen seien direkt und indirekt in besonderem Ausmaß von den sozialen Schwierigkeiten, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, betroffen. Dieses Fazit zieht das Münchner Fachforum für Mädchenarbeit aus den vergangenen Wochen. Verschiedene Formen psychischer und physischer Gewalt nähmen zu, durch die prekäre Situationen vieler Familien und durch den Druck, den das enge Zusammenleben erzeuge. Mädchen würden von den Eltern viel stärker in den häuslichen Kontext eingebunden als Jungen. Während Söhne eher das Haus verließen, erwarteten die Eltern von ihren Töchtern, dass sie mit anpackten. Das sei ein Verlust der Selbstbestimmung. Vielleicht ein Grund, warum der Blumenauer Mädchentreff gerade so bliebt ist?

"Mädchen leiden leiser", ist eine Erkenntnis der Mädchenarbeit. Geschlechtsspezifische Angebote müssten gerade in diesen Zeiten stattfinden, sagt Lüders. Sie findet, es müsste noch mehr ausgewiesene Orte für Mädchen geben. Orte, zu denen auch Eltern vertrauen haben. Sie befürchtet aber, dass Corona-bedingt künftig eher weniger Geld in den Bereich fließen werde. Durch Kürzungen der Mittel könnte die Vielfalt der Angebote der Münchner Einrichtungen kaputt gehen. "Das ist existenziell. Wir können noch gar nicht alles erfassen, was diese Situation mit sich bringt."

Sexualkundeunterricht, Selbstbehauptungs- und Antimobbingkurse sowie vieles mehr wird von Sozialpädagogen und Therapeuten extern oder in Schulen als Unterstützung für die Lehrkräfte angeboten. "Wir hoffen, dass die Schulen unsere Kurse im Herbst wieder buchen", sagt Gundula Brunner, Geschäftsführerin der Münchner Mädcheninitiative Imma. "Kinder, denen es nicht gut geht, können auch nicht aufmerksam sein. Ein gutes Miteinander in der Klasse fördert den Unterricht." Dafür aber müssen die Schulen Geld übrig haben. Auch Jungs seien von häuslicher Gewalt betroffen. "Wir kommen im Moment nicht so recht an die Leute ran, die Unterstützung bräuchten", sagt Katharina Oßwald von der Evangelischen Beratungsstelle. Auch sie sieht Bedarf an Hilfe in den Familien, weil das soziale Überwachungssystem durch die Isolation nicht gut funktioniere oder sich persönliche Probleme verstärkt haben. Die hohen Telefonkosten der Einrichtung in den vergangenen Wochen seien ein Zeichen.

© SZ vom 02.07.2020/vewo
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