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Caritas:In Altenheimen wird Schutz zur Gefahr

Pflegeheim

Die Kontakte der Bewohner in bayerischen Altenheimen sind seit mehr als vier Wochen auf ein Minimum reduziert.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Weil alte Menschen in der Corona-Krise besonders gefährdet sind, gilt seit einem Monat ein strenges Besuchsverbot. Der Zustand vieler Bewohner verschlechtert sich jedoch dadurch.

Es ist durchaus paradox: Alte Menschen sollen in der Corona-Krise besonders vor einer Ansteckung geschützt werden, sie gehören zur Hochrisikogruppe. In bayerischen Altenheimen gilt deshalb seit einem Monat ein strenges Besuchsverbot.

Doch ausgerechnet diese Schutzmaßnahme führt nun dazu, dass sich der körperliche und geistige Zustand vieler Bewohnerinnen und Bewohner rapide verschlechtert - sie vereinsamen schlichtweg. Die Caritas fordert deshalb, das Besuchsverbot zu lockern, und hat dazu bereits ein mehrstufiges Konzept ausgearbeitet.

Fünf Heime betreibt der katholische Träger in München, etwa 700 Menschen leben dort. Im gesamten Verband der Erzdiözese München und Freising sind es 26 Häuser mit 3000 Bewohnern. "Am Anfang war das Besuchsverbot sicherlich richtig", sagt Doris Schneider, Geschäftsführerin der Caritas-Altenheime. Doch nun sind die Kontakte der Bewohner seit mehr als vier Wochen auf ein Minimum reduziert.

Mittlerweile, so Schneider, berichteten sämtliche Heimleitungen, dass die Bewohner stark litten und gesundheitlich abbauten. Dass der Leidensdruck steige, mit jedem Tag, an dem sie ihre Angehörigen nicht sehen dürfen. "Wir können nicht ausschließen, dass die Bewohner sterben - und nicht an Corona."

Die Angehörigen aber sind das Wichtigste, was die alten Menschen haben. Auf deren Besuche fiebern sie hin, auf ihre Kinder, Enkel, Urenkel. Neben den Besuchen fallen zurzeit auch Veranstaltungen im Haus und Gottesdienste weg. Telefonieren sei oft schlecht möglich, wenn die Bewohner schlecht hörten. Skypen bringe zwar ein bisschen Erleichterung, erfordere aber einen hohen Aufwand. Die meiste Zeit säßen die Bewohner allein auf ihren Zimmern. Zugleich steige die psychische Belastung bei den Angehörigen.

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Natürlich könne man die Häuser nicht einfach wieder aufmachen, sagt Schneider - aber man müsse die Risiken abwägen. Das größte Risiko seien ohnehin die Mitarbeiter: "Die können wir nicht aussperren, die brauchen wir. Man kann ein Altenheim nicht abschotten." Dass Mitarbeiter, Ärzte und Physiotherapeuten in die Heime dürften, sie selbst aber nicht, sei den Angehörigen kaum noch zu vermitteln. Schneider schlägt behutsame Lockerungen über ein dreistufiges Modell vor.

Der erste Schritt könnten Kontakte über Fenster und Balkone sein. In einem weiteren Schritt könnte es Einzelbesuche in zurzeit leer stehenden Cafeterien geben. Unter Beachtung der Hygienevorgaben - "und so geregelt und dokumentiert, dass man mögliche Infektionsketten zurückverfolgen kann". Im dritten Schritt könnten Bewohner wieder je eine Person im Zimmer empfangen. "Man müsste schrittweise schauen, wie es funktioniert", sagt Schneider. So wie die Politik es bei anderen Lockerungen auch tun wolle.

Bei den Behörden hat sie verschiedene Konzepte eingereicht. "Aber im Moment tut sich gar nichts." Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat Anfang der Woche mögliche Lockerungen angedeutet, blieb dabei aber sehr vage.

© SZ vom 30.04.2020/syn
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