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Falsch verbunden:"Bin ich hier bei Corona?"

Falsch verbunden: Hartmut Dihm muss derzeit vielen Anrufern sagen, dass sie versehentlich nicht bei der Stadt München gelandet sind.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Weil die Telefonnummer von Hartmut Dihm nahezu identisch mit der Hotline der Stadt München ist, erhält der pensionierte Richter viele Anfragen, die das Virus betreffen - meistens kann er helfen.

Interview von Michael Bremmer

Vor ein paar Wochen hat eine Frau kurz vor Mitternacht angerufen. Hartmut Dihm, 75, ist es gewohnt, dass sich Menschen verwählen und bei ihm landen. Die Telefonnummer des pensionierten Richters ist fast identisch mit der Corona-Hotline der Stadt München, dementsprechend häufig klingelt derzeit das Telefon. Die Anrufe stören ihn aber nicht. Denn auch wenn er nicht weiterhelfen kann, ergeben sich immer wieder nette Gespräche.

SZ: Herr Dihm, haben Sie schon eine andere Telefonnummer beantragt?

Hartmut Dihm: (lacht) Nein, das habe ich auch nicht vor.

SZ: Warum nicht? Seit Wochen bekommen sie versehentlich Anrufe von Menschen, die eigentlich die Corona-Hotline der Stadt München erreichen wollen.

Ich habe jetzt 50 Jahre diese Telefonnummer, die gebe ich ungern auf. Außerdem habe ich bislang keine negativen Erfahrungen gemacht. Meistens sind die Anrufer dankbar, wenn ich ihnen die korrekte Nummer der Corona-Hotline mitteile.

Sind die Menschen aufgeregt, wenn Sie bei Ihnen anrufen?

Überwiegend schon. Sie legen sehr schnell los und schildern sofort ihr Anliegen, ohne ihren Namen zu nennen. Vermutlich, weil sie so aufgeregt sind. So fragte mich eine Anruferin: "Bin ich hier bei Corona?" Das ließ mich erahnen, was auf uns zukommen würde.

Was wollen die Menschen denn wissen?

Eine Frau hat angerufen, weil sie der Stadt das Ergebnis ihres Corona-Tests mitteilen sollte. Ein Mann hat nach den ersten Lockerungen der Ausgangssperre gefragt, ob er nun Besuch empfangen dürfe. Und einer ist gerade nach München gezogen und hat gefragt, ob er sein Auto ummelden könne.

Diese Frage klingt jetzt nicht unbedingt nach Corona-Hotline.

Vielleicht wollte der Mann auch zur Kfz-Zulassungsstelle. Auch deswegen bekommen wir manchmal Anrufe. Vermutlich haben die auch eine ähnliche Nummer.

Wie viele Menschen haben sich denn bislang verwählt?

Ich kann da nur schätzen. Am Anfang waren es mehr als drei Anrufe am Tag, jetzt hat es ein bisschen nachgelassen. Aber so annähernd an die 100 Anrufe werden es gewesen sein.

Und dann können Sie gar nicht helfen...

Ich kann insofern helfen, dass ich ihnen die genaue Nummer der Corona-Hotline sage. Ich kenne sie ja mittlerweile schon auswendig.

Aber die Menschen rufen ja mit ganz konkreten Anliegen an, oder?

Ja, das schon. Eine Reitlehrerin wollte etwa wissen, ob sie jetzt wieder Reitstunden an Einzelpersonen geben darf. Das kann ich natürlich nicht beantworten. Ich sage dann den Menschen immer, dass sie an der falschen Stelle gelandet sind.

Hat Sie ein Fall besonders berührt?

Das Telefonat mit der Frau, deren Testergebnis negativ war. Ich antwortete ihr, dass dies ja eine positive Nachricht sei. Daraus hat sich dann ein persönliches Gespräch entwickelt. Und am Ende haben wir uns gegenseitig alles Gute für die Zukunft gewünscht.

Wie reagieren denn die Anrufer generell?

Überwiegend reagieren die Leute sehr freundlich und verständnisvoll, ja manchmal fast mitleidig, wenn ich ihnen sagen muss, dass sie sich verwählt haben und dies derzeit häufig passiere. Umgekehrt hatte ich auch Mitleid mit den Anrufern, als die Hotline in den ersten Wochen ständig überlastet war. Ich stellte mir dann vor, welche Erleichterung sie gehabt haben mussten, endlich durchgekommen zu sein. Und dann mussten sie sich von mir sagen lassen, dass es doch nichts war. Die meisten reagieren dann mit Humor. Es ist schön, dass die Menschen trotz der angespannten Lage nicht den Humor verloren haben.

Rufen die Menschen wenigstens nur zu den Öffnungszeiten der Behörden an?

Mittlerweile schon. Aber am Anfang meldeten sich die ersten schon um halb acht Uhr am Morgen und nachts bis kurz vor Mitternacht. Das führte dazu, dass ich eine Zeit lang das Telefon abends aussteckte, um nicht schon morgens früh davon geweckt zu werden.

Hatten Sie nie Lust, die Fragen einfach zu beantworten?

Natürlich kenne ich mich durch die tägliche Lektüre der Zeitung und auch durch die Berichterstattung im Fernsehen aus. Aber ich habe keinerlei wissenschaftlich fundiertes Fachwissen, deswegen würde ich mir das nie anmaßen.

© SZ vom 09.05.2020/lfr

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