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Gesundheit:"Wenn ich's bekomme, dann sterbe ich"

Ilona Cockerells Immunabwehr ist chronisch geschwächt.

(Foto: Catherina Hess)

Menschen mit Krebs gehören zur Haupt-Risikogruppe, eine Ansteckung mit dem Coronavirus kann für sie den Tod bedeuten. Die Diskussion, wie sehr auf sie Rücksicht genommen werden soll, lässt ihre Verunsicherung weiter wachsen.

Von Stephan Handel

Der Satz ist monströs, monströser noch, weil ihn die Patientin mit heiterer Gelassenheit sagt, als spreche sie nur eine Gewissheit aus, etwas, über das sie nicht lange nachdenken muss, das sie einfach akzeptieren muss, weil es nun mal so ist, keine Nachfrage notwendig und Panik auch nicht: "Wenn ich's bekomme, dann sterbe ich."

Ilona Cockerell sitzt vor den Büros der Bayerischen Krebsgesellschaft in der Nymphenburger Straße auf einem Mäuerchen und erzählt aus ihrem Leben, ihr Leben, das sich vor zwölf Jahren so grundlegend geändert hat. Und vor zwei Monaten noch einmal. Vor zwölf Jahren, da war sie 40, erhielt sie die Diagnose über die Krankheit, die seitdem ihr Begleiter ist und ihre Last: CML, Chronische Myeloische Leukämie, die Produktion der Leukozyten gerät völlig außer Kontrolle. Und weil diese, die weißen Blutkörperchen, für die Immunabwehr im menschlichen Körper zuständig sind, hat sich Ilona Cockerells Leben vor acht, zehn Wochen noch einmal grundlegend geändert: Sie darf sich nicht anstecken, sie muss sich fernhalten vom Virus, der die Welt im Griff hält, unsichtbar, doch allgegenwärtig. Eine Ansteckung mit dem Coronavirus wäre ihr Tod.

Cockerell ist eine jener Patientinnen, über die jetzt viel diskutiert wird. Eine von denen, die ja angeblich "nur noch ein halbes Jahr zu leben haben", wie der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer zu wissen glaubt. Was Ilona Cockerell und viele, viele andere betrifft, könnte er falscher nicht liegen: Die CML ist zwar nicht heilbar - aber normalweise gut zu behandeln. Alle paar Wochen geht Ilona Cockerell zu ihrem Onkologen, weil der sehen möchte, wie's ihr geht; alle sechs Monate wird ihr Blut untersucht, und jeden Tag schluckt sie eine Tablette, eine Art Dauer-Chemotherapie. Sie hat sich daran gewöhnt, auch wenn das Medikament die Schleimhäute kaputt macht und ihre Speiseröhre permanent entzündet ist. Ihre Lebenserwartung jedenfalls liegt annähernd bei jener der gesunden Bevölkerung, also: ein, zwei, drei Jahrzehnte hat sie noch vor sich. Wenn sie auf sich achtgibt.

Aufpassen musste sie immer schon. Wenn sie sich doch einmal eine Erkältung einfing, dann brauchte ihr geschwächtes Immunsystem Wochen, sie wieder loszuwerden. Nun aber lauert ein anderer Feind, dem sie nichts entgegenzusetzen hat, und die Medizin auch nichts. Er hat sogar schon einmal bei ihr angeklopft, zumindest dachte sie das: Anfang März war sie erkältet, und das ging und ging nicht weg. "Da hab' ich mir gedacht: Vielleicht ist er das schon", sagt sie. Schließlich war auch ihr Hausarzt der Meinung, nun müsse man mal genauer nachschauen. Im Krankenhaus Kaufbeuren wurde ihre Lunge geröntgt, und auf Corona getestet wurde sie auch. Der Test fand an einem Dienstag statt, bis zum Donnerstag musste sie auf das Ergebnis warten. "Ich hatte große Angst, es ging mir sehr schlecht."

Der Test war negativ, was in diesem Fall ja eine positive Nachricht ist. Beruhigt hat sie das nicht, denn die Gefahr ist ja immer noch da. Immerhin, das betont sie: Die Termine bei den verschiedenen Ärzten bekam sie schnell und ohne große Umstände. Die Auswirkungen auf ihr Leben sind trotzdem groß und umfassend. Ein Beispiel: Sie arbeitet im Minijob bei der Bayerischen Krebsgesellschaft. Bisher hat sie ihre Arbeitszeit auf zwei Tage aufgeteilt und hat, weil sie in Bad Wörishofen wohnt, bei Freunden in München übernachtet. Das geht jetzt nicht mehr. Sie arbeitet nur mehr einen Tag und braucht ansonsten ihren Urlaub auf - ewig kann das aber auch nicht so weitergehen.

Ilona Cockerell ist verwitwet und hat keine Kinder. Umso wichtiger wäre ihr eigentlich die Selbsthilfegruppe bei der Bayerischen Krebsgesellschaft, deren stellvertretende Leiterin sie ist: Der Austausch mit Gleichgesinnten, die in ähnliches Schicksal, eine ähnliche Geschichte eint. Sie selbst, so sagt sie, habe ausreichend Freunde - aber es gibt Mitglieder in der Gruppe, die sind ganz alleine, für sie ist der regelmäßige Gruppentermin die einzige Art sozialer Kontakt. Cockerell und ihre Gruppenleiterin versuchen, telefonisch Kontakt zu halten, aber ein Ersatz ist das nicht.

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Markus Besseler ist einer der Geschäftsführer der Bayerischen Krebsgesellschaft und beklagt diesen Zustand ebenfalls - sämtliche Selbsthilfegruppen können sich im Moment nicht treffen: "Menschen mit Krebs gehören zur Haupt-Risikogruppe." Gerade für sie wären die Treffen aber wichtig, sagt Besseler, das weiß er aus Berichten seiner Mitarbeiter: "Angst ist ein großes Thema." Sie versuchen, der Vereinsamung und der Furcht entgegenzuwirken, durch Telefonberatung der Psychoonkologen, durch andere Angebote ohne Ansteckungsgefahr. Das Problem dabei aber ist, dass die durchschnittliche Klientel naturgemäß im fortgeschrittenen Alter ist - das hat Auswirkungen etwa auf die Akzeptanz neuer Technologien wie Video-Zusammenkünften.

Ein anderer Punkt macht Besseler fast noch größere Sorgen: Die falsch verstandene Zurückhaltung was ärztliche Behandlungen angeht. "Viele unserer Patienten denken: Ist eh schon grad alles so schlimm, und jetzt komm' ich auch noch daher. Für diese Scham gibt es aber keinen Grund." Ihm ist auch nicht bekannt, dass ärztliche Behandlungen mit Verweis auf das Virus verweigert worden wären. Allerdings sehr wohl, dass eigentlich geplante Eingriffe verschoben wurden, weil die Kliniken ja von der bayerischen Staatsregierung verpflichtet wurden, alles nicht dringend Notwendige zurückzustellen. "Das kann die Menschen natürlich verunsichern", sagt Besseler, "sie machen sich berechtigte Sorgen."

Ilona Cockerell auf dem Mäuerchen vor den Büros erzählt jetzt von ihrem Leben in Bad Wörishofen; vor einem Jahr ist sie aus München weggezogen, "weil dort die Luft besser ist". Ihre Angewohnheiten aus der Großstadt hat sie beibehalten: Sie geht nur im Notfall auf fremde Toiletten, sie hat immer ein Fläschen Sagrotan in der Handtasche. Und öffentliche Verkehrmittel meidet sie. Wenn sie einkaufen will und vor dem Markt eine Schlange steht, dann dreht sie lieber wieder um. "Ich bin kein ängstlicher Mensch", sagt sie, "aber ich darf mich nicht infizieren, solange es keine Impfung gibt." Denn im Hinterkopf lauert immer dieser eine monströse Satz.

© SZ vom 05.05.2020/vewo
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