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Schule in München:Abitur auf Abstand

Bei den Abschlussprüfungen 2020 war vieles ungewöhnlich, und auch bei den Freudenfeiern danach läuft einiges anders als sonst. Vier Schüler berichten.

Freitagnachmittag. Die letzte schriftliche Abiturprüfung ist geschrieben. Vor dem Dante-Gymnasium tauschen sich die Schüler in kleinen Gruppen über die Aufgaben aus. Kronkorken fallen zu Boden, aus einem mitgebrachten Lautsprecher schallt Bass. Angesichts der Kontaktbeschränkungen scheint die Klasse dicht zusammengerückt, angesichts der Erleichterung nach einer solch wichtigen Prüfung aber wirken die Jugendlichen zurückhaltend. "Heute läuft zum ersten Mal Musik nach der Prüfung. Nach den ersten Prüfungen waren wir nur noch kurz vor der Schule. Dann sind alle nach Hause gegangen, als wäre es ein normaler Schultag", sagt Vanda Kardos. Den Tag möchte die 18-Jährige mit ihren Klassenkameraden an der Isar ausklingen lassen.

Die Abiturprüfungen haben sie in der Turnhalle geschrieben. Nur dort war genug Platz, um die Einzeltische eineinhalb Meter auseinanderzurücken. An jeder Ecke war ein Lehrer positioniert, der die Schüler einzeln zur Toilette eskortierte, erzählt Kardos. Die Abiturientin glaubt nicht, dass sie wegen der Corona-Krise einen Nachteil bei der Benotung haben. Aber die psychische Belastung hätte den Jahrgang geprägt. Wer mit seinen Großeltern zusammenlebt oder zur Risikogruppe gehört, machte sich oft mehr Sorgen über eine Infektion, als über die Abschlussnote.

Abitur auf Abstand - diese ungewöhnliche Erfahrung machte auch Carlotta Lazarus am Pater-Rupert-Mayer-Gymnasium. Maximal 15 Minuten vor der Prüfung durften die Abiturienten dort auf das Schulgelände. Auch dort wurde in der Turnhalle geprüft. Beim Einlass passierten die Schüler Desinfektionsmittel-Spender. Beim Verlassen der Halle wiesen die Lehrer an, das Gelände wieder zu verlassen, erzählt Lazarus. Schon früh war sie mit dem Lernstoff in den meisten Abiturfächern durch. Nur in Mathematik sei die unterrichtsfreie Zeit ein Nachteil gewesen. Hinzu kam, dass ihr Mathematiklehrer einer Risikogruppe angehört, weshalb ihr Kurs mit einem anderen zusammengelegt wurde. "Alle Lehrer haben ihr Bestes gegeben und waren auch während der Schulschließung immer für uns da", sagt Carlotta Lazarus. Nicht in Topform war hingegen oft die Technik. Bei einem Auslandsjahr in den USA hat Lazarus gemerkt, wie technisch rückständig viele deutsche Schulen sind.

Lehrer, die vor der Corona-Krise schon digitale Medien eingesetzt hatten, fiel es leichter, die Jugendlichen über das Internet zu unterrichten, berichtet Joshua Grasmüller vom Gymnasium des Landschulheims Kempfenhausen. Zwei mündliche Prüfungen haben die Abiturienten noch vor sich. "Alle hoffen inständig, dass sich am Freitag, als die letzte schriftliche Prüfung zu Ende war, niemand zu nahegekommen ist. So ein Ausrutscher könnte noch unser Kolloquium über den Haufen werfen", gibt Joshua Grasmüller zu bedenken. Den Abstand in der Schule zu wahren, sei allerdings nicht die einzige Schwierigkeit. Schließlich treffen sich die Jugendlichen auch privat. "Über viele Wochen hat uns der persönliche Kontakt oder ein Probeabitur gefehlt. Dadurch, dass es dann aber doch noch mal Unterricht vor den Prüfungen gab, wurden wir angemessen vorbereitet. Wenn auch nicht so wie die Jahrgänge vor uns", sagt Joshua Grasmüller.

Trotz allem gut vorbereitet hat sich auch Alicia Brandtner gefühlt. "Die Durchschnittsbildung für die Note im letzten Halbjahr, nur noch Unterricht in den Abiturfächern und Schulschluss um ein Uhr - das alles hat vielen Schülern geholfen", sagt sie. An ihrer Schule, dem Rupprecht-Gymnasium, reichte der Platz für ein Abitur auf Abstand nicht aus. Ein Teil der Abiturienten schrieb die Prüfungen deshalb im gegenüberliegenden Adolf-Weber-Gymnasium. Dort rückte die Polizei nach der ersten schriftlichen Prüfung an, um die Abstandseinhaltung zu überprüfen, erzählt Brandtner. Zu dicht standen die Schüler bei lauter Musik vor der Schule zusammen. Am Freitag blieb es gesitteter. Nach ein, zwei Bier zogen die Abiturienten in den Hirschgarten.

© SZ vom 30.05.2020/lfr

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