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Erste Lockerungen:Jetzt aber wirklich ab zur Blumenerde

Schrittweise Aufnahme des Handels in Corona-Zeiten

Jeder Kunde muss einen eigenen Wagen schieben.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Nach vier Wochen Zwangspause rechneten viele mit einem Massenansturm auf die Baumärkte. Schlangen bildeten sich tatsächlich vor den Türen - das liegt aber vor allem an den Corona-Stopps.

Montagmorgen, halb acht - und es ist nichts los. Na ja, fast nichts. Nur eine Seniorin und eine Teenagerin mit gebeugtem Handynacken lungern etwas ratlos vor dem V-Baumarkt an der Balanstraße herum. Zu zweit anstellen? Ist ja auch albern. Unnötig flattert rot-weißes Absperrband im acht Grad kühlen Aprilwind. Kein Kleingärtner zu sehen, nirgends. Keine Spur vom Ansturm der Massen, über den Josef Hader im Netz fabuliert: "Eine Horde von stumpfen Menschen, die eh nix brauchen in Wirklichkeit, die nur ihrem stumpfen Herdentrieb gehorchen." Wir haben es schon immer geahnt: Der Kabarettist an sich neigt offenbar zur Übertreibung.

Stell dir vor, der Baumarkt macht auf, und keiner geht hin: Ganz so schlimm ist es zwar nicht, aber mit ein paar mehr Hobbygärtnern hätte man nach der einmonatigen Abstinenz dann doch gerechnet. Aber so bleiben am Montagmorgen die per Absperrband eigens angelegten Laufwege wie bei der Passkontrolle am Flughafen erst mal noch ungenutzt.

Ansturm auf Baumärkte bleibt bei deren Eröffnung aus

Vor vielen Baumärkten ist mit Flatterband ein Wartebereich angelegt.

(Foto: Florian Peljak)

Um viertel vor acht haben sich immerhin zehn Kunden zu einer kleinen Schlange formiert, nur drei davon tragen die angemahnte Schutzmaske. Die schiebt gerade ein Mitglied der Baumarkt-Belegschaft zur Seite, um vor der Tür noch flott eine Zigarette zu rauchen, bevor sie der Arbeitsalltag gleich wieder verschlingen wird. Ein vorbildlich maskierter Mensch, der wie der Marktleiter aussieht und sich später auch als solcher entpuppen wird, meint zu den Wartenden: "Wir machen fei erst um acht auf." Aber dann öffnen sich die Türen doch ein paar Minuten früher, und das Warten hat ein Ende. Nix wie rein!

So ganz ohne Weiteres geht das natürlich nicht: Es herrscht nicht nur Abstands- und Alleinkauf-, sondern auch Einkaufswagenpflicht. Und zwar darf das nicht irgendeiner, womöglich sogar einer vom benachbarten V-Markt sein, nein, es muss ein Baumarktwagen sein, eins dieser nur unfassbar schwer zu lenkenden Ungetüme, bei denen einem rechts und links und vorne und hinten alles runterpurzelt. Aber so weit sind wir ja noch lange nicht, denn: Sind alle Wagen vergriffen, ist die maximal zulässige Kundenanzahl im Markt erreicht, und es heißt mal wieder warten, diesmal auf den nächsten freien Wagen.

Sind alle Wagen vergriffen, ist die maximal zulässige Kundenanzahl im Markt erreicht.

(Foto: Catherina Hess)

Von offizieller Seite heißt es dazu: "Die Anzahl der Einkaufswagen wurde so beschränkt, dass pro Kunde etwa 100 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung steht." Ist der Wagen dann irgendwann endlich da, hat der Mann mit dem Lappen und dem Desinfektionsmittel seinen Auftritt: kurzer Spritzer, kurzer Wischer, bitteschön, viel Spaß beim Einkaufen! Warum verzichten Super- und Drogeriemärkte eigentlich auf diese so sinnvolle Maßnahme?

Hinein in den Baumarkt. Direkt am Eingang der nächste Corona-Stopp: Hand-Desinfektion an der sogenannten Hygienestation. So, jetzt aber wirklich ab zur Blumenerde! Schon auf den ersten Metern wird klar: Das mit dem Abstandhalten - zwei Meter sind angemahnt - ist eher Wunschdenken. Hat man sich mit den Augen erst mal im Regal mit den 47 verschiedenen Lackarten verkeilt, um die adäquate Streichware für den renovierungsbedürftigen Gartenhocker zu finden, ist es mit dem Social Distancing schnell nicht mehr weit her - es gibt jetzt Wichtigeres: den richtigen Lack. Vielleicht doch lieber den Experten fragen. Am vorbildlich mit Spuckschutz versehenen Beratungsschalter namens "Farbtonstudio" warnt ein Hinweisschild "My English is under all pig", auf Deutsch klappt es dafür ganz gut und immerhin aus der Halbdistanz. Alles im Lack.

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Weiter zum Grünzeug. Am lang gestreckten Arm hält man der Garten-Chefin das Handyfoto von der heimischen, mit Klee übersäten Bolzwiese entgegen, woraufhin die gleich mal mit Fachfragen kontert: "Schon vertikutiert? Nee? Na, dann können Sie sich den Dünger erst mal sparen!" Das ist zwar nicht die Antwort, die man hören wollte, aber immerhin eine Antwort.

Was nämlich auch auffällt: Nie war so viel Beratung wie heute. Ständig ist ein Mitarbeiter verfügbar, einfach so, ganz ohne Hinterherlaufen, so wie Josef Hader das auch kennt: "Erst nach fünf Stunden war ich im Baumarkt drinnen, weitere drei Stunden hab' ich einen Mitarbeiter gesucht." Sein Tipp: unauffällig bewegen! "Wenn die spüren, dass du was brauchst, sind sie schon weg." Ebenfalls auffällig: Die gute Laune der Mitarbeiter, auch wenn den Brillenträgern unter der Maske schnell die Gläser beschlagen. Der Flachs blüht: "Der Manni hat ja ne ganz spezielle Maske, schau!", ruft einer, und Manni kontert: "Das is' ne Feinstaubmaske." Wohl was Besseres, der Manni.

Eine große Nachfrage an Tag eins nach der Zwangspause hat das Garten- und Pflanzensortiment.

(Foto: Catherina Hess)

Endspurt Richtung Glaskastenkasse, vorbei am Mähroboter Sileno ("komfortable Schnitthöheneinstellung"), der klappbaren Dreibeinliege Wörthersee ("mit Flockenpolsterung"), dem WC-Sitz Wood mit täuschend echter Holz-Optik, dem Edelstahl-Gasgrill Pittsburgh ("mit Seitenbrenner") und dem Schuhschrank "Andy 3" aus Sonoma-Eiche - allesamt Jubiläumsangebote: Der V-Baumarkt begeht seinen 155. Geburtstag unter dem Motto "Wir feiern, Sie jubeln!"

Wie viel Verlust im vergangenen Monat eingefahren wurde, bleibt Betriebsgeheimnis. Aus der Zentrale in Mauerstetten bei Kaufbeuren heißt es: "Eine Aussage zu den wirtschaftlichen Folgen der Schließung kann noch nicht getroffen werden. Kurzarbeit konnte durch interne Umorganisation vermieden werden." Die größte Nachfrage an Tag eins nach der Zwangspause habe das Garten- und Pflanzensortiment sowie alles rund um Modernisierung und Renovierung in der Wohnung betroffen.

Auch in anderen Baumärkten der Stadt blieb der befürchtete Massenansturm aus. "Es waren mehr Leute da, aber es ist alles gesittet abgelaufen", berichtet Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Handelsverbandes Bayern. Eine mangelnde Nachfrage, sagt der Marktleiter des V-Baumarkts, könne er angesichts der kurzen Schlangen nicht erkennen. Das täusche - man sei einfach gut organisiert.

© SZ vom 21.04.2020/kafe
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