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Kinderarzt zum Coronavirus:"Was mir Sorgen bereitet, ist die Hysterie"

Kinderarzt Philipp Schoof erlebt wegen des Coronavirus einen Ansturm auf seine Praxis. Er warnt: Der Reflex vieler besorgter Eltern sofort zum Arzt zu gehen, sei im Ernstfall fatal. Was sie stattdessen tun sollten.

Der Kinderarzt Philipp Schoof hat diese Woche seinen Urlaub unterbrochen. Der Ansturm in seiner Münchner Praxis war sonst nicht mehr zu bewältigen. Seit Langem warnt Schoof davor, dass die kindermedizinische Versorgung nicht mehr ausreicht. Nun befürchtet er, dass sich die Situation in der aktuellen Grippesaison durch die Panik vor dem Coronavirus noch drastisch verschlimmern könnte.

SZ: Haben Sie Angst, dass sich das Coronavirus unter Kindern stark ausbreitet?

Philipp Schoof: Ich mache mir eher Sorgen um das Verhalten der Bevölkerung. Wenn die Ferien in Bayern zu Ende gehen, könnte eine aus Südtirol importierte Coronavirus-Welle drohen. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass aufgeregte Eltern unkontrolliert mit ihren hustenden Kindern in die Praxen und Kinderklinikambulanzen strömen. Das wäre ein Brandbeschleuniger. Ich hatte am Montag Patienten, die am Wochenende mit einem Virusinfekt im Notdienst waren und am nächsten Tag wieder in die Praxis kamen. Dieser Reflex - mein Kind hat Husten und Fieber, ich muss sofort zum Arzt - wäre fatal beim Coronavirus. Dann würde genau das passieren, was man vermeiden will.

Dass die Menschen sich im Wartezimmer beim Arzt anstecken?

Ja. Wir hatten vor einigen Tagen eine Mutter in der Praxis, die in einer Menschentraube an der Anmeldung stand. Das Kind hatte Fieber und Husten, sie glaubte, dass es sich mit dem Coronavirus infiziert hatte. Es gab einen Kontakt zu einem Arbeitskollegen, der gerade aus China wiedergekommen war. Das ist der klassische Fall, bei dem die Vernunft aussetzt, und die Angst überhandnimmt. Auf Nachfragen war die Falldefinition nicht erfüllt. Wenn das Kind tatsächlich das Virus gehabt hätte, hätte es die anderen Patienten in der Praxis angesteckt.

Was sollen Eltern machen, wenn sie denken, ihr Kind könnte sich infiziert haben?

Auf keinen Fall sofort panisch zum Arzt oder in die Klinik rennen. Stattdessen erst einmal bei der Telefon-Hotline des Gesundheitsreferats anrufen und sich informieren. Der beste Schutz wäre, wenn die Bevölkerung sich klug verhält und die Basishygienemaßnahmen einhält. Hände waschen und mit kranken Kindern zu Hause bleiben, gerade in dem Wissen, dass das Virus bei Kindern einen eher harmlosen Verlauf nimmt. Wir können damit rechnen, dass das Virus sowieso schon viel verbreiteter ist, ohne dass es jemand gemerkt hat. Wenn ein Kind mit Husten und Fieber in die Praxis kommt, was ja im Winterhalbjahr der Normalfall ist, teste ich nicht regelhaft, ob es das Coronavirus ist.

Warum testen Sie nicht alle Kinder?

Bis vor kurzem gab es dazu keinen Test. Das Bestimmen würde ja nichts an der Therapie ändern. Außerdem haben wir Haus- und Kinderärzte realistisch gar nicht die Möglichkeiten dafür, solche Abstriche vorschriftsmäßig durchzuführen, in Schutzkleidung und in isoliertem Raum. Dazu sind viel zu viele Patienten in den Praxen. Unser Wissensstand ist, dass Kinder unter neun Jahren keine schweren Verlaufsformen entwickeln. Aber je mehr Kinder angesteckt sind, desto mehr wird das Virus in die Familien und Einrichtungen getragen. Das sollte durch umsichtiges Handeln vermieden werden.

Philipp Schoof ist niedergelassener Kinderarzt in München und Obmann des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte München. Schoof weiß um die Sorgen der Eltern - aber auch um die Engpässe der Praxen im Winter.

(Foto: Robert Haas)

In vielen Kinderarztpraxen ist es sehr schwierig telefonisch durchzukommen.

Bei uns ist das Telefon auch dauerbelegt und nun ist noch so viel Personal krank, dass wir zeitweise überhaupt nicht mehr ans Telefon gehen können. Wir müssen ja die Patienten in der Praxis versorgen.

Sollte man am besten etwa überhaupt nicht mehr zum Kinderarzt gehen?

Wenn man den Eindruck hat, dem Kind geht es sehr schlecht, sollte man auf jeden Fall Kontakt mit dem Arzt aufnehmen und natürlich soll man dann auch in die Sprechstunde kommen. Dafür sind wir da! Was mir Sorge bereitet, ist die Hysterie. Auch wenn ein begründeter Verdacht besteht, sollte man erst einmal abwägen: Wie geht es meinem Kind und ist es wirklich so krank? Die Grippe fordert jedes Jahr übrigens Tausende Todesopfer. Das muss man mal ins Verhältnis zur derzeitigen Berichterstattung zu Covid-19 setzen. Gefährdet sind vor allem Vorerkrankte, alte Menschen, medizinisches Personal mit viel Patientenkontakt oder auch immunsupprimierte Patienten.

Das Coronavirus ist sehr ansteckend.

Ja, da sehe ich auch die große Gefahr, besonders im deutschen Gesundheitssystem, wenn manche mit einem Schnupfen zum Arzt rennen: Dass man genau dort, wo man Hilfe erwartet, sich noch mehr ansteckt. Die Haus- und Kinderärzte stehen an vorderster Front und haben derzeit mehr als 100 Patienten pro Tag zu bewältigen. Allein dieser Patientendurchlauf ist in einer Epidemie für alle gefährlich.

Wie ist die Situation in Ihrer Praxis?

Wir haben aktuell bereits enorme Grippe- und Erkältungswellen. Auch viele unserer Mitarbeiter sind im Krankenstand. Viele Eltern kommen mit ihren hustenden Kindern in die Praxen und selbst wenn wir ihnen sagen, dass es eine Grippe ist und dass es etwa eine Woche dauert, kommen diese nach zwei Tagen wieder, weil das Fieber noch nicht weg ist. Wir niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte, die Klinikambulanzen und Bereitschaftspraxen können den Ansturm so schon kaum bewältigen. Eine zusätzliche Coronavirus-Welle könnten wir meiner Meinung nach in keinster Weise auffangen.

Gesundheitsminister Jens Spahn sagt, unser Gesundheitssystem sei bestmöglich vorbereitet.

Wir haben Anweisungen zu Schutzkleidung bekommen, aber uns ist kein offizieller Pandemieplan bekannt. Wir haben nicht die finanzielle Kapazität, um die Spezialmasken, Schutzkittel und Hauben zu kaufen. Wenn man das hochrechnet auf 100 bis 150 Patientenkontakte pro Tag im Winter bei den meisten Kinderärzten, hätten Sie 100 bis 200 Euro Kosten pro Tag pro Person, die in der Praxis arbeitet. Abgesehen davon, dass man so viel Material aktuell wegen Lieferengpässen gar nicht kaufen und entsorgen kann. Insofern gehen Anleitungen zu Schutzkleidung völlig an der Realität vorbei. In den Medien laufen Live-Ticker, die jeden schwer Erkrankten irgendwo auf der Welt als "Breaking News" einblenden. Das schafft diese Panikstimmung. Die Ansage von Spahn: "Wir sind gut aufgestellt und wir werden Sie schützen", ist vielleicht politisch nachvollziehbar. Schlauer wäre es, wenn das Gesundheitsministerium in großem Stil die Bevölkerung aufklärt, wie man sich jetzt klug verhält. Das schützt am allermeisten.

Corona-Hotline des Münchner Referats für Gesundheit und Umwelt: 089/233 47 819 (8.30-15 Uhr); Hotline des bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit: 09131/6808-5101

© SZ vom 27.02.2020
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