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Lockerungen in der Gastronomie:Ein Prosit der Ungemütlichkeit

Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt sorgt für Abstand.

(Foto: Robert Haas)

Am Montag dürfen Biergärten und die Freischankflächen von Speiselokalen wieder öffnen - aber nur bis 20 Uhr. Die staatlichen Auflagen sind streng, viele Wirte tun sich damit schwer.

Womöglich erwarten sich die Münchner etwas zu viel von der Eröffnung der Biergartensaison. Normalerweise ist die ja schon im März, mit vielen dicht gedrängten Menschen an Bierbänken in der Sonne. In diesem Jahr findet sie am kommenden Montag statt, und diesmal wird ganz sicher alles ganz anders sein, und zwar pandemisch anders.

Am eindrucksvollsten sieht man das jetzt schon am Biergarten auf dem Viktualienmarkt. Der sieht gerade fast so aus wie ein Tigerkäfig im Circus Krone. Mannshohe Drahtzäune umgeben das Areal, drinnen werden Biertische aufgebaut, am Montag um zehn Uhr kann es losgehen. Wirt Dieter Hochreiter macht trotzdem kein besonders glückliches Gesicht: "Natürlich schaut das jetzt noch verboten aus. Wir bekommen nächste Woche aber einen Holzzaun, dann wird das schon etwas gemütlicher."

Ohne Absperrung aber geht es leider nicht, sagt er, sonst ließe sich ja gar nicht mehr kontrollieren, wie viele Menschen sich im Biergarten befinden. Wie viele bei ihm Platz haben werden, weiß er noch nicht genau: "Um die 400, schätze ich. Normalerweise haben wir Platz für 900." An den Tischen wird bedient, jeder Gast bekommt ein Formular, in das er sich mit Name, Telefonnummer und Dauer des Aufenthalts eintragen muss, bevor er bestellen darf. So lauten die Vorgaben des Wirtschaftsministeriums, denn nur so ließen sich im Notfall Ansteckungswege nachvollziehen und möglicherweise Infizierte ermitteln.

Das klingt alles nicht nach übermäßig zünftigen Biergartenbesuchen in diesem Sommer. Und nach einem hohen Aufwand für die Wirte. Manche beginnen die Freiluftsaison auch eher zögerlich. Die Haberl-Gastronomie etwa, die große Biergärten wie den am Chinesischen Turm und am Flaucher, die Kugler-Alm, den Taxisgarten sowie den Michaeligarten betreibt, geht die Sache ganz behutsam an und öffnet am Montag erst einmal nur den Biergarten am Chinaturm. Es geht darum, mit der völlig ungewohnten Situation umgehen zu lernen. "Wir müssen einfach üben", sagt Antje Schneider, Chefin der Haberl-Gruppe. Niemand hat ja Erfahrungen mit so einem Distanz-Biergarten.

Das geht Stephan Kuffler, dem Chef der Kufflergastronomie, zu der das Seehaus, das Spatenhaus, das Mangostin, aber auch das Weinzelt auf der Wiesn gehören, nicht anders. Er wird seine Lokale mit Tischen vor dem Haus am Montag aufmachen, wenn auch eher widerwillig: "Man muss dabei sein, wenn's wieder losgeht, denn die Leute wollen ja raus. Und die gehen natürlich dorthin, wo offen ist und warten nicht ab, bis ich aufsperre." Wie das alles ablaufen soll, weiß er allerdings auch noch nicht. Von den Gästen Daten abfragen zu müssen, findet er zwar befremdlich, aber noch halbwegs nachvollziehbar. Schwieriger wird's von Montag an, wenn das Wetter schlecht wird: "Dann muss ich meine Gäste im Regen stehen lassen, denn das Haus darf ich ja nicht öffnen."

Hofer gibt auf

Münchens Gastro-Szene hat jetzt ihr erstes offizielles Corona-Opfer. Das Gasthaus Hofer - der Stadtwirt im ältesten erhaltenen Bürgerhaus Münchens zwischen Diener- und Burgstraße - wird auch nach dem Ende der Zwangsschließung nicht wieder eröffnen. Das teilte die Brauerei mit. Wirt Christian Winklhofer hatte den Stadtwirt 2001 übernommen und wäre eigentlich noch bis zum 31. Oktober kommenden Jahres Wirt geblieben. Danach muss das denkmalgeschützte Anwesen in der Burgstraße 5, dessen früheste Bauteile aus dem 13. Jahrhundert stammen, umfassend saniert werden. Winklhofer aber hätte für die Zeit nach der Corona-Schließung noch in den Neustart investieren müssen, was sich bei den erforderlichen Abstandsregelungen nicht gelohnt hätte. Das Wirtshaus mit seinem Innenhof aus dem Mittelalter verteilt sich nämlich auf drei Ebenen und ist teilweise recht verwinkelt. Die Löwenbräu AG bedauerte das Ausscheiden Winklhofers und erwägt nun eine Zwischennutzung, ließ sie verlauten. fjk

Das wird eine Woche später nicht weniger kompliziert, wenn die Freischankflächen draußen bis 20 Uhr geöffnet sind und die Gaststätten drinnen bis 22 Uhr aufmachen dürfen. Denn die Gäste von draußen können um acht Uhr abends vermutlich dann nicht einfach reingehen - denn drinnen herrschen ja die gleichen Abstandsregeln, und es können deutlich weniger Gäste bewirtet werden als bisher. Die Regel mit den Öffnungszeiten stößt bei den Wirten am meisten auf Unverständnis. Warum 20 Uhr, warum 22 Uhr. Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums kann dazu auch nur so viel sagen: "Hintergrund ist die Überlegung, dass bei Alkoholgenuss Vorsichtsmaßnahmen wie Abstandswahrung in Vergessenheit geraten können." Oder anders ausgedrückt: Da kann man froh sein, dass überhaupt alkoholische Getränke ausgegeben werden dürfen.

"Die Vorschriften für die Wiedereröffnung sind sehr umfangreich", findet Antje Schneider, "da innerhalb wirklich kurzer Zeit ein funktionierendes System zum Laufen zu bringen, ist eine große Herausforderung, und es fühlt sich nach einem schwer überblickbaren unternehmerischen Risiko an." Ein großes Gastro-Unternehmen wie das ihre kann so etwas wohl noch schultern, bei kleineren Lokalen sieht das schon anders aus. Und deshalb werden am Montag wohl weniger Gaststätten und Restaurants ihre Tische nach draußen stellen, als man vermuten möchte - für die paar Gäste, die man bewirten darf, lohnen sich die notwendigen Personalkosten kaum. Viele Wirte warten deshalb lieber noch eine Woche ab, bevor sie ihr Lokal auch drinnen aufmachen dürfen. Das hält selbst der Publikumsmagnet BMW-Welt so mit seiner Gastronomie.

Nun hoffen viele auf eine baldige, weitere Lockerung und zusätzliche staatliche Hilfen. Die Münchner Stadtrats-CSU versucht es schon mal mit einem Tropfen auf den heißen Stein und hat gerade beantragt, dass die Stadt jedem Single-Haushalt einen 25-Euro-Gastro-Gutschein ausgibt und jedem Mehrpersonen-Haushalt einen über 50 Euro. Das wäre immerhin eine Geste. Aber das Sterben vieler kleiner Bars, Wirtshäuser und Restaurants kann es nicht verhindern. Um die macht sich die Großgastronomin Antje Schneider übrigens besonders Sorgen: "Die vielen kleinen Betriebe sind so wichtig für unser Leben, unsere Städte, unsere Atmosphäre", sagt sie, "und man bekommt schon immer wieder das Gefühl, dass sie und ihre Probleme nicht gesehen werden."

© SZ vom 16.05.2020/lfr
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