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Bogenhausen:Ein Haufen Mist

In der Elektrastraße wurden 1,5 Tonnen Mist von Kamelen, Lamas, Pferden, Ziegen und Eseln abgeladen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wegen der Corona-Krise ist der Zirkus Baldoni Kaiser seit Anfang März vor dem Cosimabad gestrandet, alle Einnahmen sind weggebrochen. Die Nachbarn halfen aber, und als Dank lud Chef Anton Kaiser einen Container voll Dünger für die Grünanlage an der Elektrastraße ab

Manche Dinge muss man erst ganz sachlich aufschreiben, um glauben zu können, dass sie wahr sind. Also: Am Mittwochvormittag gegen kurz nach elf Uhr kommt Anton Kaiser mit seinem Lastwagen zur Elektrastraße, um 1,5 Tonnen Scheiße von Kamelen, Lamas, Pferden, Ziegen und Eseln vor der Hausnummer 7 abzuladen. Mitten am helllichten Vormittag. Der Mist fällt also vom schräggekippten, dunkelgrauen Container auf die Erde, formt schnell einen stattlichen Haufen, der an seiner höchsten Stelle etwa 1,50 Meter in den kühlen Münchner Himmel ragt, in den er gut sichtbar dampft. Ist da etwa ein Nachbarschaftsstreit eskaliert? Eher nicht. Niemand beschwert sich, es gibt keine wüsten Beschimpfungen, kein hämisches Lachen. Es liegt nicht daran, dass die Aktion unbemerkt geblieben wäre. Offenbar interessiert die Umstehenden nur eines: "Warum sind da auch Zwiebeln?" Das fragt zumindest Hannelore Leerhuber, Beiratsvorsitzende der Eigentümergemeinschaft, den Lieferanten durch ihren rosa-weißen Mundschutz als erstes.

Um das alles zu verstehen, hilft es, dahin zu gehen, wo die ganze Scheiße herkommt: vor das Cosimabad. Dort ist der Zirkus Baldoni Kaiser seit Anfang März gestrandet - und mit ihm Anton Kaiser, seine Familie und mehr als 50 Tiere. Eigentlich wollte Kaiser, der den Zirkus in siebter Generation betreibt, im Münchner Osten die beginnende Zirkussaison mit täglichen Vorstellungen genießen und Ende April längst weiter gezogen sein. Aber: Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, schlossen nicht nur Läden und Kitas. Auch das Zirkuszelt, für etwa 500 Besucher ausgelegt, musste Kaiser abbauen. Bis mindestens Ende August wird er es nicht mehr brauchen, was auch bedeutet, dass er keine Tickets verkaufen kann. Familie und Tiere haben aber trotzdem Hunger. Die Familie wird von dem Verein 1000 Teller unterstützt, die Tiere füttert er mit übrig gebliebenen Lebensmitteln der Tafel. Da sind vereinzelt auch mal faulende Zwiebeln dabei - um Leerhubers Frage vom Anfang zu beantworten. Aber selbst, wenn die Beschränkungen wieder aufgehoben sind, rechnet Kaiser nicht damit, "dass viele kommen". Klagen hört man ihn trotzdem nicht. Im Gegenteil; er will vor allem seinen "herzlichen Dank" aussprechen an die Münchner, die ihn und den Zirkus unterstützt haben.

Nahrung fürs Grüne: Gerd Bergmann und Hannelore Leerhuber staunen über den dampfenden Dung, den Anton Kaiser (rechts) geliefert hat.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Dank richtet sich an diesem Vormittag vor allem an Gerd Bergmann. Er wohnt an der Elektrastraße und arbeitet seit zehn Jahren am Ökologischen Bildungszentrum an der Englschalkinger Straße. Dort hat er mitbekommen, dass das Zentrum eine Ladung Mist geliefert bekam, zum Düngen. "Da kam mir die Idee, ob auch wir eine Wagenladung Dung haben könnten." Die Sträucher, Bäume und Blumen in der Wohnanlage könnten es ja sicher brauchen. Im Gegenzug für die Lieferung sollte der Zirkus eine Geldspende bekommen, dachte er sich. "Win-Win würden Marketingleute dazu sagen." Also sprach er mit Kaiser, der ja nur wenige hundert Meter entfernt sein Lager aufgeschlagen hat, und mit Leerhuber. Eine Woche später, am Mittwochvormittag, wechseln also nicht nur 1,5 Tonnen Tierdung den Besitzer, sondern auch etwas Geld: Eine Spende von insgesamt 150 Euro geht an den Zirkus - 50 davon aus Leerhubers Tasche. "Mich hat die Idee gleich begeistert", sagt sie.

Bergmann hofft, mit der Aktion noch mehr zu erreichen: "Meine Intention ist es, auch andere Münchner anzuregen, zu spenden oder zu helfen." Denn Kaiser ist momentan darauf angewiesen. Auch weil die Zirkusfamilie seit gut zehn Tagen um ein Mitglied gewachsen ist: Die Eselstute Bea habe am Samstag, 18. April, gegen 23.15 Uhr ein Fohlen zur Welt gebracht, wie Kaiser auf Facebook postete. In den Kommentaren suchte er nach Namensvorschlägen und so heißt das Eselchen nun, wie sollte es anders sein: "Cosima". Sie wird Anton Kaiser also ihr Leben lang daran erinnern, wie es war, als der Zirkus Baldoni vor dem Cosimabad strandete. Und an Münchner wie Gerd Bergmann und Hannelore Leerhuber, die den Zirkus Baldoni in schwerer Zeit über Wasser hielten.

© SZ vom 30.04.2020
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